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Stromtrassen Die hässliche Seite der Energiewende

Durch Meerbusch-Osterath nahe Düsseldorf soll demnächst eine von drei geplanten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen führen. Auch ein Konverter soll dort entstehen. Doch die Bürger wehren sich energisch gegen die Anlage.

© Schoepal, Edgar Wo es summt und brummt: Astrid Linn und Ewald Hövels kämpfen gegen den Großkonverter.

In Osterath ist die Welt noch weitgehend in Ordnung. Man kennt sich, man hilft sich, man passt aufeinander auf. Beim Schwätzchen im Vorübergehen bringen sich die Leute auf den neuesten Stand der großen und der kleinen Dinge. Das ist es, was den 13000-Seelen-Ort Osterath im Innersten zusammenhält. Aber was Astrid Linn im Herbst erfuhr, brachte sie aus der Fassung. Wie jeden Tag war Astrid Linn mit ihrem Hund auf dem Ingerweg unterwegs, der von ihrer Siedlung auf ein weites Feld führt. Ziemlich verlassen stünde dort das Backsteinhaus von Walter Bruder, wenn es daneben nicht das Umspannwerk mit seinen Schaltanlagen, den vielen grünen Masten und Transformatoren gebe, deren Brummen sich anhört wie ein großer Schwarm Hornissen im Anflug. Die Anlage gibt es zwar schon lange; aber erst in den vergangenen Jahren ist sie stark erweitertet worden. „Weißt du nicht, was sie hier noch vorhaben, Astrid?“, fragte Walter Bruder.

Reiner Burger Folgen:

Direkt gegenüber von Bruders Haus, an der Siedlungsgrenze von Osterath, plant der Netzbetreiber Amprion einen sogenannten Konverter, der in einer bis zu 20 Meter hohen und bis zu 20.000 Quadratmeter großen Industriehalle untergebracht werden soll. Gemeinsam mit Nebenanlagen soll der Konverter eine Grundfläche von etwa 14 Fußballfeldern einnehmen. Mit dem rund 300 Millionen Euro teuren Großkonverter würde Osterath zu einem der zentralen Orte der Energiewende in Deutschland. Der Konverter ist ein wichtiger Teil der westlichen der drei großen neuen Stromtrassen, die so schnell wie möglich (aus-)gebaut werden sollen, damit der Ausstieg aus der Atomkraft gelingt und die Energiewende nicht im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke bleibt.

Baden-Württemberg bald im Dunkeln?

Große Mengen elektrischer Energie müssen künftig von den Windparks im Norden durch Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen in den Südwesten Deutschlands transportiert werden, wenn dort wie geplant Ende 2019 das letzte große Atomkraftwerk - Philippsburg II - vom Netz geht. Die Stromtrasse zwischen Emden in Niedersachsen und dem baden-württembergischen Philippsburg soll nicht nur quer durch Nordrhein-Westfalen führen, sondern in der dichtesten Industrieregion Deutschlands auch einen Knotenpunkt bekommen: den Großkonverter. Mit ihm kann Gleich- in Wechselstrom umgewandelt werden und umgekehrt. In Osterath, einem Stadtteil von Meerbusch in der Nähe von Düsseldorf, wäre es künftig möglich, Strom für die Rhein-Ruhr-Ballung abzuzwacken oder auch elektrische Energie aus den nahe gelegenen Braunkohlekraftwerken einzuspeisen. Schließlich sollen in Baden-Württemberg nicht die Lichter ausgehen, wenn an der Küste Flaute herrscht. Im Namen der Energiewende muss alles ganz schnell gehen - schon 2017 soll der Konverter fertig sein.

„Als ich die Sache mit dem Großkonverter gehört habe, bin ich erst mal nach Hause gelaufen und war deprimiert“, erinnert sich Frau Linn. „Niemand hat uns darüber informiert. Weder die Bundes-, noch die Landes-, noch die Kommunalpolitiker.“ Tatsächlich zeigt sich am Beispiel Osterath, dass es mit dem Versprechen, die Energiewende werde transparent und im Konsens mit den betroffenen Bürgern vollzogen, nicht immer weit her ist. Als die Übertragungsnetzbetreiber im Mai den Netzentwicklungsplan Strom 2012 veröffentlichten, war ihm nicht zu entnehmen, was eigentlich in Osterath geplant ist.

Unbekannte Einspruchsfristen

Erst nach der Sommerpause wurde den meisten Osterathern die Tragweite des Konverter-Projekts klar. Durch Astrid Linn. Anfang Oktober rief sie bei der Bundesnetzagentur an und erfuhr, dass nur noch bis zum 2. November 2012 Einsprüche gegen den Netzentwicklungsplan möglich seien. „Da sagte ich mir: Osterath muss ganz schnell in Bewegung kommen.“ Also gründete Frau Linn zusammen mit ihrem früheren Klassenkameraden Karsten Weigmann am 9. Oktober im Osterather Hof eine Bürgerinitiative. Mehr als 300 besorgte Osterather kamen. An einem Informationsabend Ende Oktober nahmen dann schon 700 Bürger teil. So schnell schwoll der Widerstand an, dass sich auch die Politik positionierte.

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