19.03.2010 · So wenig wie der Missbrauch dem Zölibat anzulasten ist, kann man ihn der Reformpädagogik als Systementwurf zuschreiben. Nicht abstreiten lässt sich, dass beide Systeme Menschen mit pädophilen Neigungen anziehen - denn sie haben die Nähe zum Überwältigungsprinzip erhoben.
Von Heike SchmollErziehung bedeutet die Ausübung von Macht über Menschen. Das hat Wilhelm Flitner 1965 gesagt. Wer Macht ausübt, kann sie auch missbrauchen. Das gilt für Familien, für das Lehrer-Schüler-Verhältnis, für Therapeuten und Klienten und für seelsorgerliche Beziehungen. Sexueller Missbrauch beginnt dort, wo Abhängigkeitsverhältnisse dazu benutzt werden, die natürlichen Schamgrenzen von Kindern und Jugendlichen zu verletzen und zu überschreiten. Wo Kinder dazu gebracht werden, aus Angst, Unsicherheit, purer Überwältigung ihrer unreifen Seele und aus bodenloser Scham Grenzüberschreitungen als den Normalfall zu betrachten, entwickeln sich Traumatisierungen, die Seelen zerstören, Beziehungsfähigkeit gefährden und Leben vergiften.
Lehrer sind im Leben von Kindern und Jugendlichen wichtige Bezugspersonen. Sie sind Vorbilder, die für ihre Sache, ihr Fach begeistern sollen. Sie werden ihrer Aufgabe aber nur gerecht, wenn sie die professionellen Regeln beherrschen. Dazu gehört, dass sie ihre Grenzen kennen und die Grenzen der Kinder respektieren. Distanz ist dabei unabdingbar, Empathie erforderlich, emotionale Teilnahmslosigkeit nahezu ausgeschlossen. Auf diese Gratwanderung im täglichen Umgang sind Lehrer bei Berufsbeginn nicht vorbereitet. Welcher Lehrer hätte sich schon in seinem Studium mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, sich in einen Schüler oder eine Schülerin zu verlieben oder mit der Verliebtheit eines Schülers umgehen zu müssen? Und welcher Lehrer hätte je etwas über Handlungsmöglichkeiten in solchen Situationen erfahren?
Obligatorisches Duzen hebt die Distanz auf
Noch gefährdeter sind Lehrer, die mit einem ganzheitlichen, moralpädagogisch aufgeladenen Erziehungsanspruch antreten. Je höher der Erziehungsanspruch, desto gewichtiger wird die Person des Lehrers. Wenn der Lehrer „Familienoberhaupt“, „Freund“ und Erzieher in einem sein soll, um seine Schüler zu einem neuen Menschen zu erziehen, wenn die Distanz durch obligatorisches Duzen aufgehoben ist, wird es schwer, professionell zu bleiben. Die Grenzüberschreitung ist in einem solchen Rollenverständnis geradezu angelegt.
Ähnliches gilt für die Erhöhung der Schule als besonderer Ort mit einer nahezu religiösen Aura durch ein pädagogisches Programm, das eher vom Leiden an der Moderne erlösen soll und nicht der schlichten und bodenständigen Vermittlung von Standards dient. Die Schule hat Problemlösungen auf sachlicher Basis zu vermitteln, nicht aber Erlösungsmöglichkeiten.
Vielen Eltern erscheinen die pädagogischen Erlösungsmodelle unterschiedlicher Provenienz trotzdem kindgemäßer, weil sie der Kindheit außerhalb des staatlichen Schulsystems den nötigen Schutzraum zu bieten scheinen – und sie ahnen nicht, dass sie damit die Institution und ihre Kinder überbeanspruchen. Die Schule als Gegenwelt zum Alltag zu konzipieren ist ein gefährliches, nachgerade zum Scheitern verurteiltes Projekt. Denn sie überfordert die Institution. Schulen sind Teil der Gesellschaft und als solcher selten besser als die sie umgebende Welt. Sie leben vom unmittelbaren Bezug zur Realität und sollen nicht vor ihr schützen.
So wenig wie der Missbrauch dem Zölibat als solchem anzulasten ist, lässt er sich allein der Reformpädagogik als Systementwurf zuschreiben. Nicht abstreiten lässt sich jedoch, dass beide Systeme Menschen anziehen, die pädophile Neigungen verspüren und deshalb systempervertierend wirken. Denn sie haben die Nähe zum Überwältigungsprinzip erhoben.
Kartell des Wegschauens und Verschweigens
Mindestens so beängstigend wie das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, das jetzt offenbar wird, ist das Kartell des Wegschauens, Verschweigens und Bagatellisierens, das den Missbrauch ermöglicht und seine Aufklärung verhindert. Der totale Zugriff auf die Seele und den Körper ist eine Straftat und kein Kavaliersdelikt. Die Bagatellisierung solch zerstörerischer Missbrauchsakte durch Intellektuelle und durch diejenigen, die ansonsten nicht gerade zimperlich sind, wenn es um moralische Wertsetzungen geht, gehört zu den wirklich irritierenden Erfahrungen der vergangenen Tage. Dazu zählen auch nachträgliche Selbststilisierungen, die eher öffentlichen Selbstdestruktionen gleichkommen. Ganz offensichtlich ist die Selbstlegitimation einer bestimmten Elitezugehörigkeit durch die Zerstörung ihrer spezifischen Erinnerungsorte gefährdet. Deshalb wird sie mit allen Mitteln verteidigt.
Möglich wurde jahrelanger Missbrauch nur durch systematisches Verschweigen und Vertuschen. Wenn es sich bewahrheiten sollte, dass pädophile Lehrer Anfang der neunziger Jahre in Hessen ausgerechnet in die Lehrerfortbildung abgeordnet wurden und dann auch noch am landeseigenen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung auf den des Missbrauchs beschuldigten ehemaligen Schulleiter der Odenwaldschule trafen, ist das eine bildungspolitische Bankrotterklärung. Solche „Entsorgungsmodelle“ sind mindestens so verantwortungslos wie die Abordnung von pädophilen Pfarrern in eine weitere Gemeinde oder gar in die Jugendarbeit. Eine größere Missachtung von Kindern und Jugendlichen ist schwer denkbar.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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