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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energiewende Ein Land unter Strom

 ·  Die Energiewende verändert die Republik: Aus Bürgern macht sie Öko-Investoren, aus Nachbarn Gegner. Für Hartz-IV-Empfänger wird sie zur Gefahr, für neue Technologien zur Chance. Drei Ortstermine.

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© privat Umkämpftes Terrain: Auf diesem Hügel an der hessisch-niedersächsischen Grenze wollen Bürger aus Fürstenhagen drei Windräder aufstellen.

Der Wind pfeift über die Anhöhe, der Regen der vergangenen Tage hat die Wiese zum Sumpf werden lassen - doch der Ausblick entschädigt für kalte Ohren und feuchte Füße: Grasgrüne Wiesen und golden-braune Herbstwälder, so weit das Auge reicht; am Horizont zeichnen sich die Hügel des Harzes ab. Und halblinks im Talkessel fällt der Blick auf die Dächer der kleinen Ortschaft Fürstenhagen. Friedlich liegt es da, das Dorf mit den rund 350 Einwohnern - doch die Idylle trügt. Denn die tiefen Gräben, die dieses Dorf seit einigen Monaten durchziehen, sie sind von hier oben nicht zu sehen. Was die Gemeinde spaltet, ist die Frage, ob hier auf dem Bergrücken demnächst drei riesige Windräder, Typ E-101, ihre Flügel kreisen lassen sollen.

„Ja“, sagt Steuerberater Udo Leibecke, dem der Wind auf der Anhöhe gar nicht stark genug wehen kann: „Im Schnitt haben wir hier 6,25 Meter pro Sekunde. Das reicht locker, um die Anlagen zu betreiben“, erklärt er und blickt auf sein Heimatdorf hinab. „Auf keinen Fall“, entgegnen Naturschützer, die sich zu einer Bürgerinitiative formiert haben. Hier an der hessisch-niedersächsischen Grenze ist sie greifbar, die Energiewende. Hautnah ist zu beobachten, dass das - durch die großzügigen Subventionen immer teurer werdende - Mammutprojekt der Bundesregierung alles andere ist als ein abstrakter Verwaltungsvorgang.

Der Umstieg vom Atomkraft auf erneuerbare Energie bewegt das Land mehr als jedes andere politische Vorhaben: Die einen begreifen die Wende als sinnvolle Investitionsgelegenheit, andere zahlen für sie einen Preis, der nicht allein in Euro und Cent zu beziffern ist. Alte Konfliktlinien und Glaubenskämpfe lässt sie verschwimmen, neue beschwört sie herauf: Naturschützer und überzeugte Atomkraftgegner werden vielerorts zu Bremsern der Energiewende, risikofreudige Menschen mit Unternehmergeist treiben die grüne Revolution voran. Wer oder was heute eigentlich „öko“ ist? Völlig unklar.

Interaktive Karte: Strom bis zur Steckdose

Steuerberater Udo Leibecke hat einen dicken Ordner vor sich liegen. Jedes Detail dokumentiert er: die erste Bauvoranfrage, die er im Januar bei den Behörden eingereicht hat, die Powerpoint-Präsentation mit dem verheißungsvollen Titel „Der Strom ist das Gold der Zukunft“, mit der er und seine vier Mitstreiter bei einer gutbesuchten Ortsratssitzung im April Überzeugungsarbeit leisten wollten. Und die Aufträge für die Gutachten über die Lebensräume von Fledermäusen, Rotmilanen und die Schallentwicklung der Windräder. Er wolle keinen Streit anzetteln, betont er, „den Ball möglichst flach halten“. Sogar eine Busfahrt zu einer vergleichbaren Windkraftanlage haben sie organisiert, um aufzuklären.

Kleine Einlagen, große Windräder

Der Gastwirt des Ortes, Jens Ackerhans, der in die Windräder investieren möchte, sagt: „Wir machen das hier vor allem für die Zukunft unseres Dorfes.“ Immer mehr Häuser stehen leer, beide Supermärkte haben für immer abgeschlossen. Die Windräder hätten das Zeug dazu, den Niedergang zu bremsen, sind die Männer überzeugt. Ihr Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fürstenhagener mit kleinen Einlagen an der Großinvestition beteiligen. Die Planer wollen zudem die Stadtwerke ins Boot holen und den Dorfbewohnern irgendwann günstigen Ökostrom für den Eigenbedarf anbieten. „Spätestens wenn sich die Elektroautos durchsetzen, wird das unseren Ort attraktiv machen“, ist Leibecke überzeugt. Die Investoren planen dank der garantierten Einspeisevergütung mit 8 Prozent Rendite.

„Dieses soziale Märchen ist doch ein Alibi“, poltert Günther Schlieper. Der 77 Jahre alte Rentner ist der Wortführer der „Bürgerinitiative pro Fürstenhagen“. Den potentiellen Bauherren ginge es allein ums Geld. Die acht Windrad-Gegner, die zum Treffen in eine stillgelegte Gaststätte gekommen sind, fühlen sich übergangen. Deshalb haben sie Unterschriften im Ort gesammelt, sie haben Paragraphen studiert und bei den Behörden protestiert. Sie wollen die Landschaft, die Vögel und Fledermäuse vor Eingriffen schützen. Auch sie argumentieren mit der Zukunft des Ortes: „Hier zieht doch niemand mehr hin, wenn die Räder den Ausblick verstellen.“ Gegen die Energiewende ist hier niemand.

Man drohte sich mit der Polizei

Im Gegenteil: „Ich würde sogar freiwillig noch mehr für den Strom zahlen, wenn die Sache vernünftig angegangen würde“, sagt ein 45 Jahre alter Handwerker. Dass sie die Räder nicht vor ihrer Haustür wollen, habe nichts mit Egoismus zu tun. Vielmehr müsste erst einmal ein „Verfahren mit Augenmaß“ her, mit dem möglichst objektiv Flächen bestimmt werden, auf denen Windräder Sinn machen. „Es kann doch nicht jeder Dorf-Sheriff mit genug Geld ein Windrad in die Landschaft stellen“, sagt Schlieper. Dass Gegner und Befürworter die Gräben überwinden, scheint ausgeschlossen: Als einer der Initiatoren an einem Treffen der Initiative teilnehmen wollte, drohte man sich mit der Polizei.

Der Energiewender - Umweltminister Altmaier

Karin Helbich plagen ganz andere Sorgen. Jeden Monat sei es ein Kraftakt, genug Geld für die Stromrechnung zurückzulegen, sagt die Frau, die ihr Arbeitslosengeld mit Hartz IV aufstockt. Einmal habe ihr der Versorger vier Tage den Strom abgedreht. „Da standen meine beiden Söhne und ich plötzlich ohne Kühlschrank da. Abends mussten wir Kerzen anzünden“, sagt die 45 Jahre alte Frankfurterin. So wie ihr erging es im vergangenen Jahr 100.000 Hartz-IV-Haushalten, schätzt der Paritätische Gesamtverband. Früher, als sie mit ihrem Ex-Mann eine Eventagentur gemanagt habe, „als ich noch ein tolles Haus und keine Sozialwohnung hatte“, da habe sie gar nicht auf die Stromrechnung geachtet.

Doch zur Jahrtausendwende entgleiste zuerst ihre Ehe, dann ihr ganzes Leben: Jobverlust, der Gang zum Amt, und schließlich sei ihr, der stolzen Frau, die ihre Kleider aus besseren Zeiten aufträgt, nichts anderes geblieben, als sich in die Schlange bei der Tafel einzureihen: „Sonst hätten wir kein Essen gehabt.“ Dass der Strompreis durch die teuren Subventionen im kommenden Jahr weiter steigen wird, findet die Transferbezieherin ungeheuerlich. „Die Energiewende ist völlig bescheuert, wir haben die sichersten Atomkraftwerke der Welt“, schimpft sie.

Was der Anstieg für sie bedeutet? Die Frau kramt ein grünes Buch hervor und zitiert den Betrag, der im Hartz-IV-Regelsatz im Jahr 2011 für Strom veranschlagt war: „28,12 Euro - ich zahle jetzt schon mehr als dreimal so viel!“ Ihre eigene außergewöhnlich hohe Stromrechnung entsteht unter anderem dadurch, dass sie ihr Wasser mit einem stromfressenden Durchlauferhitzer im Badezimmer erwärmt. Um die Kosten zu drücken, holte sich die Alleinerziehende im Frühjahr Hilfe von der Caritas, die in vielen Städten kostenlose Energieberatung für Bedürftige anbietet.

Der Berater fand heraus, dass der ohnehin teure Durchlauferhitzer auch dann vor sich hin surrt, wenn es gar nicht nötig ist. Bis zu 400 Euro im Jahr könnten durch ein neues Gerät gespart werden, hat er berechnet. Seitdem streitet die Frankfurterin mit ihrem Vermieter über den Austausch. Die Caritas hat sie zudem mit drei neuen Steckerleisten versorgt, die verhindern, dass die Stereoanlage und der Fernseher Strom im Stand-by-Modus verpulvern. Sämtliche Glühbirnen wurden durch Energiesparlampen ersetzt und geduscht wird nur noch so lange wie nötig. Rund 120 Euro könnte sie auf diese Weise pro Jahr sparen. „Zum Glück kann ich ab November als Masseurin arbeiten“, sagt die Mutter, „dann muss ich hoffentlich nicht mehr jeden Cent zweimal umdrehen.“

Die Sündenböcke für die hohen Rechnungen sind die besonders energieintensiven Industrien. Im laufenden Jahr sparen sie laut Bundesregierung dank ihres EEG-Abschlags knapp 2,5 Milliarden Euro. Der Generalverdacht: Obwohl viele es nicht nötig hätten, erwirtschaften die Betriebe ihre Gewinne auf Kosten kleiner Verbraucher. Schlagzeilen über Geflügelzüchter und städtische Verkehrsbetriebe, die profitieren, obwohl der internationale Wettbewerbsdruck überschaubar ist, verstärken den Zorn. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die großen Energiefresser mit Hochdruck daran arbeiten, ressourcenschonende Technologien voranzutreiben - und Fortschritte selbst da möglich sind, wo es seit Jahrzehnten kaum Innovationen gibt: in der Zementherstellung zum Beispiel.

Sie denken langfristig, nicht in Legislaturperioden

Glaubt man den beteiligten Forschern, dann könnte in der energieintensiven Industrie gerade eine kleine Revolution beginnen. Besichtigt werden kann sie in einem quaderförmigen Neubau auf dem Nordcampus des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Im Inneren steht ein silberfarbener Zylinder, der an eine Raumkapsel erinnert. Um zu erklären, was in dem überdimensionierten Dampfkochtopf vor sich geht, hat KIT-Forscher Peter Stemmermann Legosteine mitgebracht. Sie symbolisieren Wasser, Sand, Kalk und Kohlendioxid. In zwei verschiedenen Abläufen steckt er die Steine aufeinander. Beim zweiten Anlauf ist der Turm, der die Abfallprodukte darstellt, erheblich kleiner, der Zementberg dafür höher.

„Das hier ist unser neues Verfahren“, erklärt der Mineraloge. Nach jahrelanger Forschung und dank der Gründung einer GmbH, in die die Ulmer Schwenk Zement KG 5 Millionen Euro investiert hat, sei es gelungen, ein neues Herstellungsverfahren zu erfinden. Das mühsame Zermahlen der Kalksteine fällt zwar nicht weg, bei der Zementherstellung selbst werde aber nur halb so viel Brennenergie benötigt. Setzt sich Verfahren einmal durch, wäre das gut für die Umwelt, denn die CO2-Bilanz von Beton ist miserabel. Ob der neue Zement so langlebig ist wie herkömmlicher, muss sich erst noch zeigen. Frühstens 2017 könne das Pulver reif für den Markt sein.

Die Forscher und der Investor denken langfristig, nicht in Legislaturperioden. Sie müssen sorgfältig vorgehen und dürfen nichts überstürzen. Karin Helbich und viele andere Stromverbraucher würden sich wünschen, dass sich die Politiker daran ein Vorbild nehmen würden.

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft.

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