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Erinnerung Kriegskinder

10.05.2005 ·  Heinrich Breloers Film „Speer und Er“ ist nur auf den ersten Blick ein Film über die Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reichs. Es ist ein Film über die Kriegskinder, die nun aus dem erstickenden Schweigen aufbrechen.

Von Frank Schirrmacher
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In den alten Wochenschauen, die jetzt überall laufen, sieht man die Kinder des Jahres 1945. Man sieht sie auf den langen Flüchtlingstrecks, man sieht, wie sie sich den alliierten Truppen ergeben oder schon unbesorgt in Trümmern spielen.

Es sind diese Kinder von einst, die heute nachmittag in Berlin als Politiker, Initiatoren oder Gäste der Einweihung des Holocaust-Mahnmals beiwohnen. Einer ist Albert Speer junior, geboren 1934. Sein Freund Peter Eisenman, Jahrgang 1932, hatte ihm ursprünglich sogar vorgeschlagen, das Mahnmal gemeinsam mit ihm zu eröffnen. Das hat Speer ohne langes Nachdenken abgelehnt. Es ist noch zu viel ungeklärt. Wieviel, darüber spricht er heute in dieser Zeitung.

Ein Film über die Kinder

Heinrich Breloers Film „Speer und Er“ ist nur auf den ersten Blick ein Film über die Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reichs. Es ist ein Film über die Kriegskinder, über die Generation, die im Schatten der Ereignisse aufwuchs und jetzt, sechzig Jahre danach, Mahnmale stiftet, Erinnerungen schreibt und Dokumentationen über die eigene Kindheit im Dritten Reich dreht. Eine Szene in Breloers Werk macht dies besonders deutlich: Der heute siebzigjährige Albert Speer sieht sich im Film als Neunjährigen, wie ihn Hitler tätschelt und liebkost. „Kinder haben ja kein Sensorium“, sagt er angesichts dieser Szene, „Verbrecher zu erkennen.“

Das verlorene Urvertrauen, das ewige Mißtrauen gegen das eigene „Sensorium“, weil es den für einen guten Onkel hielt, der sich später als Massenmörder entpuppte - das hat diese Kinder-Generation erleben, erleiden und durchdenken lassen, was der Seele des ganzen Landes im Wiederaufbau widerfahren ist.

Das große Schweigen

In Breloers filmischer Dokumentation sprechen die Kinder von einst immer wieder über das große, erstickende Schweigen. Gewissenlos und noch in der äußersten Gewissenlosigkeit beseelt von gutem Gewissen waren die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher - dieses Doppelgesicht machte sie unerreichbar, noch für uns Heutige. Keine Reue, es sei denn die theatralische, die zur Erbsünde flüchtete, um dem Strick zu entgehen, kein Schuldgefühl. Scham empfanden diese Väter und Großväter allenfalls darüber, geschnappt worden zu sein. Man kennt das von Verbrechern, hätte es kennen können.

Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, war aus anderem Holze. Schon vor Gericht sagte er Dinge, die man besser nicht sagte. Zum Beispiel, daß er ein Freund Hitlers gewesen war - vorausgesetzt, wie er nicht hinzuzufügen versäumte, daß Hitler überhaupt Freunde besessen habe. Oder, daß er in den letzten Kriegsmonaten Hitler habe umbringen wollen. Schließlich, daß er, wenngleich „nicht schuldig“, die Verantwortung für das Große und Allgemeine übernehme. Kein anderer ehemaliger NS-Funktionär hatte so je geredet.

Speer als Rollenmodell

Speer wurde zum Rollenmodell einer ganzen Generation. Er war der faustisch Verführte, dem der Teufel ganze Welten zu Füßen gelegt hatte, der Technokrat, der mitnahm, was der Karriere diente, aber in Schale und Kern - wie Speer es selber in einer Denkschrift an Hitler formuliert hat - ganz und gar unpolitisch. Damit war Speer - und leider nicht Thomas Mann - Deutschland; ein Deutschland, das mit sich und den eigenen Kindern weiterleben mußte.

Breloers Dokumentation, vor allem der vierte Teil, zeigt, wie sehr dies alles anders war. Ernst Jünger hat einmal beschrieben, wie er in einem Berliner Salon des Jahres 1933 auf die künftigen und noch ganz jungen Täter stieß, die noch keine Ahnung von ihren künftigen Verbrechen hatten: „Embryonen von Haifischen mit noch ganz zarter Haut“. Ein solcher war Speer. Die Frage, ob er von Auschwitz wußte, scheint fast zweitrangig angesichts der These, die Breloer im letzten Teil seines Epos dramatisch formuliert: Speer hat nicht nur nachweislich Kenntnis von Auschwitz gehabt, er hat womöglich sogar die Initiative dazu ergriffen, aus dem Kriegsgefangenenlager Auschwitz ein Vernichtungslager zu machen - so wie er nachweislich schon die Initiative zur Deportation der Berliner Juden ergriffen hatte.

Das angebliche „Geheimnis“

Das Ungeheuerlichste an den neuen Aktenfunden ist, wie selbstverständlich die Mitarbeiter Speers in einem jetzt erst aufgefundenen Protokoll vom 21. Mai 1943 ihrem Chef über das angebliche „Geheimnis“ Auschwitz berichten. In einem Land, in dem gleichsam niemand einen Nagel ohne die Zuweisung und Zustimmung des Rüstungsministers in die Wand schlagen konnte, war der Bezug von Vernichtungstechnologie, von Baracken, Krematorien und Leichenhallen ohne Wissen Speers undenkbar. Der Ausbau und der Betrieb des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hatte, wie wir jetzt wissen, sogar einen Namen; es war das „Sonderprogramm Prof. Speer“.

Speer, um Joachim Fest zu zitieren, „hat uns allen eine Nase gedreht“. Er hat damit die Kriegskinder-Generation ein weiteres Mal betrogen. Die immer wieder aufbrechende Fassungslosigkeit von Albert Speer junior angesichts von Albert Speer senior ist symbolisch für die ganze Generation. Diese Väter und Mütter, die ihren Kindern sogar noch die eigenen Vornamen gaben, haben ihre Kinder nie gefragt, ob sie es wünschen, daß sie so in ihnen weiterleben.

Erschreckt und verschämt

Was es für unsere Wahrnehmung des Nationalsozialismus und der Nachkriegsgeschichte bedeutet, wenn die Figur Albert Speer aus dem Komplex des ahnungslosen und guten Nazis herausgelöst wird, läßt sich heute noch nicht beantworten. Immerhin ist er der einzige Zeitzeuge aus der Spitze des Regimes, der bis heute, bei vielen Zweifeln im Detail, ernst genommen wurde. Speer sei, so hatte sein Verleger Wolf Jobst Siedler ihm ins Gesicht gesagt, „der Organisator nicht nur der deutschen Kriegsindustrie, sondern auch seines eigenen Bildes“. Speers Reaktion: „Da lachte er leicht erschreckt und verschämt.“

Breloer, selbst ein Angehöriger der Kriegskinder-Generation, hat, wie er selbst es formuliert, das einzige Monument, das von Speers Wirken blieb, in Frage gestellt: ihn selbst. In den Überresten spielen die Kinder von einst nicht mehr. Aber auch diese Trümmer taugen als Mahnmal.

Quelle: F.A.Z., 10.05.2005, Nr. 107 / Seite 1
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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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