27.06.2006 · Die Briten bemühen sich um ein neues Deutschlandbild. Reisebeilagen legen ihren ungläubigen Lesern die Bundesrepublik als attraktives Ferienziel nahe. Deutschland sei „ungemein schön, wilkommenheißend und kultiviert“.
Von Gina ThomasEs sei wohlbekannt, wie wenig die Briten über Deutschland wüßten, schreibt der „Guardian“ in einem Sonderheft mit dem Titel „Was ist unser Problem mit Deutschland?“. Das Ausmaß der Unkenntnis sei jedoch zutiefst peinlich, stellte die Zeitung anhand einer Umfrage fest. Mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende täten sich die Briten immer noch schwer mit dem Land, mit dem die meisten von ihnen vor allem Nazis, gute Autos, Bier und Lederhosen verbinden. Ein Student aus London rechtfertigte sein mangelndes Wissen damit, daß er ja „nur bis 1945 gelernt“ habe.
Seit einigen Wochen versuchen die britischen Medien die Lücke zu füllen. Noch nie in der Nachkriegsgeschichte haben die Briten so viel über Deutschland erfahren wie jetzt im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft.
Deutschland als Bierhimmel
Reisebeilagen legen ihren ungläubigen Lesern die Bundesrepublik als attraktives Ferienziel nahe. Gourmets entdecken die Freuden der deutschen Küche. Durstige Seelen preisen das Land als Bierhimmel. Beobachter versichern, es gebe einen deutschen Humor, allerdings, wird einschränkend hinzugefügt, „in einer Form, die zu erkennen Briten schlecht ausgerüstet sind“. Immobilien-Seiten informieren über den deutschen Wohnungsmarkt. England-Fans nehmen Deutsch-Unterricht, um sich für ihr vierwöchiges Fußballabenteuer im Schlepptau ihrer Mannschaft zu wappnen. Das Londoner Nobelkaufhaus Harrods feiert das deutsche Design und posaunt, Deutschland sei auf diesem Gebiet „wahrlich über alles“.
Und der schöngeistige Sportkolumnist der „Times“, der bekennt, es habe ihn bislang nie gekümmert, wie wenig er über Deutschland wisse, deckt sich mit Büchern „furchteinflößender Namen“ wie Goethe, Clausewitz, Nietzsche und Grass ein, von denen er bislang verschont geblieben sei „als Teil der Strafe, die wir Deutschland auferlegen wegen der Kriegsfeindschaft - eine Strafe, wie ich zweifellos einmal lernen werde, die wir uns selbst auferlegen“. Simon Barnes schreibt, er habe sich unmöglich Flaubert, Dante, Dostojewskij, Homer, Ibsen oder Cervantes entgehen lassen können. Aber die Deutschen? Nun, „die essen Würstchen, siegen im Elfmeter-Schießen, hatten den unangenehmen kleinen Mann als Führer und sprechen ein konsonanten-stampfendes, fischgräten-ausräumendes Mischmasch von einer Sprache“.
Dieser ironisch-frotzelnde Ton ist typisch für die Berichterstattung. „Wir lieben Deutschland“ lautete die Schlagzeile einer Reisebeilage - „nein, ehrlich“ wurde hinzugefügt, um den Leser zu vergewissern, daß es kein schlechter Witz sei. Bei einer Fahrt durchs „tiefste, finsterste“ Deutschland wird ein Land entdeckt, das „ungemein schön, wilkommenheißend und kultiviert ist“ - als sei diese Vorstellung undenkbar.
Vorherrschende Klischees
Korrespondenten melden, seit dem Dritten Reich habe es keine so öffentliche Äußerung des Nationalstolzes gegeben wie jetzt, wo Deutschland „sechzig Jahre der Hemmung und der Scham“ abschüttle und zur Normalität zurückfinde. Der wohlgelaunte Stolz, mit dem die Deutschen ihr Land vorzeigten, weise „auf einen moderneren, selbstbewußteren und nach außen gewandten Staat“ hin, heißt es in einem Bericht. Plötzlich erwiderten die Menschen auf der Straße sogar das Lächeln des fremden Passanten, konstatiert ein Korrespondent. Ein anderer berichtet, für junge Briten, deren Kontakt mit Deutschland bislang beschränkt gewesen sei auf Hitler, den Stechschritt und das Hakenkreuz, seien die letzten Wochen eine Offenbarung gewesen.
Die Briten bemühen sich also um ein neues Deutschlandbild. Aber es knüpft fast durchweg an das lange vorherrschende Klischee an. Unweigerlich schleichen sich alte Gewohnheiten ein. So berichtete die „Times“ unlängst in ihrem Wirtschaftsteil, England-Fans in der City möge es zu einer Zeit, da alte anglo-deutsche Rivalitäten wiederauflebten, nicht behagen, daß der Feind zu Hause vor den Toren stehe: Das Finanzviertel befinde sich zu einem Fünftel in deutscher Hand.
Und mit einiger Verwunderung liest man in der „Financial Times“ in einem Essay über die Verstrickung von deutschem Fußball und deutscher Geschichte, daß der Nationalelf immer noch der Geist der Hitler-Zeit anhafte, der deutsche Stil das „uneheliche Kind“ Sepp Herbergers und des Nationalsozialismus sei, allen voran, weil er durch den belasteten Begriff „Kampf“ gekennzeichnet sei.