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Beppe Grillo : Ein roter Teppich aus dem Filz der Kaste

Ich bin bereit: Beppe Grillo wartet auf Fehler in Rom Bild: AFP

Während Giorgio Napolitano in Rom abermals Präsident wird, sitzt Beppe Grillo, Kopf der neuen Partei „Bewegung 5 Sterne“, bei Wein im Friaul. Er wartet auf die Fehler seiner Gegner.

          Es ist längst nach elf am Samstagabend, als Beppe Grillo in seinem Camper auf den Hof der Familie Ulmer in Tissano im Friaul vorfährt. Der Chef der „Bewegung 5 Sterne“ (B5S) ist heiser, müde und hungrig. Während in Rom der Wahlmarathon für den italienischen Präsidenten in die nächste Runde ging, fand in Udine die letzte Kundgebung im Regionalwahlkampf in Italiens Nordosten statt. An diesem Montag wird gewählt. Noch einmal hatte Grillo viele tausend Menschen jeden Alters und aus allen Schichten von der „friedlichen Revolution für den Neuanfang“ durch seine „Grillini“ überzeugen wollen.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Nachdem noch am Abend zuvor ein halbleerer Platz und Pfiffe den Auftritt des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi zum Misserfolg gemacht hatten, hatte Grillo denselben Platz füllen können: „Ich stehe eben für Neuanfang. Dafür, dass die Bürger selbst das Land wieder in die Hand nehmen.“

          Der deutsche Kunsthistoriker und Hotelier Christoph Ulmer war vor Jahren Chef des Museums der nahen Villa Manin, die Ende des 18. Jahrhunderts vom letzten Dogen von Venedig gebaut wurde, und hatte dabei so viele Schwierigkeiten bei der sinnvollen Nutzung des Museums mit Behörden und Parteipolitik, dass er im letzten Jahr zu den Grillini stieß, deren Denkmalschutzprogramm für den Friaul er mitverfasste. Diese Nacht bewirtet Ulmer Grillo und sein Team in seiner Villa von Tissano, die auf ein Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert zurückgeht. Ulmer serviert Käse, Salami und die Pasta.

          Grillo will nicht selbst kandidieren

          Der Schinken stammt von einem Grillo verehrenden Fleischproduzenten. Ulmers Tante, die Gräfin Constanze Beretta, stiftete den Wein. Auch sie und ihr Mann sind Grillo-Wähler: „Hier entwickelt sich von der Basis aus etwas Neues, wo alle sich mit pragmatischen Interessen treffen können.“ Der Filz sei zu dicht; man könne nur noch mit Beziehungen etwas erreichen, hatte die ältere Dame am Nachmittag in ihrem Salon mit den Ahnenbildern gemeint und darüber geklagt, dass sie durch die jüngst durch Ministerpräsident Mario Monti wieder erhobene „Grundsteuer pro Kubikmeter“ arm werde, weil ihr denkmalgeschütztes Schloss groß sei, aber ihre Einnahmen gering.

          Grillo baut auch auf die Politikverdrossenheit vieler Italiener
          Grillo baut auch auf die Politikverdrossenheit vieler Italiener : Bild: AFP

          Als Grillo hört, dass auch PD-Chef Pier Luigi Bersani zurücktreten will, wird der müde Wahlkämpfer wieder wach. „Jetzt bekommt Bersani die Quittung! Wir von der B5S haben einen Mann seiner Partei, den Datenschützer Stefano Rodotà, aufgestellt. Längst hätte die PD zu diesem eigenen Mann überschwenken können; er wäre längst gewählt worden“, sagt Grillo. „Stattdessen scheiterte Bersani jetzt auch mit seinem Prodi.

          Jeder Vierte in seiner PD wählte im 5. Wahlgang anders. Bersanis Partei löst sich auf.“ Grillo, der auf den Plätzen schreit und schauspielert, ist im privaten Kreis ein freundlicher Mann, der sich bei jedem erhebt, der ihn grüßen will. Er kann zuhören und antworten. Grillo will nicht selbst kandidieren: „Ich sehe mich in den nächsten Jahren als eine Garantie dafür, dass nur Leute bei uns antreten, die sauber sind, und dafür, dass sich die Bewegung nicht korrumpieren lässt; dass wir einhalten, was wir versprechen, und nicht für Macht faule Kompromisse eingehen“, sagt er dem Reporter.

          Gallucio hält sich strikt an die Verkehrsregeln

          Er wolle „nur etwas ganz Normales“, setzt Grillo fort: „Die Familien sollen leben können, stattdessen ist jeder Fünfte ohne Arbeit, jeder dritte Jugendliche.“ Unternehmensgründungen müssten erleichtert, erfolgversprechende Betriebe gefördert werden. Arbeiten solle sich lohnen. „Ich will, dass wir Italiener wieder Hoffnung haben. Es geht nicht an, dass wir mit Angst zum Briefkasten gehen, weil dort ein Mahnbescheid von der Steuereinzugsbehörde liegen könnte.“

          Dazu erzählt der Tischnachbar Severio Gallucio, der Grillos Ministerpräsident im Friaul werden will, von dem Unternehmer, der drei Jahre für eine Gemeinde gearbeitet, aber nie Geld von ihr bekommen habe, weil sie zwischenzeitlich pleiteging. Wohl aber sollte der Unternehmer in der Zeit genauso hohe Steuern an den Staat abführen wie in den guten Jahren zuvor. Mittlerweile ist auch der Unternehmer bankrott, sein Haus gepfändet, und er ist vorbestraft. „Die Bürger sind dem Staat und den Behörden ausgeliefert; Steuerberater und Anwälte verdienen daran“, schließt Gallucio.

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