Niemand kann heute noch behaupten, Deutschland betreibe den Ausbau der erneuerbaren Energien zögerlich. Mit grimmiger Entschlossenheit wird die Energielandschaft umgestaltet. Keine andere Industrienation hält bei diesem Tempo mit. Im Jahr 2020, so war das alte Ziel, sollten Wind, Wasser, Sonne und Biomasse 35 Prozent des Strombedarfs decken. „Das Ziel wird aller Voraussicht nach übererfüllt“, meldet das Bundesumweltministerium. 40 Prozent gibt Umweltminister Peter Altmaier jetzt als Losung aus.
„Plan übererfüllt“ ist eine zumindest Sowjetbürgern vertraute Diktion. Tatsächlich erlebt die Planwirtschaft gut zwanzig Jahre nach ihrer Abwicklung ihren größten Triumph auf deutschem Boden - dank der Energiewende. Denn die Ziele der Bundesregierung werden zwingend übertroffen. Schon voriges Jahr deckte grüner Strom in Deutschland 20 Prozent des Verbrauchs, dieses Jahr sind es 25 Prozent.
In Hinterzimmern befreien lassen
Inzwischen sind im von Sonnenschein nur mäßig gesegneten Deutschland 1,2 Millionen Photovoltaikanlagen installiert, ungefähr 40 Prozent aller Anlagen der Welt. Mit rund 23.000 Windrädern sind wir ebenfalls Spitzenreiter hinter den Flächengiganten China und den Vereinigten Staaten. Dazu kommen 7500 Biogasanlagen. In keinem anderen Land der Welt stehen mehr. Das hat seinen Preis: Die Ökoumlage, mit der vor allem die privaten Haushalte die Energiewende bezahlen, steigt auf brutto 6,3 Cent je Kilowattstunde. Die Großverbraucher aus der Industrie schweigen dazu: Sie haben sich in den Hinterzimmern des politischen Berlin von der Ökoumlage befreien lassen.
Zu verdanken ist der Triumph einer mit Geldgeschenken aufgepeppten Planwirtschaft. Zentral geplant wurde die Höhe und die Dauer der finanziellen Anreize und die zu fördernde Technik: Windräder, Photovoltaikanlagen, Wasserkraftwerke oder Anlagen, die Biomasse zu Strom machen.
Bei der Menge der Anlagen aber verließen sich die Planer zu Recht auf die Anziehungskraft garantierter Geldgeschenke: Die Betreiber der Ökostrom-Anlagen bekommen für 20 Jahre einen fixen Strompreis und dazu das Privileg, dass jede produzierte Kilowattstunde ihnen von den Stromnetzbetreibern abgenommen werden muss. Die Garantiepreise liegen deutlich über den Preisen von Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken. Dank dieser garantierten Erlöse blüht in Deutschland die grüne Stromwirtschaft. „Eine Explosion der Produktion war ganz unvermeidlich“, sagt der Magdeburger Umweltökonom Joachim Weimann. Dreistellige Milliardenerträge fließen: Keine Branche hätte bei diesem Geldsegen ihre Blüte vermeiden können.
Das Produktionsregime setzt ein altes Prinzip der Elektrizitätswirtschaft außer Kraft. Früher richtete sich die Produktion nach dem Verbrauch. Es wurde genau das generiert, was auch abgenommen wurde. Das musste so sein: Strom kann man schlecht speichern.
Verstopfung auf der Stromautobahn
Heute bestimmt nicht mehr nur die Nachfrage das Angebot, sondern Wind und Sonne. Geht ein steifer Wind und die Sonne scheint gleichzeitig, dann kommt mehr Strom in die Leitungen als gefragt ist. Dann drosseln die Netzbetreiber Kohle- und Gaskraftwerke herunter, um einen Blackout zu verhindern: Die konventionellen Kraftwerke dürfen weniger Strom liefern, als sie könnten. Und wenn ganz viel Wind hereinkommt, müssen inzwischen selbst Windparks vom Netz genommen werden. Sie werden aber trotzdem vom Verbraucher bezahlt.
Am stärksten spürt die Firma „50Hertz“ die Anspannung. Sie managt das Hochspannungsleitungsnetz in Ostdeutschland. Hier ballen sich inzwischen die Windräder. 2010 griff „50Hertz“ gerade sechsmal ins Netz ein, um dessen Stabilität zu sichern vor zu viel Wind, 2011 waren es 45 Mal, und in diesem Jahr summiert sich die Zahl der Eingriffe schon heute auf 53. Und der windreiche Herbst steht noch bevor.
Manchmal droht Verstopfung besonders auf der Stromautobahn, die von Nordosten nach Süden führt. Dann kann der Norden die Nachfrage aus dem Süden nicht decken, der Netzbetreiber greift zum sogenannten Redispatching: Er drosselt Kohlekraftwerke im Norden und verpflichtet Kohlekraftwerke im Süden, die Nachfrage zu stillen. Klingt technisch, kostet aber viel Geld. Denn die Netzbetreiber müssen die Kraftwerksbetreiber entschädigen. Die Firma „50Hertz“ beziffert die sogenannten Redispatch-Kosten auf 100 Millionen Euro allein 2011. Mit zeitlicher Verzögerung können die Netzbetreiber diese Kosten auf die Netzentgelte und damit auf die Verbraucher umlegen.
Auch hier kommt ein klassischer Fehler der Kommandowirtschaft zum Tragen: die mangelnde Synchronität der Wirtschaftssektoren. Man baut ein Windrad nach dem anderen im windreichen Norden, hat aber nicht genügend Leitungen, den Strom in den hungrigen Süden zu bringen.
Der Schauer des düsteren, kalten, windstillen Wintertages
Die herkömmliche Planwirtschaft hatte in der Praxis immer das eine Problem: Sie konnte die wahre Nachfrage nie decken. Es gab immer zu wenig. Dasneue Ökostrom-Produktionsregime reagiert ebenfalls schleppend auf die wahre Stromnachfrage: Es liefert entweder zu wenig oder in Zukunft wohl immer häufiger zu viel. Der ungebremste Ausbau des Ökostroms ist daran schuld, er orientiert sich nicht nach dem Bedarf.
Gleichzeitig ändert der Ausbau nichts daran, dass man weiter dringend Kohle- und Gaskraftwerke braucht. So lässt ein düsterer, kalter, windstiller Wintertag die Netzbetreiber erschauern: Dann wird viel Strom verlangt, den der um abgeschaltete Kernkraftwerke ausgedünnte klassische Kraftwerkspark liefern muss, denn Windmühlen und Photovoltaik liefern zu wenig Strom. Im letzten Winter musste Österreich zweimal einspringen, um den Blackout abzuwenden.
Die dringend benötigten konventionellen Kraftwerke allerdings werden immer häufiger zu Reservisten gemacht, was gefährliche Konsequenzen nach sich zieht. 2020 laufen sie 40 Prozent bis 50 Prozent weniger als heute, rechnet die Energiewirtschaft. Denn die Kraftwerke dürfen nur noch einspringen, wenn Ökostrom fehlt.
„Marktwirtschaft ist nicht alles“
Was folgt daraus? Wenn Gas- und Kohlekraftwerke weniger arbeiten dürfen, verdienen sie weniger. Deshalb spielt Eon offenbar mit dem Gedanken, Gaswerke im Süden abzustellen. Gerade in Bayern verderben Photovoltaik-Anlagen (dort sind erstaunliche drei Solarpanele pro Kopf installiert) die Gewinnchancen von Gaswerken. „Das Stilllegen kann nicht hingenommen werden“, polterte die Bundesnetzagentur. Im liberalen Wirtschaftsministerium kursiert die Idee, das Abschalten von unrentablen Kraftwerken schlicht zu verbieten, um einen Blackout zu verhindern. Weil man aber die Kraftwerke braucht, wenn Wind und Sonne gerade nicht liefern, wird nun darüber nachgedacht, die Anlagen nicht für Arbeit, sondern für ihre Existenz zu bezahlen. Damit wären die Zustände der alten Energiemonopolwirtschaft wiederhergestellt.
Damit nicht genug: Wenn der Ausbau in diesem Tempo weitergeht, wird der Ökostrom nicht nur konventionelle Kraftwerke auf die Ersatzbank schicken, sondern auch mit sich selbst konkurrieren zu bestimmten Jahres- und Tageszeiten. Die ungeklärte Frage ist dann, welcher Ökostrom abgeklemmt wird. Bezahlen wird ihn der Verbraucher trotzdem müssen: Den Betreibern von Wind- und Solaranlagen wurden ja schließlich Preise und die Abnahme garantiert. „Marktwirtschaft ist nicht alles“, sagt Umweltminister Peter Altmaier.
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