01.12.2005 · Susanne Osthoff hatte Kontakte zu den Aufständischen im Irak. Sie sei mit ihnen „auf Du und Du“, beruhigte sie diejenigen, die sich Sorgen um sie machten. Und wenn sie doch entführt würde? „Dann rede ich mich heraus.“ Seit nunmehr sechs Tagen fehlt jede Spur von ihr. Von Birgit Svensson.
Von Birgit Svensson, AmmanIhr Urlaub dauerte länger als geplant. Drei Monate lang war Susanne Osthoff dieses Jahr in Deutschland. Denn schon im Sommer war ihr mit einer Entführung gedroht worden. Der amerikanische Geheimdienst flog sie daraufhin aus Mossul nach Bagdad. In Deutschland habe sie sich nicht wohlgefühlt, sagte die 43 Jahre alte Archäologin im Oktober nach ihrer Rückkehr nach Bagdad. „Die Leute verstehen nicht, was hier abläuft.“ Mit ihrem Projekt in Mossul wolle sie dazu beitragen, daß das Leben im Irak etwas differenzierter gesehen werde.
Das Handelshaus „Beit al Tütünj“ liegt in der Altstadt von Mossul, der drittgrößten Stadt im Irak. 1796 erbaut, war es lange Jahre dem Zerfall preisgegeben. 40 000 Euro gab der Irak-Fonds des Auswärtigen Amtes dem irakischen Antikenamt für die Restaurierung. Susanne Osthoff wurde Projektleiterin und verbrachte viel Zeit in Mossul und Umgebung, wo sie Freunde hat.
„Dann rede ich mich heraus“
„Ich bin mit den Aufständischen auf Du und Du“, beruhigte sie diejenigen, die sich Sorgen um ihre Sicherheit machten. Aber wenn sie doch in die Hand der Terroristen um Abu Mussab al Zarqawi geriete, von dem gesagt wird, er halte sich in der Provinz Ninive auf, in der auch Mossul liegt? „Dann rede ich mich heraus“, sagte sie lachend und spielte damit auf ihre guten Arabischkenntnisse an.
Ihr Ziel war es, einen Beitrag zum Erhalt der „überwältigenden Kulturgüter Iraks“ zu leisten. Der deutschen Botschaft in Bagdad hatte sie versprochen, die Renovierungsarbeiten in Mossul aus dem sicheren Arbil zu überwachen. Doch auch Anfang November fuhr sie wieder nach Mossul, was sie auch per E-Mail Journalisten mitteilte.
Aus Geldmangel nahm sie das Auto
Wo und wann sie genau entführt wurde, war auch noch am Donnerstag unklar. Der arabische Nachrichtensender „Al Dschazira“ meldete, sie sei in Tal Afar, unweit der syrischen Grenze, in die Gewalt ihrer Entführer geraten. Von offizieller Seite heißt es, sie sei auf dem Weg von Bagdad nach Arbil gewesen. Die Straße dorthin führt entlang des unruhigen „sunnitischen Dreiecks“. Zwischen Tuz Khurmatu und Kirkuk gibt es neben den Kontrollpunkten von Polizei und Armee auch illegale, die Stammesmilizen, Aufständische und selbsternannte Kriegsherren eingerichtet haben. Auch Al Qaida soll in der Gegend aktiv sein. Bekannte von Susanne Osthoff berichten, daß nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto unterwegs war, weil es ihr an Geld mangelte.
Die Umgebung von Tal Afar gilt als besonders gefährlich. Der irakischen und der amerikanischen Armee gelingt es im Nordwesten nicht, die Aufständischen zu besiegen, obwohl sie dort schon vor Wochen eine Offensive begonnen haben. Susanne Osthoff hatte Kontakte zu den Aufständischen und bot gelegentlich Vermittlerdienste an.
Religionsgelehrte rufen auf, die Geiseln freizulassen
Aus Bagdad hieß es am Donnerstag, man habe Kontakt zu Aufständischen aufgenommen. Der sunnitische Rat der Islamischen Religionsgelehrten, rief dazu auf, die Geiseln unverzüglich freizulassen. Zudem werde versucht, Mittelsmänner zu finden, die Kontakt zu kriminellen Entführerbanden aufnehmen können, um über sie zu erfahren, wo sie entführt wurde und ob Susanne Osthoff noch in der Hand ihrer ursprünglichen Entführer ist oder schon an andere weitergereicht wurde. Außerdem würden Beziehungen zu internationalen Terrororganisationen genutzt, um mögliche politische Motive für die Entführung besser einschätzen zu können, hieß es weiter.
In denselben Tagen wie Susanne Osthoff waren in Bagdad vier weitere westliche Ausländer verschleppt worden. Die zwei Kanadier, ein Brite und ein Amerikaner waren für das „Christian Peacemaker Team“ im Bagdader Viertel Gazalija unterwegs und besuchten eine Moschee, als sie entführt wurden. Wie die Sprecherin der Organisation dieser Zeitung sagte, hätten dort regelmäßig Treffen mit sunnitischen Gelehrten stattgefunden.
„Menschliche Schutzschilde“
Am vergangenen Samstag habe ein Mitglied der Gruppe die drei Gäste aus Kanada und Großbritannien dorthin zu einem Gespräch begleitet. Wohin die vier Entführten später gebracht wurden, war am Donnerstag noch ungewiß. Ihr Fahrer und ihr Übersetzer wurden mittlerweile wieder freigelassen. Lösegeld sei nicht verlangt worden, sagte die Sprecherin. Man habe keinerlei Kontakt zu den Entführern. Da ein Amerikaner unter den Geiseln sei, hält die Sprecherin der Gruppe die Entführung für politisch motiviert.
Die amerikanisch-kanadische Organisation ist im gesamten Nahen Osten tätig; seit 2002 auch im Irak. Als „menschliche Schutzschilde“ hielten sie sich während des Irakkriegs in Kindergärten, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen auf. Von Anfang an hatten sie sich gegen Pläne einer Invasion im Irak ausgesprochen. Danach wandten sie sich gegen die Besatzung des Landes und kümmerten sich um Inhaftierte in von amerikanischen Truppen betriebenen Gefängnissen.
Fast täglich werden Iraker entführt
Sie kritisierten die schlechte Behandlung der Gefangenen, verfaßten Petitionen an Kongressabgeordnete in Washington, lange bevor die ersten Bilder von Abu Ghraib die internationale Öffentlichkeit schockierten. Anfang Oktober begleiteten sie eine Gruppe Palästinenser an die syrisch-irakische Grenze, die nach Damaskus ausreisen wollte, aber keine Einreisegenehmigung von den syrischen Behörden bekam. „Wir wollten auf das Problem der Palästinenser im Irak aufmerksam machen, das derzeit immer gravierender wird“, lautete damals die Begründung. Die neue Regierung in Bagdad habe die Palästinenser aufgefordert, den Irak zu verlassen, obwohl die Autonomiebehörde im Gazastreifen nicht in der Lage sei, sie alle aufzunehmen.
Die jüngsten Geiselnahmen westlicher Ausländer lassen jedoch nur in Vergessenheit geraten, daß dort fast täglich Iraker entführt werden. Verläßliche Zahlen darüber gibt es nicht. So taucht auch die Entführung des 16 Jahre alten Sohnes des Ingenieurs Kassim, der für eine deutsche Firma in Bagdad arbeitet, in keiner Statistik auf. Auf dem Weg zur Schule zerrten drei Männer den Jugendlichen in einen Kleinbus. Als man ihm die Augenbinde abnahm, befand er sich mit fünf anderen Schülern und Schülerinnen in einem weiß getünchten Zimmer. Nach Befragungen über die finanzielle Situation der Eltern, wurden die Jugendlichen sieben Tage gefangengehalten, um dann, wieder mit Augenbinden versehen, auf der Straße ausgesetzt zu werden. Die Höhe der Lösegeldzahlungen wurde geheimgehalten.
Kassim hat Angst, daß es ein weiteres Familienmitglied treffen könnte und erwägt nun auszuwandern - einen Schritt, den wohl schon mehr als eine Million Iraker seit 2003 getan haben.