23.07.2007 · Der Leichnam des in Geiselhaft ums Leben gekommenen deutschen Ingenieurs soll noch an diesem Montag nach Deutschland überführt werden. Eine Obduktion soll die Todesursache klären. Die zweite deutsche Geisel soll nach Angaben von Taliban noch am Leben sein.
Nach dem Tod des in Afghanistan entführten deutschen Bauingenieurs dringt die Bundesregierung nach den Worten Außenminister Steinmeiers „mit aller Kraft“ auf die Freilassung des zweiten am Mittwoch in der afghanischen Provinz Wardak verschleppten Ingenieurs. Der Krisenstab des Auswärtigen Amts in Berlin stehe in engem Kontakt mit der afghanischen Regierung, sagte Steinmeier.
Der Leichnam seines ums Leben gekommenen Kollegen sollte so schnell wie möglich zur Obduktion nach Deutschland geflogen werden, wie das Auswärtige Amt berichtete. Bemühungen, die Leiche noch am Montag zur Obduktion nach Deutschland auszufliegen, sind aber anscheinend an bürokratischen Formalitäten gescheitert, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ unter Berufung auf deutsche Regierungskreise berichtet. Noch hat die Bundesregierung widersprüchliche Informationen darüber, wie der Mann zu Tode kam. Steinmeier sagte in Brüssel, der Leichnam werde in Deutschland obduziert: „Wir wollen Gewissheit über die Todesursache haben.“ Die Bundesregierung habe die Hoffnung, diese in den nächsten Stunden und Tagen zu bekommen.
„Verlangen Freilassung inhaftierter Kämpfer“
Die zweite deutsche Geisel in Afghanistan ist nach Angaben der Taliban noch am Leben. „Ein Deutscher und vier Afghanen, über die wir berichtet hatten, dass sie getötet wurden, sind noch am Leben“, sagte Taliban-Sprecher Kari Mohammed Jusuf telefonisch der Nachrichtenagentur Reuters. Die Taliban verlange die Freilassung von zehn ihrer Kämpfer aus afghanischer Haft und den Abzug der deutschen Truppen aus dem Land als Gegenleistung für die Freigabe der Geiseln, sagte er. Weitere Agenturen bestätigten diese Angaben.
Über die Ursache des Todes seines verschleppten deutschen Kollegen gibt es weiter widersprüchliche Angaben. Außenminister Steinmeier hatte am Samstag gesagt, der Ingenieur sei an Erschöpfung gestorben, und nichts weise auf einen Mord hin. Nach Informationen der F.A.Z. wurde auf die Geisel geschossen, nachdem sie bei einem Fußmarsch zusammengebrochen war. Sie wäre somit nicht hingerichtet worden.
Nach Informationen von „Spiegel online“ vom Montag ist dem Mann anscheinend mehrmals in die Brust geschossen worden. Das hätten Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) nach einer ersten Untersuchung der Leiche am Sonntagabend in Kabul nach Berlin gemeldet.
Zuvor hatte der Gouverneur von Wardak mitteilen lassen, der Leichnam weise eine Schusswunde im Rücken auf. Am Sonntagabend hatte das Auswärtige Amt dies bestätigt. Deutsche Beamten hätten dies gesehen. In Berlin hieß es auch, die beiden Deutschen seien eher durch Zufall verschleppt worden; Ziel der Entführung sei offenbar ein Afghane gewesen, der mit dem stellvertretenden Parlamentspräsidenten verwandt sei.
Ringen um Freilassung südkoreanischer Geiseln
Indes bemühen sich die afghanische und südkoreanischen Regierungen intensiv auch um eine Freilassung der 23 in Afghanistan entführten Südkoreaner. Die Regierung halte weiter über verschiedene Kanäle „indirekt oder direkt“ Kontakt zu den Geiselnehmern, hieß es in Seoul. Nach Berichten der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap verhandelten Diplomaten aus Seoul über die Regierung in Kabul mit den radikal-islamischen Taliban, um eine friedliche Beendigung der Geiselnahme zu erreichen. Die Entführer haben außerdem am Montag ihr Ultimatum zur Freilassung der Geiseln zum zweiten Mal um einen Tag verlängert. Da die Regierung in Kabul sich bislang noch nicht ernsthaft darum bemüht habe, das Problem zu lösen, räumten die Taliban der südkoreanischen Regierung weitere 24 Stunden Zeit für Verhandlungen ein, sagte ein Taliban-Sprecher namens Jussif Ahmadi der Deutschen Presse-Agentur.
Die Rebellen hatten schon am Sonntag auf ihrer Internetseite verkündet, sie hätten das Ultimatum zur Freilassung der mutmaßlich in ihrer Gewalt befindlichen Koreaner wegen laufender Verhandlungen um einen Tag verlängert. Die einer christlichen Kirche angehörende südkoreanische Gruppe war am Donnerstag in der südlichen Provinz Ghasni entführt worden. Die Saemmul Gemeindekirche, der die Geiseln angehören, kündigte an, ihre Hilfsaktivitäten in Afghanistan einzustellen. Ein Vertreter der Freikirche in dem Seouler Vorort Pundang wies den Vorwurf zurück, dass die Gruppe der Entführten mit dem Ziel nach Afghanistan gereist sei, vor allem missionarische Arbeit zu leisten.
Deutsche als Opfer einer Stammesfehde?
Über die weiter verschleppte deutsche Geisel berichtet die ARD, der Ingenieur habe zumindest am Sonntag noch gelebt, denn es sei ein Telefonat mit ihm geführt worden. Der Mann stamme aus Ottobrunn bei München. Sein Gesundheitszustand sei wegen der Anstrengungen jedoch nicht sehr gut. Die beiden Männer waren zusammen mit ihren afghanischen Begleitern offenbar von den Entführern durch die Berge getrieben worden.
Auch die ARD berichtet, wie zuvor bereits andere Medien, die Taliban hätten die beiden Deutschen nicht entführt. Vielmehr seien sie zufällig Opfer einer Stammesfehde geworden. Danach war das eigentliche Entführungsziel ein afghanischer Geschäftsmann, der zusammen mit den Deutschen unterwegs war. Hintergrund seien Streitigkeiten über den Auftrag für ein Bauprojekt. Dieser afghanische Geschäftsmann soll sich mittlerweile wieder auf freien Fuß befinden.
Die „Bild“-Zeitung berichtete, er habe geschildert, dass eine der deutschen Geiseln - der 43 Jahre alte Hochbautechniker Rüdiger D. aus Wismar - zusammengebrochen sei. Daraufhin hätten die Entführer auf ihn geschossen. Nach Medienberichten litt Rüdiger B. an Diabetes und hatte keine Medikamente dabei. Deswegen soll er den Strapazen nicht gewachsen gewesen sein.
Der aus Schleswig-Holstein stammende Mann war mit seiner Familie vor zwei Jahren nach Wismar gezogen. Zuvor hatte er mehrere Jahre in Teterow gewohnt. Der Bauingenieur hinterlässt Zeitungsberichten zufolge eine Frau und einen zwölf Jahre alten Sohn. Nach einer Insolvenz in Deutschland sei er nach Afghanistan gegangen, um als Mitarbeiter des in Kabul ansässigen Unternehmens KBC-Kabul Berlin Corporation mitzuarbeiten. Gemeinsam mit seinem Kollegen war er am Mittwoch in der Provinz Wardak, 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, verschleppt worden.
Ein Taliban-Sprecher hatte am Wochenende erklärt, die Deutschen seien in der Hand der radikal-islamischen Gruppierung. Die Bundeswehr solle aus Afghanistan abziehen. Andernfalls würden die Geiseln getötet. Am Samstag sprach er dann sogar von der Erschießung beider Männer. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Sonntagabend, die Bundeswehr werde in Afghanistan bleiben und sich nicht erpressen lassen.
SPD verteidigt militärisches Engagement
SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zeigte sich erschüttert über den Tod des Bauingenieurs in Geiselhaft. Die SPD unterstütze die Bundesregierung in ihren Bemühungen, die zweite Geisel lebend frei zu bekommen.
Trotz des Geiseldramas in Afghanistans steht die SPD-Spitze weiter zum Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch. Es sei richtig, sich nicht der Forderung nach einem Abzug der deutschen Soldaten zu beugen, sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil am Montag in Berlin nach einer Telefonkonferenz des Parteipräsidiums. Trotz des Risikos dürfe man die Menschen in Afghanistan nicht allein lassen. „Wir stehen zu diesem Engagement.“
Forderungen nach einem sofortigen Rückzug bezeichnete Heil als populistisch. In den vergangenen Jahren habe es bereits erhebliche Fortschritte in Afghanistan gegeben. Diese seien aber gefährdet, wenn sie nicht militärisch geschützt werden. Langfristiges Ziel sei eine stabile Regierung im Land, ergänze Heil und fügte hinzu: „Wir wollen eine zweite Aufbauwelle in Afghanistan.“ Über eine Entsendung zusätzlicher Militärausbilder will er aber erst diskutieren, wenn der Bundestag über eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes entscheidet.
Ringstorff bestürzt
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) hat mit tiefer Bestürzung auf den Tod des in Afghanistan entführten Bauingenieurs aus Wismar reagiert. Der Regierungschef sprach den Hinterbliebenen sein Beileid aus. Auch wenn die Umstände des Todes von Rüdiger D. noch nicht restlos geklärt seien, seien die Entführung und die damit versuchte Erpressung aufs Schärfste zu verurteilen, sagte Ringstorff am Montag in Schwerin. Der Bauingenieur sei im humanitären Einsatz in Afghanistan gewesen, um beim Aufbau des Landes zu helfen.
Unterdessen wurden bei Kämpfen zwischen Taliban Rebellen und Soldaten der afghanischen Armee, die gemeinsam mit Soldaten amerikanisch geführten Koalitionstruppen operierten, in der südafghanischen Provinz Helmand rund fünfzig Taliban-Kämpfer getötet.