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Eritrea : Das afrikanische Nordkorea

Keine Zeit für Feld und Schule: Wehrpflichtige in Eritrea (Archivbild) Bild: AFP

Eritreas repressives System treibt seine Bürger in die Flucht. Das Regime von Isaias Afewerki duldet keinen Widerspruch. Militärdienst müssen viele faktisch lebenslang leisten.

          Mit vielen Bootsflüchtlingen, die auf altersschwachen Kähnen über das Mittelmeer in Richtung Italien schippern, hat die Grenzpolizei in Lampedusa kaum Verständigungsschwierigkeiten: Sie sprechen zumindest gebrochen Italienisch. Eritrea, die ehemalige italienische Kolonie am Horn von Afrika, stellt die mit Abstand größte Gruppe unter den Flüchtlingen. Und im Gegensatz zu den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien oder Somalia wagen die Eritreer die lebensgefährliche Passage über das Meer nicht, um Krieg und Zerstörung zu entgehen. Schließlich herrscht in Eritrea seit 13 Jahren Frieden. Die Lebensbedingungen sind zwar alles andere als rosig, Hungertote kennt das Land indes nicht. Was die Eritreer in die Boote treibt, ist vielmehr ein menschenverachtendes politisches System.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Zwischen 2000 und 3000 Eritreer verlassen inzwischen nach Schätzungen der Vereinten Nationen jeden Monat das Land. Die wenigsten unter ihnen nehmen den gefährlichen und kostspieligen Weg über das Meer. Die meisten flüchten auf dem Landweg. In Israel sollen sich gegenwärtig 40000 eritreische Staatsbürger aufhalten, im benachbarten Äthiopien sollen es 87000 sein. Selbst in einem so schlecht beleumundeten Land wie Sudan muss das Leben freier sein als zu Hause, sonst wären nicht 125000 Eritreer dorthin geflohen. Italien wiederum beherbergt gegenwärtig geschätzt 14000 Eritreer. Die letzten verlässlichen Zahlen des UN-Flüchtlingswerkes stammen zwar aus dem Jahr 2011. Sie liefern dennoch ein eindeutiges Bild: Demnach sind auf der ganzen Welt 252000 Eritreer als Flüchtlinge registriert. Bei einer Einwohnerzahl von rund 5,2 Millionen heißt das, dass fünf Prozent der Bevölkerung längst außer Landes sind.

          Einer der am häufigsten genannten Gründe für die Flucht ist der Militärdienst in Eritrea. Dort muss jeder Mann ab 18 Jahren einen Grundwehrdienst leisten, der offiziell auf 18 Monate begrenzt ist. Tatsächlich aber kann er ein Jahrzehnt dauern, ohne dass dem Rekruten Gründe genannt werden. Das Land ist seit seinem Grenzkrieg mit Äthiopien, der im Jahr 2000 endete, in einem permanenten Zustand der Generalmobilmachung. Selbst 50 Jahre alte Männer werden regelmäßig zum Militär eingezogen, dessen Offiziere für ihre Willkür berüchtigt sind.

          Ein-Mann-Staat

          Diese Belagerungsmentalität findet ihre Fortsetzung im alltäglichen Leben. Es gibt in Eritrea weder Meinungsfreiheit noch Versammlungsfreiheit. Der falschen Religion anzugehören, namentlich einer Pfingstkirche, endet mit Haftstrafen. Reisefreiheit ist ebenfalls ein unbekanntes Wort. Selbst für Reisen innerhalb des Landes brauchen Eritreer eine Genehmigung. Wer sich dagegen auflehnt, riskiert sein Leben. Amnesty International schätzt, dass gegenwärtig zwischen 5000 und 10000 Menschen aufgrund ihrer politischen beziehungsweise religiösen Ansichten im Gefängnis sitzen. Alleine die Ungenauigkeit dieser Schätzung verrät einiges über dieses Land. Eritrea ist ähnlich abgeschottet wie Nordkorea, und das wenige, was die Welt über dieses Land weiß, stammt aus den Berichten der Flüchtlinge.

          Das repressive System in Eritrea hat einen Namen: Isaias Afewerki, der ehemalige Rebellenführer, der Eritrea in die Unabhängigkeit führte und seither das Land regiert. Nach Ansicht der äthiopischen Regierung verhält sich Afewerki als Staatschef so, als sei er immer noch im Busch: von vermeintlichen Feinden umgeben, gegen die nur ein allgegenwärtiger Sicherheits- und Repressionsapparat hilft. Diese Meinung muss mit Vorsicht zur Kenntnis genommen werden, schließlich unterhalten Äthiopien und Eritrea alles andere als freundschaftliche Beziehungen. Die der Parteinahme unverdächtige politische Stiftung „International Crisis Group“ aus Brüssel kommt aber zu einem ähnlichen Ergebnis. Ihren Informationen zufolge hat sich der Einparteienstaat Eritrea längst in einen „Ein-Mann-Staat“ verwandelt, in dem kein Widerspruch gegen Isaias geduldet wird.

          Die letzten, die das gewagt hatten, war die so genannte „Gruppe der 15“, die sich aus ranghohen Mitgliedern der Regierungspartei „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ (PFDJ) zusammensetzte. In einem offenen Brief hatten sie Isaias aufgefordert, ein Mehrparteiengesetz zu verabschieden. Das war im Jahr 2001; der von Eritrea begonnene Grenzkrieg mit Äthiopien, der 100000 Opfer gefordert und Eritrea wirtschaftlich ruiniert hatte, war ein Jahr zuvor beigelegt worden. Elf der 15 Dissidenten wurden zusammen mit zehn Journalisten, die den offenen Brief veröffentlicht hatten, umgehend verhaftet. Bis auf den heutigen Tag, 13 Jahre später, weiß die Welt nichts über das Schicksal der 21 Häftlinge.

          Quelle: F.A.Z.

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