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Veröffentlicht: 10.03.2016, 23:06 Uhr

Atomausstieg Das Fukushima-Bürgertum

Die Energiewende hat zu einer schleichenden Spaltung der deutschen Gesellschaft geführt. Die einen werden profitieren, und die Verlierer bleiben Verlierer.

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© dpa Mit einer Demonstration vor der Japanischen Botschaft in Berlin gedenken Aktivisten am 11. März 2013 der Atomkatastrophe in Fukushima.
 
Die Energiewende hat zu einer schleichenden Spaltung der deutschen Gesellschaft geführt.

So viele Bürgerversammlungen wie in den vergangenen Jahren hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Es fanden zwei Sorten davon statt. Die einen befassten sich mit den Folgen der Energiewende, die anderen mit denen der Flüchtlingskrise. Jeweils wurde, als ob sich Deutschland in eine kommunale Räterepublik verwandelt hätte, von einer Wiedergeburt der sich selbst verwaltenden Zivilgesellschaft geschwärmt. Doch saßen in den Versammlungen jeweils dieselben Bürger? Ging es beide Male um dieselbe Gesellschaft?

Jasper von Altenbockum Folgen:

Die SPD musste in den vergangenen Tagen erleben, dass dem nicht so ist. Sigmar Gabriel wurde aus der CDU vorgeworfen, er propagiere einen „Solidarpakt“ für den von Abstiegsängsten geplagten kleinen Mann, sei aber gleichzeitig dazu bereit, die Elektroautos für ein wohlhabendes Geländewagenbürgertum mit Tausenden von Euros zu subventionieren. Das passe nicht zusammen: auf der einen Seite soziale Gerechtigkeit angesichts der „Kosten der Integration“ fordern, auf der anderen Seite soziale Ungerechtigkeit angesichts der Kosten der Energiewende schaffen.

© dpa, reuters Fukushima fünf Jahre nach der Katastrophe

Jenseits der Moral beruhen solche Vorwürfe auf einem objektiven Hintergrund. Die Rufe der SPD nach einer „doppelten Integration“ – nicht nur von Fremden, sondern auch der Einheimischen – nehmen sich der Schichten und Milieus an, die sich ohnehin auf der Verliererseite wähnen und fürchten müssen, im Strudel einer sich recht schnell wandelnden Arbeitswelt und Migrationsgesellschaft zu kurz zu kommen oder gar „abgehängt“ zu werden. Die Fanfaren der Energiewende hingegen lassen deren Interessen außer Acht, ausgenommen vielleicht an den Tagen, an denen festgestellt wird, dass das Überangebot an regenerativem Strom, das sich im niedrigen Börsenpreis niederschlägt, nicht beim kleinen Mann in der Stromrechnung ankommt. Gewinner sind vielmehr diejenigen, die in das neue grüne Zeitalter investieren können und eine üppige Rendite einstreichen.

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In den Bürgerversammlungen sitzen deshalb ganz verschiedene Leute. Das Energiebürgertum identifiziert sich mit der Fukushima-Wende, weil ihm die grüne Barmherzigkeit genossenschaftliches Eigentum verschafft, mit dem sich gut und noch besser leben lässt. Es ist deshalb nicht weit vom Einwanderungsbürgertum entfernt, das sich gern mit der Migration identifiziert, weil die nicht gefährdet und in Frage stellt, was bislang seinen Wohlstand und seine Anerkennung sicherte. Die Grünen haben das seit langem als Erfolgsrezept erkannt, haben sich dadurch aber selbst in die Rolle des Sprachrohrs eines, sieht man von diversen Apokalypsen ab, sorgenfreien Mittelstands gedrängt.

Volk der politischen Alleingänger und Weltverbesserer

Die SPD, die schon lange vor Fukushima mit den Widersprüchen von ökologischer und sozialer Demokratie leben musste, bekommt die Konsequenzen erst jetzt zu spüren. Sie hat es mit der anderen Bürgerversammlung zu tun. Da sitzen die Leute, die froh sind, ihre Mieterhöhung bezahlen zu können, und nur davon träumen können, auf ihrer Doppelhaushälfte Solaranlagen zu montieren oder Anteile am dörflichen Windpark zu halten. Sie konkurrieren jetzt vielmehr auf dem Wohnungsmarkt, und nicht nur dort, auf Jahre hinaus mit Einwanderern. Artikulieren sie ihre Interessen, werden sie des Neides geziehen – unter anderem durch die politischen Fürsprecher der Öko-Profiteure.

Das Fukushima-Bürgertum sammelt sich am Sonntag um Winfried Kretschmann – ausgerechnet in dem Land, dessen strauchelnde CDU-Regierung vor fünf Jahren im Kanzleramt und in der CSU den Ausschlag gab für die wahlkampfbedingte Entscheidung, die Verlängerung der Laufzeit für Atomkraftwerke in ihr Gegenteil zu verwandeln. War das, nebenbei bemerkt, damals auch die Kanzlerin, die alles genau wie ein Ingenieur berechnet und durchdacht hatte, die Schritt für Schritt vorgehen würde, weil sie einen Plan hatte? Oder musste, wie Psychologen sagen, eine emotionale Entscheidung im Nachhinein rationalisiert werden, und zwar recht bombastisch, weil zum Zeitpunkt dieser Entscheidung niemand wusste, was sie eigentlich bedeutete – und warum sie eigentlich getroffen wurde?

So sehen kleine Revolutionen aus, und unbestritten ist, dass Fukushima auf die deutsche Politik wie eine Revolution wirkte. Auch damals ging es um die Macht der Bilder, um die Sehnsucht der Deutschen nach dem Wahren, Guten und Schönen im Angesicht einer hässlichen Welt. Auch damals stand Deutschland allein da und schüttelten viele im Ausland den Kopf über dieses Volk der politischen Alleingänger und Weltverbesserer. In deren Bürgerversammlungen spielt fünf Jahre danach aber schon gar nicht mehr nur der Windpark hinterm Haus eine Rolle, sondern die Rettung der ganzen Welt und eine große, globale Transformation im Zeichen von Klimawandel und ideologischen Gaia-Theorien. Der Humanismus, auf den sich ein so wieder politisiertes, gutsituiertes Bürgertum beruft, unterscheidet sich in einem signifikanten Punkt von dem des sprichwörtlichen einfachen Mannes. Der trauert am Fukushima-Tag um die vielen Toten einer Naturkatastrophe. Die Ideologisierten trauern dagegen um die Toten einer von ihnen instrumentalisierten technischen Katastrophe, um Tote, die es gar nicht gibt.

© reuters Energiewende: „Viele Ziele werden wahrscheinlich nicht erreicht“

Quelle: F.A.Z.

 

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