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Veröffentlicht: 02.01.2014, 08:14 Uhr

Arbeitnehmerfreizügigkeit Gegen gefährliche Vorurteile

In Rumänien und Bulgarien herrscht Unverständnis für die westeuropäische Angst vor der Einwanderungswelle. Besonders in Großbritannien und Deutschland sind die Debatten gespickt mit Vorurteilen.

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© Reuters Nur eins der Vorurteile gegenüber Roma: Sie seien randalierende, unverschämte „Sozialtouristen“. Dabei ist ihre Lage oft verheerend: Dieser Roma wärmt sich Anfang Dezember in einer früheren Eisfabrik in Berlin an einem kleinen Feuer.

Es gibt kaum einen Punkt, in dem sich die rumänischen Parteien so einig sind wie in ihrer Haltung zur Öffnung der Arbeitsmärkte der EU für Rumänen und Bulgaren. Erstens sei es höchste Zeit, ihren Arbeitskräften die volle Personenfreizügigkeit einzuräumen, und zweitens rolle keineswegs eine Migrationswelle auf die Länder zu, die sieben Jahre Aufschub bis zur völligen Öffnung für die neuen EU-Länder in Anspruch genommen hätten.

Karl-Peter Schwarz Folgen: Michael Martens Folgen:

Dies taten Deutschland, Österreich, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg und Malta. Italien und die Tschechische Republik öffneten ihren Arbeitsmarkt vor zwei Jahren, Irland folgte im Juli 2012. Die auch in diesen Ländern befürchtete Masseneinwanderung blieb aus. Nach einem Bericht der OECD über die Perspektiven der internationalen Migration, der im Juli 2013 veröffentlicht wurde, rangiert Rumänien nach China an zweiter Stelle der Ursprungsländer internationaler Migration, gefolgt von Polen.

Mehr Gehalt und mangelndes Vertrauen in das Heimatland

Der Bericht schätzte die rumänischen Arbeitsmigranten auf insgesamt 3,5 Millionen – eine Zahl, die auch in Bukarest genannt wird. 2011 und 2012 emigrierten 310.000 Rumänen in OECD-Länder, wobei Deutschland als Zielland hinter Italien und Spanien an dritter Stelle lag. In beiden mediterranen Ländern stellen Rumänen die größte Gruppe der Immigranten. Aufgrund der romanischen Sprachverwandtschaft fällt es Rumänen zwar leichter, sich dort zu integrieren, aber die steigende Arbeitslosigkeit in den Krisenländern zwingt sie, andere Zielländer in Betracht zu ziehen.

Den damit verbundenen höheren Anforderungen sind gering qualifizierte Arbeitskräfte kaum gewachsen. Die meisten Rumänen arbeiten im europäischen Ausland in der Landwirtschaft, als Bauarbeiter, Haushaltshilfen sowie im Hotelgewerbe und in der Gastronomie. Nicht nur die Aussicht auf bessere Bezahlung motiviert sie, sondern auch das mangelnde Vertrauen in ihr eigenes Land, das viele als arm und korrupt wahrnehmen.

„Brain drain“ schade den Ursprungsländern

In Deutschland wurden im Sommer vorigen Jahres bei stark steigender Tendenz 238.000 rumänische Zuwanderer registriert. Der typische hochqualifizierte Migrant, der bereits im Ausland arbeitet, ist jung, alleinstehend und Akademiker. Deutschland profitierte davon besonders, weil es zu den Ländern zählt, die Zuwanderung akademisch gebildeter Fachkräfte am wenigsten beschränkt. Arbeitsplätze, für die ein Hochschulabschluss erforderlich ist, konnten Arbeitgeber schon bisher mit Migranten besetzen.

Strengere Bestimmungen galten für jene rumänischen und bulgarischen Arbeitskräfte, die über eine nichtuniversitäre Berufsausbildung verfügen. Zahlreichen Unternehmen wird es nun leichterfallen, ihren Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu decken. Migrationsforscher wiesen immer wieder darauf hin, dass die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte („brain drain“) den Ursprungsländern schade und den Zielländern nütze.

Die Ängste vor den „stehlenden Roma“ sind nicht neu

In der öffentlichen Wahrnehmung vieler alter EU-Länder hat sich ein völlig anderes Bild des typischen Migranten aus Rumänien durchgesetzt: Er ist ein arbeitsloser Analphabet, stiehlt oder schickt seine Kinder betteln und hat es auf Sozialbetrug abgesehen. Viele denken dabei an die rund sechs Millionen Roma, die in Rumänien und Bulgarien oft zusammengepfercht in Barackensiedlungen, diskriminiert und sozial entwurzelt leben und ihr Glück im Westen Europas suchen.

Diese Art von Einwanderern hätten die bisher geltenden restriktiven Zuwanderungsbestimmungen abwehren können. Jetzt aber könne ihn nichts mehr aufhalten, so die Befürchtungen. Diese Ängste sind nicht neu. Nach dem rumänischen EU-Beitritt im Januar 2007 alarmierte etwa das britische Boulevardblatt „Daily Express“ seine Leser mit der Warnung, 1,6 Millionen Roma bereiteten sich darauf vor, über die Insel herzufallen. Auch dieses Mal wurden die düstersten Szenarien wiederum in Großbritannien beschworen.

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