08.06.2004 · Seit gut vier Wochen ist der Spitzenkandidat der Grünen, Daniel Cohn-Bendit, kreuz und quer durch Europa auf Achse. Und macht seinem Unmut über den Stil des Europa-Wahlkampfs Luft.
Von Michael Stabenow, LilleDer Abstecher nach Amsterdam ist Vergangenheit. Nächste Station ist Lille. Drei Termine erwarten den Wahlkämpfer Daniel Cohn-Bendit in der nordfranzösischen Großstadt: Seit gut vier Wochen ist der Spitzenkandidat der Grünen kreuz und quer durch Europa auf Achse. Bei einem Zwischenstopp in Brüssel hat sich "Dany", wie ihn fast alle rufen, noch mal eben mit Fraktionsmitarbeitern getroffen. Nun sitzt er im Hochgeschwindigkeitszug TGV 9834 und blättert in der französischen Sportzeitung "L'Équipe".
Für einige Minuten wirkt grüne Europa-Politik entrückt, die Fußball-Europameisterschaft zum Greifen nahe. Das ändert sich, als Cohn-Bendit mit Reisetasche und kleinem Rucksack im hochsommerlichen Lille dem Zug entsteigt. Es wird ein Heimspiel werden für den 1945 in Frankreich geborenen Sohn deutscher Flüchtlinge, der schon bei den Pariser Mai-Unruhen des Jahres 1968 weit über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt geworden war.
Das "Wunder vom Bosporus"
Seit fünf Jahren sitzt er für die französischen Grünen im EU-Parlament, nun tritt er wieder, wie schon von 1994 bis 1999, für die deutsche Schwesterpartei an. Aber welche Rolle spielt das schon für einen, der, wie Cohn-Bendit es ausdrückt, "einen deutschen Paß und eine europäische Identität" besitzt?
Daß Realos auch träumen können, beweist Cohn-Bendit spätabends auf einer Veranstaltung mit polnischen, belgischen und französischen Grünen. Nach dem "Wunder vom Rhein" und dem "Wunder von der Oder", womit er die deutsch-französische Aussöhnung und die jüngste EU-Erweiterung umschreibt, beschwört er nun das "Wunder vom Bosporus": Am europapolitischen Schicksal der Türkei entscheide sich, ob es den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus oder einen "Krieg der Zivilisationen" geben werde. Natürlich müsse die Türkei, besonders bei der Achtung der Grundrechte und weltanschaulicher Vielfalt, mehr leisten. Aber Cohn-Bendits Kernaussage ist eindeutig: "Es wäre unverzeihlich, wenn wir nicht mit den Beitrittsverhandlungen beginnen würden."
„Nicht 25 einzelne Völker“
Viel Zuspruch erhält er auch für die Forderung nach einem europäischen Referendum für die EU-Verfassung. Bei einzelstaatlichen Volksabstimmungen gebe es das Risiko wie bei Europa-Wahlen. Sie ließen sich dazu mißbrauchen, innenpolitische Ohrfeigen zu verabreichen. "Wenn Chirac heute sagte, die Sonne scheint, dann würde ihm doch nur entgegenschallen: Nein, nein, nein."
Anders als sein "Lieblingsaußenminister" Joschka Fischer befürwortet Cohn-Bendit ein Referendum unter der Voraussetzung, eine Zustimmung an eine Mehrheit der EU-Bevölkerung und von mindestens drei Vierteln der Staaten zu knüpfen. Wer nein sage, müsse innerhalb eines Jahres über seine Zukunft beschließen. Großbritannien habe dann zu entscheiden, ob es 51. amerikanischer Bundesstaat oder 25. EU-Land sein wolle. Beifall braust auf, als Cohn-Bendit in den Saal ruft: "Das europäische Volk muß sich als europäisches Volk aussprechen können - und nicht als 25 einzelne Völker."
Unmut über den Stil des Europa-Wahlkampfs
Schon kurz vorher, bei ein paar Happen Salat, Camembert und aus biologischem Anbau stammendem Apfelsaft, ist die Stimmung Cohn-Bendits und eines halben Dutzends Parteifreunden gelöst. 45 bis 50 Abgeordnete, darunter mindestens ein Dutzend aus Deutschland, könnte die Fraktion demnächst zählen. Daß Cohn-Bendit einer von zwei Fraktionsvorsitzenden bleiben will und wohl auch wird, gilt nicht nur in Lille als offenes Geheimnis. Dennoch macht er auch jetzt wieder seinem Unmut über den Stil des Europa-Wahlkampfs Luft. "Was mich aggressiv macht, ist, daß die meisten Parteien nicht über Europa reden. Das ist in Frankreich nicht anders als in Deutschland."
Plötzlich kramt er ein Zettelchen hervor und beginnt, sich Notizen zu machen. Jeder solle jetzt einen Vorschlag für seinen Auftritt machen. "Das wäre das erste Mal, daß du eine Rede vorbereitest", entgegnet flachsend eine Mitarbeiterin. Cohn-Bendit verkündet, er wolle den Gag mit der Preisverleihung der Filmfestspiele von Cannes ausprobieren. Daß der amerikanische Regisseur Michael Moore für seinen Film "Fahrenheit 9/11" - ein Verriß der Politik der Vereinigten Staaten und ihres Präsidenten - in Cannes die "Goldene Palme" erhalten habe, sei schön und gut. Aber eigentlich hätte George Bush mit dem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet werden müssen.
Ganz so rauschend, wie es Cohn-Bendit erhofft hat, ist der Beifall nicht. Aber er wird den Spruch sicher nochmals anbringen - vielleicht tags drauf in Turin oder bei der Abschlußveranstaltung des Wahlkampfs der Grünen am Donnerstag in Düsseldorf.