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Ethikrat : Jacobs Beschneidung

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So sah ein chirurgischer Operationstisch zur Beschneidung von Babys im Jahr 1957 aus. Arme und Beine wurden dafür in die entsprechenden Vorrichtungen geschnallt Bild: F.A.S. Archiv

Ein Video zeigt, wie ein winziger Junge beschnitten wird. In einem anderen Film ist zu sehen, wie einem kleinen Mädchen Ohrlöcher geschossen werden. Beide Videos zeigte der Arzt Latasch auf einer Sitzung des Ethikrates. Die Reaktionen waren unerwartet.

          Jacob war acht Tage alt, als ihm seine Eltern weiße Kleider anzogen und ihn in die Synagoge brachten. Andere Erwachsene filmten seine Beschneidung. Nun kann sie jeder auf Youtube sehen: „The Circumcision of Jacob Chai“. Das Video sollte dem deutschen Ethikrat vorführen, wie harmlos Beschneidungen von kleinen Jungen sind. Fünfzig Sekunden aus dem Leben von Jacob. Leo Latasch, ein erfahrener Anästhesist aus Frankfurt und Mitglied im Direktorium des Zentralrates der Juden in Deutschland, hatte das Video auf seinem Computer mitgebracht. Als Mitglied des Ethikrates hielt er auf der Sitzung Ende August den ersten Vortrag zum Thema Beschneidung; er kündigte an, dabei sowohl medizinische Fragen als auch religiöse aus jüdischer Sicht zu erläutern.

          Nach drei Minuten kündigte der Professor an, dem Publikum zu erklären, wie eine jüdische Beschneidung funktioniere, „weil ich davon ausgehe, dass 99,5 Prozent derer, die hier überhaupt drin sind, noch nie eine Beschneidung gesehen haben“. Zum Beispiel müsse das Kind dabei nüchtern sein. „Wir wissen also gar nicht, ob das Neugeborene nicht auch aus Hunger schreit oder weil es festgehalten wird“, sagte Latasch. Ausführlich schilderte er, wie das Kind vorbereitet, festgehalten und beschnitten werden soll. „Danach sollten mindestens ein bis zwei Tropfen Blut, was wichtig ist religionsmäßig, sichtbar sein.“ Diese würden „entfernt“, anschließend werde ein Verband angelegt. Fertig. Dann startete Latasch den Ausschnitt von Jacobs Beschneidungsvideo, den er auf seinem Rechner gespeichert hatte.

          Jacob weint

          Die Zuschauer im Ethikrat sahen, wie der winzige Jacob ohne Windeln auf dem Rücken liegt. Er schreit. Ein Mann hält seinen Körper mit beiden Händen fest, die Daumen am Bauch des Babys, die Finger an seinen Schenkeln. Er spreizt die Beine. Ein weiterer Mann greift mit einer Hand Jacobs Penis, während er mit der anderen eine gelbe Flüssigkeit darauf schüttet. Mit einem Tuch verreibt er sie auf dem Geschlechtsteil des Kindes. Jacob schreit aus Leibeskräften. Nur wenn ihm die Luft ausgeht, ist er kurz still. Dann schreit er weiter. „So wird das Kind gehalten“, kommentierte Latasch die Bilder über das Mikrofon. Jacob schreit. Zwischen Eichel und Vorhaut schiebt der Mann im Video ein Stück Metall. „Das ist die Klemme, die drüber geschoben wird“, kommentierte Latasch. Dann schneidet ein Mann mit einem Messer die Vorhaut ab. „Für die, die nicht geguckt haben: Der Eingriff hat circa zwölf Sekunden gedauert.“ Das Video endet mit Jacobs Schreien.

          Aber die Mitglieder des Ethikrates und die etwa siebzig Zuschauer der öffentlichen Sitzung sahen und hörten noch mehr. Leo Latasch führte ein zweites Video vor, nur wenige Sekunden nach dem von Jacob. Der Film zeigte, wie einem kleinen Mädchen Ohrlöcher geschossen werden. Auf Youtube heißt der Film „Kylie’s ear piercing trauma“.

          Auch dieses Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, schreit und weint laut. Es sitzt auf dem Schoß seiner Mutter und hält sein weißes Plüschtier fest, während ihm beide Ohrläppchen gleichzeitig durchschossen werden. Noch als eine Frau dem Kind danach im Spiegel zeigt, dass es jetzt Ohrlöcher hat, schreit es mit weit aufgerissenem Mund, Tränen glänzen auf dem kleinen Gesicht. Latasch hatte den Film ausgesucht, um zu zeigen, dass auch so etwas schmerzhaft und trotzdem erlaubt ist.

          Doch währenddessen brach eine Frau im Saal ohnmächtig zusammen. Ihr war schlecht geworden, sie hatte sich einen Schluck Wasser holen wollen, es aber nicht mehr geschafft. Einem anderen Besucher wurde so übel, dass er den Sitzungssaal verlassen musste. Ein Zuhörer rief „Sadist“ in Richtung Latasch. Eckhard Nagel, ebenfalls Mediziner und Mitglied des Ethikrates, eilte zu der Frau, um sie zu verarzten. Latasch blickte zu Christiane Woopen, der Vorsitzenden des Ethikrates: Was war los? Woopen zuckte mit den Schultern. Latasch überlegte kurz, was nun zu tun sei, ob er seinen Vortrag unterbrechen sollte und selbst rausgehen und nachsehen, was mit der Frau los ist. Er fürchtete, sie könnte einen Herzinfarkt erlitten haben.

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