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Energiewende Ein Land unter Strom

Die Energiewende verändert die Republik: Aus Bürgern macht sie Öko-Investoren, aus Nachbarn Gegner. Für Hartz-IV-Empfänger wird sie zur Gefahr, für neue Technologien zur Chance. Drei Ortstermine.

© privat Vergrößern Umkämpftes Terrain: Auf diesem Hügel an der hessisch-niedersächsischen Grenze wollen Bürger aus Fürstenhagen drei Windräder aufstellen.

Der Wind pfeift über die Anhöhe, der Regen der vergangenen Tage hat die Wiese zum Sumpf werden lassen - doch der Ausblick entschädigt für kalte Ohren und feuchte Füße: Grasgrüne Wiesen und golden-braune Herbstwälder, so weit das Auge reicht; am Horizont zeichnen sich die Hügel des Harzes ab. Und halblinks im Talkessel fällt der Blick auf die Dächer der kleinen Ortschaft Fürstenhagen. Friedlich liegt es da, das Dorf mit den rund 350 Einwohnern - doch die Idylle trügt. Denn die tiefen Gräben, die dieses Dorf seit einigen Monaten durchziehen, sie sind von hier oben nicht zu sehen. Was die Gemeinde spaltet, ist die Frage, ob hier auf dem Bergrücken demnächst drei riesige Windräder, Typ E-101, ihre Flügel kreisen lassen sollen.

„Ja“, sagt Steuerberater Udo Leibecke, dem der Wind auf der Anhöhe gar nicht stark genug wehen kann: „Im Schnitt haben wir hier 6,25 Meter pro Sekunde. Das reicht locker, um die Anlagen zu betreiben“, erklärt er und blickt auf sein Heimatdorf hinab. „Auf keinen Fall“, entgegnen Naturschützer, die sich zu einer Bürgerinitiative formiert haben. Hier an der hessisch-niedersächsischen Grenze ist sie greifbar, die Energiewende. Hautnah ist zu beobachten, dass das - durch die großzügigen Subventionen immer teurer werdende - Mammutprojekt der Bundesregierung alles andere ist als ein abstrakter Verwaltungsvorgang.

Der Umstieg vom Atomkraft auf erneuerbare Energie bewegt das Land mehr als jedes andere politische Vorhaben: Die einen begreifen die Wende als sinnvolle Investitionsgelegenheit, andere zahlen für sie einen Preis, der nicht allein in Euro und Cent zu beziffern ist. Alte Konfliktlinien und Glaubenskämpfe lässt sie verschwimmen, neue beschwört sie herauf: Naturschützer und überzeugte Atomkraftgegner werden vielerorts zu Bremsern der Energiewende, risikofreudige Menschen mit Unternehmergeist treiben die grüne Revolution voran. Wer oder was heute eigentlich „öko“ ist? Völlig unklar.

Strom bis zur Steckdose Interaktive Karte: Strom bis zur Steckdose © Text: Susanne Kusicke, Umsetzung: Bernd Helfert Interaktiv 

Steuerberater Udo Leibecke hat einen dicken Ordner vor sich liegen. Jedes Detail dokumentiert er: die erste Bauvoranfrage, die er im Januar bei den Behörden eingereicht hat, die Powerpoint-Präsentation mit dem verheißungsvollen Titel „Der Strom ist das Gold der Zukunft“, mit der er und seine vier Mitstreiter bei einer gutbesuchten Ortsratssitzung im April Überzeugungsarbeit leisten wollten. Und die Aufträge für die Gutachten über die Lebensräume von Fledermäusen, Rotmilanen und die Schallentwicklung der Windräder. Er wolle keinen Streit anzetteln, betont er, „den Ball möglichst flach halten“. Sogar eine Busfahrt zu einer vergleichbaren Windkraftanlage haben sie organisiert, um aufzuklären.

Kleine Einlagen, große Windräder

Der Gastwirt des Ortes, Jens Ackerhans, der in die Windräder investieren möchte, sagt: „Wir machen das hier vor allem für die Zukunft unseres Dorfes.“ Immer mehr Häuser stehen leer, beide Supermärkte haben für immer abgeschlossen. Die Windräder hätten das Zeug dazu, den Niedergang zu bremsen, sind die Männer überzeugt. Ihr Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fürstenhagener mit kleinen Einlagen an der Großinvestition beteiligen. Die Planer wollen zudem die Stadtwerke ins Boot holen und den Dorfbewohnern irgendwann günstigen Ökostrom für den Eigenbedarf anbieten. „Spätestens wenn sich die Elektroautos durchsetzen, wird das unseren Ort attraktiv machen“, ist Leibecke überzeugt. Die Investoren planen dank der garantierten Einspeisevergütung mit 8 Prozent Rendite.

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