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Alexis Tsipras in Brüssel : Freibier vom Fass ohne Boden

Alexis Tsipras (links) mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz Bild: dpa

Alexis Tsipras ist in Brüssel nicht als Europäer-Schreck aufgetreten, aber als Zeuge der Athener Anklage: Sparen zerstöre das Land. Man müsse ihm die Schulden erlassen. Von einem Austritt aus dem Euro will er indes nichts wissen.

          Der Mann, der noch vor ein paar Monaten die Albträume der führenden EU-Politiker nährte, sieht eigentlich ganz brav aus. Alexis Tsipras sitzt mit akkurat gekämmtem Seitenscheitel und freundlichem Gesicht in einem Sitzungssaal des Brüsseler Europaparlaments. Von einem Aufwiegler oder Klassenkämpfer hat er nichts. Wenn er noch eine Krawatte trüge, könnte er vielleicht als eine Art griechischer Markus Söder durchgehen. „Das Geld des europäischen Steuerzahlers darf nicht in ein Fass ohne Boden gezahlt werden“, sagt er doch tatsächlich, und meint damit wirklich sein eigenes Land.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Tsipras, der linke Jungstar der griechischen Politik, ist am Donnerstag zu Besuch bei der „Konföderalen Fraktion Vereinigte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke“, in der sich sozialistische und kommunistische Parteien Europas zusammengeschlossen haben. Sie stellt 34 der 754 Abgeordneten in Europas Volksvertretung. Einer davon kommt aus Tsipras’ so überaus erfolgreichem Wahlbündnis Syriza. Es ist ein grauer älterer Herr, der den ganzen Nachmittag nur versonnen vor sich hinlächelt. Vermutlich freut er sich über den Presseansturm, den seine Fraktion sonst entbehren muss.

          Alle starren auf Tsipras

          Fraktionsvorsitzende ist Gabi Zimmer von der deutschen Linkspartei. Auch sie ist für den Stargast aus Athen keine mediale Konkurrenz. Sie erwähnt zu Beginn der Pressekonferenz kurz, dass die Fraktion am Morgen ein Gutachten vorgelegt hat, nach dem der Fiskalpakt gegen das EU-Recht verstößt, weil er so viele Widersprüche zum geltenden Lissabon-Vertrag enthalte. Ihre Fraktion wolle das Parlament deshalb zu einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof bewegen. Aber das interessiert heute niemanden, alle starren auf Tsipras.

          Der holt zu einem kurzen, sachlichen Vortrag aus, in dem er darlegt, dass in seinem Land trotz Sparrunden und Schuldenschnitt nichts besser geworden sei. Seit fünf Jahren stecke Griechenland in der Rezession, so etwas habe man bisher nur aus Kriegszeiten gekannt. Er bleibt bei der Parole, die ihn bei der Wahl im Juni zur zweitstärksten Partei und damit zum Oppositionsführer gemacht hat: „Wir müssen die Austeritätspolitik aufgeben, wir brauchen Wachstum.“ Die europäischen Bürger zahlten doch nicht für die Griechen, sondern nur für die griechischen Banken.

          Da Tsipras nicht mehr sparen will, hat er sich eine andere, einfachere Lösung ausgedacht, um den griechischen Schuldenberg abzutragen. Er verlangt die Einberufung einer europäischen Schuldenkonferenz, auf der nicht nur seinem Land, sondern allen überschuldeten europäischen Staaten ein großzügiger Schuldenschnitt gewährt werden solle. Als Vorbild hat er sich die Londoner Schuldenkonferenz von 1953 ausgesucht, auf der Deutschland ein Teil seiner damaligen Schulden erlassen wurde. Sechzig Prozent seien das gewesen, sagt Tsipras, das habe dann für Wachstum gesorgt.

          Ein britischer Journalist will noch wissen, ob es für Griechenland nicht höchste Zeit sei, den Euro zu verlassen, der das Land ins Unglück gestürzt habe. Doch davon will Tspiras nichts wissen. Ein Austritt komme vielleicht für Deutschland in Frage, denn dieses Land habe ja andere Möglichkeiten. Für Staaten wie Griechenland oder Italien sei das nicht der Fall. Außerdem würde das Auseinanderbrechen der Gemeinschaftswährung die europäische Einigung bedrohen und eine internationale Krise verursachen, schließlich sei der Euro die zweitgrößte Währung der Welt. Das hätte auch Angela Merkel nicht anders gesagt.

          Quelle: F.A.Z.

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