Home
http://www.faz.net/-gpf-73qci
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Energiewende Ein Land unter Strom

Die Energiewende verändert die Republik: Aus Bürgern macht sie Öko-Investoren, aus Nachbarn Gegner. Für Hartz-IV-Empfänger wird sie zur Gefahr, für neue Technologien zur Chance. Drei Ortstermine.

© privat Vergrößern Umkämpftes Terrain: Auf diesem Hügel an der hessisch-niedersächsischen Grenze wollen Bürger aus Fürstenhagen drei Windräder aufstellen.

Der Wind pfeift über die Anhöhe, der Regen der vergangenen Tage hat die Wiese zum Sumpf werden lassen - doch der Ausblick entschädigt für kalte Ohren und feuchte Füße: Grasgrüne Wiesen und golden-braune Herbstwälder, so weit das Auge reicht; am Horizont zeichnen sich die Hügel des Harzes ab. Und halblinks im Talkessel fällt der Blick auf die Dächer der kleinen Ortschaft Fürstenhagen. Friedlich liegt es da, das Dorf mit den rund 350 Einwohnern - doch die Idylle trügt. Denn die tiefen Gräben, die dieses Dorf seit einigen Monaten durchziehen, sie sind von hier oben nicht zu sehen. Was die Gemeinde spaltet, ist die Frage, ob hier auf dem Bergrücken demnächst drei riesige Windräder, Typ E-101, ihre Flügel kreisen lassen sollen.

Johannes Pennekamp Folgen:  

„Ja“, sagt Steuerberater Udo Leibecke, dem der Wind auf der Anhöhe gar nicht stark genug wehen kann: „Im Schnitt haben wir hier 6,25 Meter pro Sekunde. Das reicht locker, um die Anlagen zu betreiben“, erklärt er und blickt auf sein Heimatdorf hinab. „Auf keinen Fall“, entgegnen Naturschützer, die sich zu einer Bürgerinitiative formiert haben. Hier an der hessisch-niedersächsischen Grenze ist sie greifbar, die Energiewende. Hautnah ist zu beobachten, dass das - durch die großzügigen Subventionen immer teurer werdende - Mammutprojekt der Bundesregierung alles andere ist als ein abstrakter Verwaltungsvorgang.

Der Umstieg vom Atomkraft auf erneuerbare Energie bewegt das Land mehr als jedes andere politische Vorhaben: Die einen begreifen die Wende als sinnvolle Investitionsgelegenheit, andere zahlen für sie einen Preis, der nicht allein in Euro und Cent zu beziffern ist. Alte Konfliktlinien und Glaubenskämpfe lässt sie verschwimmen, neue beschwört sie herauf: Naturschützer und überzeugte Atomkraftgegner werden vielerorts zu Bremsern der Energiewende, risikofreudige Menschen mit Unternehmergeist treiben die grüne Revolution voran. Wer oder was heute eigentlich „öko“ ist? Völlig unklar.

Strom bis zur Steckdose Interaktive Karte: Strom bis zur Steckdose © Text: Susanne Kusicke, Umsetzung: Bernd Helfert Interaktiv 

Steuerberater Udo Leibecke hat einen dicken Ordner vor sich liegen. Jedes Detail dokumentiert er: die erste Bauvoranfrage, die er im Januar bei den Behörden eingereicht hat, die Powerpoint-Präsentation mit dem verheißungsvollen Titel „Der Strom ist das Gold der Zukunft“, mit der er und seine vier Mitstreiter bei einer gutbesuchten Ortsratssitzung im April Überzeugungsarbeit leisten wollten. Und die Aufträge für die Gutachten über die Lebensräume von Fledermäusen, Rotmilanen und die Schallentwicklung der Windräder. Er wolle keinen Streit anzetteln, betont er, „den Ball möglichst flach halten“. Sogar eine Busfahrt zu einer vergleichbaren Windkraftanlage haben sie organisiert, um aufzuklären.

Kleine Einlagen, große Windräder

Der Gastwirt des Ortes, Jens Ackerhans, der in die Windräder investieren möchte, sagt: „Wir machen das hier vor allem für die Zukunft unseres Dorfes.“ Immer mehr Häuser stehen leer, beide Supermärkte haben für immer abgeschlossen. Die Windräder hätten das Zeug dazu, den Niedergang zu bremsen, sind die Männer überzeugt. Ihr Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fürstenhagener mit kleinen Einlagen an der Großinvestition beteiligen. Die Planer wollen zudem die Stadtwerke ins Boot holen und den Dorfbewohnern irgendwann günstigen Ökostrom für den Eigenbedarf anbieten. „Spätestens wenn sich die Elektroautos durchsetzen, wird das unseren Ort attraktiv machen“, ist Leibecke überzeugt. Die Investoren planen dank der garantierten Einspeisevergütung mit 8 Prozent Rendite.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch: Tarek Al-Wazir Eine klare Mehrheit auch für Windräder

Nach Ansicht von Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir verliert die Energiewende nicht an Schwung. Er hofft, dass bis 2018 in Hessen 500 weitere Windkraftanlagen in Betrieb gehen. Die umstrittene Stromtrasse Suedlink hält er für unabdingbar. Mehr

15.03.2015, 15:13 Uhr | Rhein-Main
Energiewende Kraftwerksbetreiber verlieren Milliarden

Bis 2022 raus aus dem Atomstrom - das ist das Ziel der Bundesregierung. Der Ausbau der erneuerbaren Energien läuft auf Hochtouren, während der Preis für Strom immer weiter fällt. Herkömmliche Energieträger sind häufig nicht mehr lukrativ. Mehr

09.01.2015, 09:53 Uhr | Wirtschaft
Im Gespräch: Florian Rentsch Energiewende wirtschaftlich unsinnig

Aus Sicht der hessischen FDP stehen in Hessen schon mehr als genug Windräder. Ausschließlich auf erneuerbare Energien zu setzen sei ein Fehler, sagt der FDP-Fraktionschef im Landtag, Florian Rentsch im Interview mit der F.A.Z. Mehr

23.03.2015, 15:00 Uhr | Rhein-Main
Das geteilte Dorf Mauer trennte Mödlareuth

Nicht nur die Millionenmetropole Berlin war früher geteilt in Ost und West: Auch im kleinen Dorf Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen stand jahrzehntelang eine Mauer. Mehr

04.11.2014, 14:20 Uhr | Politik
Geländewagen Mercedes G 500 Das ist die G-rönung

Dieser Goliath muss keinen David fürchten. Der Mercedes-Benz G 500 kommt wirklich überall hin. Wir konnten ihn bei seiner Jungfernfahrt in der Sierra Nevada erleben. Nur eine Hürde muss er noch nehmen. Mehr Von Tom Debus

17.03.2015, 17:35 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.10.2012, 08:41 Uhr

Sozialistische Übungen

Von Reinhard Müller

Mit Quoten und Bremsen will die Bundesregierung der Bevölkerung Gutes tun. Doch sind diese Vorhaben nur Ausdruck eines paternalistischen Monsters. Und der Opposition geht das immer noch nicht weit genug. Mehr 2 8

Ministerin für Arme

Von Heike Göbel

Es stimmt: Das relative Maß der Armut führt in die Irre. Und man verliert den Blick für wirklich Bedürftige. Aber was folgt daraus für Nahles’ Politik? Mit Mütterrente und Rente mit 63 hat sie jedenfalls die falsche Klientel bedient. Mehr 11 22