10.04.2007 · Am 12. März wurde der BBC-Journalist Alan Johnston in Gaza entführt. Es ist nicht die erste Entführung eines Reporters, doch sein Fall hat eine neue Qualität. Noch immer gibt es kein Lebenszeichen. Und auch die Regierung in Palästina gibt ein schlechtes Bild ab.
Von Henning Hoff, LondonAlan Johnstons letzter Arbeitstag sollte eigentlich in die Woche vor Ostern fallen. Der BBC-Korrespondent, der seit drei Jahren als einziger westlicher Reporter dauerhaft aus dem palästinensischen Gazastreifen berichtete, hatte bereits begonnen, seinen Abschiedsbericht zusammenzustellen.
Doch der Beitrag über den Aufstieg der radikalislamischen, vom Iran unterstützten Hamas-Bewegung, illustriert durch Interviews mit einer in Gaza-Stadt trainierenden Fußballmannschaft, ist unvollendet geblieben. Am 12. März wurde der Radio- und Fernsehjournalist auf dem Weg zu seinem Apartment von bewaffneten Unbekannten entführt.
Berichte mit unaufgeregtem Ton und Unparteilichkeit
Der als Kind schottischer Eltern in Tansania geborene Journalist war mit der Arbeit in Krisengebieten vertraut. Ein Mann von „Bush House“, wo in London der Auslandsdienst „BBC World Service“ zu Hause ist, berichtete der Vierundvierzigjährige mit dem markanten Glatzkopf unter anderem aus Usbekistan und Afghanistan. Seine Reportagen aus Gaza, wo er seit April 2004 arbeitete, bestachen durch einen unaufgeregten Ton und durch Unparteilichkeit.
Angehörige von Opfern israelischen Artilleriebeschusses fragte er etwa immer auch nach ihrer Haltung zu jenen „Kassam“-Raketen, die Palästinenser bis heute tagtäglich von Gaza aus auf israelisches Gebiet schießen und unter der dortigen Zivilbevölkerung Leid verursachen, das international wenig Aufmerksamkeit findet.
Größte Gefahr für Geiseln: zu viele Speisen
Johnston ist nicht der erste Journalist, der im Gazastreifen gekidnappt wurde. Nach Angaben des in New York ansässigen „Komitees zum Schutz von Journalisten“ (CPJ) wurden seit 2004 mindestens fünfzehn Reporter entführt. In der Regel kamen sie aber nach wenigen Stunden wieder frei. Oft wollten unterbeschäftigte Milizen Aufmerksamkeit erregen oder - wohl einmalig in der Welt - für sich Posten bei den Sicherheitskräften einfordern.
Die Entführungen seien amateurhaft, berichtete Johnston selbst augenzwinkernd Anfang 2006. Angesichts der traditionellen Gastfreundschaft bestünde die größte Gefahr darin, mit zu vielen Speisen vollgestopft zu werden. Vergangenen Sommer wurden zwei Mitarbeiter des amerikanischen Nachrichtensenders „Fox News“ allerdings dreizehn Tage lang gefangengehalten. Sie kamen erst frei, nachdem sie zumindest zum Schein zum Islam konvertierten und ein wohl millionenschweres Lösegeld geflossen war.
Spielkarte beim Machtspiel in Palästinensergebieten
Johnstons Fall hat eine neue Qualität: Nach über vier Wochen wartet die BBC noch auf ein Lebenszeichen. Die meisten Spekulationen gehen dahin, dass Johnstons Geiselnehmer aus den Reihen eines einflussreichen, kriminellen Clans aus Gaza-Stadt stammen, der für seine wechselnden Loyalitäten berüchtigt ist und Johnston als Spielkarte beim Machtspiel in den Palästinensergebieten benutzt.
Neben zahlreichen Aufrufen aus aller Welt, Johnston sofort freizulassen, haben sich gerade palästinensische Journalisten für den BBC-Korrespondenten eingesetzt. Über dreihundert von ihnen demonstrierten, die Münder kreuzweise mit Band verklebt, vor zwei Wochen in Gaza. Seitdem gab es immer wieder Proteste, auch in verschiedenen Städten im Westjordanland, und mehrtägige Medienboykotts gegenüber der neugebildeten Regierung unter Fatah-Präsident Abbas und Hamas-Premierminister Hanija.
„Damit schießen wir uns selbst in den Kopf“
Deren Untätigkeit wird von vielen für die andauernde Entführung verantwortlich gemacht. „Wo ist die Regierung?“, fragte der Kopf des palästinensischen Journalistenverbandes, Naim Toubassi, „warum kann sie nach so langer Zeit nicht einen Journalisten, der hier zu Gast ist, befreien?“ Dass die Palästinenserregierung den Besuch des britischen Generalkonsuls Richard Makepeace am Gründonnerstag, bei dem es allein um Johnstons Schicksal ging, vor allem als Ende der diplomatischen Blockade verkaufte, kann als schlechtes Zeichen gelten.
Die Medienproteste gehören zu den wenigen ermutigenden Aspekten der Affäre. Noch vor wenigen Jahren fiel der damals der Fatah hörige Presseverband mit Forderungen wie der nach einem Fotografierverbot von palästinensischen Kindern in Kampfanzügen auf; das werfe ein schlechtes Bild auf das Land. Das gilt auch für Johnstons Entführung, wie der Chef des Palästinensischen Menschenrechtszentrums, Raji Sourani, der britischen Tageszeitung „Independent“ sagte: „Mit solchen Aktionen schießen wir uns selbst in den Kopf. Wir deformieren unser Image.“ Beim Ruf „Free Alan“ scheint es aber längst um viel mehr zu gehen: um mehr Pressefreiheit und um ein Ende der Rechtlosigkeit.