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Bürgerwindpark Die den Wind ernten

 ·  Hier hat niemand etwas gegen Windräder: Der Wind und die Energiewende haben Reußenköge reich gemacht. Die Bürger der kleinen Gemeinde an der nordfriesischen Küste haben viel in ihre Windparks investiert und viel damit gewonnen.

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© Pilar, Daniel Kehraus nach der Energiewende: Den Ökostrom in seinem Lauf hält weder Ochs noch Hofhund auf

Das Abstimmungsergebnis ist eindeutig. Es geht aber nicht um viel. Nur um ein Meinungsbild. Der Bürgermeister hat es sich von der Einwohnerversammlung erbeten. Reußenköge, an der Nordseeküste zwischen Husum und Niebüll gelegen, zählt gerade einmal 330 Einwohner. Auf einen Quadratkilometer kommen, statistisch gesehen, sieben Einwohner. Reußenköge hat kein Zentrum, nicht einmal eine Kirche, sondern besteht aus in die platte Landschaft geduckten Höfen. Ohne Nachbarn, von Deichen ringsum geschützt. Die Deiche sind die einzigen Erhebungen weit und breit. Und natürlich die siebzig Windräder, die sich hier drehen.

Reußenköge ist immer noch eine selbständige Gemeinde. Auch das hat mit den Windrädern zu tun. Denn Windenergie hat die Gemeinde wohlhabend gemacht, derart wohlhabend, dass man unwillkürlich lächeln muss, wenn Bürgermeister Johannes Volquardsen sagt: „Wir sind für die Energiewende.“

Das Land hier ist „windhöffig“. Das klingt nett, aber es meint tüchtigen Wind, unangenehmen Wind, der oftmals als Sturm daherbraust. Volquardsens Stellvertreter Dirk Albrecht sagt sogar, die Windverhältnisse über Reußenköge unterschieden sich nur wenig von denen auf dem offenen Meer. Damit muss man erst einmal leben können. Und vor allem leben wollen. Wirtschaftlich jedoch lohnt sich der Wind. Wohlstand macht treu. Und auch zuverlässig: Mehr als siebzig Leute, ein Viertel der Einwohnerschaft von Reußenköge, sind in die Koogshalle hinter der alten Schule gekommen, einem der wie dahingewürfelten Gehöfte, dem auf den ersten Blick nicht anzusehen ist, dass er eine Art Zentrum der Gemeinde bildet – abgesehen vielleicht vom weitläufigen Parkplatz, der sich rasch gefüllt hat an diesem Abend.

Ein Bürgerwindpark für Reußenköge

Die Einwohnerversammlung beginnt mit einer Information über die 17. Änderung des Flächennutzungsplans. Für Reußenköge ein spannendes Thema, denn es geht um viel. Schleswig-Holstein ist gegenwärtig dabei, die Fläche der sogenannten Windeignungsgebiete von bislang 0,8 Prozent der Landesfläche auf 1,5 Prozent zu erweitern. Das ändert die Regionalpläne des Landes. Darüber wird, nicht nur in Reußenköge, öffentlich informiert und diskutiert. Bürgerbeteiligung heißt das. Am Ende muss sie mit Unterschriftenlisten dokumentiert werden.

Noch gibt es keine endgültigen Festlegungen. Dass in einem fünfhundert Meter langen Streifen entlang der Küste keine Windanlagen stehen dürfen, ist ohnehin klar. Der Landkreis Nordfriesland wollte sogar drei Kilometer, konnte sich aber nicht durchsetzen. Kurz vor Jahresende soll der Kieler Landtag entscheiden. Dann könnte die „Teilfortschreibung der Regionalpläne zur Ausweisung von Windenergieeignungsflächen“ im neuen Jahr rechtskräftig sein. Wenn alles klappt, bekommt Reußenköge zwei neue Flächen, die zusammen einen Windpark bilden sollen, einen sogenannten Bürgerwindpark. Ebendeshalb sind die Bewohner von Reußenköge so interessiert.

Reußenköge profitiert von der Windenergie wie vielleicht keine andere Gemeinde in Schleswig-Holstein. Dass Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) bei seiner Sommerreise ausgerechnet in Schleswig-Holstein anmerkte, es gebe derzeit zu viele Planungen für neue Windkraftanlagen, wird ihm im Norden übelgenommen. Sogar die eigene Partei in Kiel murrte. Und in Reußenköge hätte Altmaier so etwas schon gar nicht sagen dürfen. Mit den Einnahmen aus der Windenergie hat die Gemeinde auch die alte Schule, die seit 1967 keine Schule mehr ist, ausgebaut – auf der einen Seite des großen Backsteingebäudes mit einer Wohnung, auf der anderen mit Räumen für die Gemeinde, die Landjugend und die freiwillige Feuerwehr.

Dem Meer abgerungenes Land

Die Gemeinde hat auch die Koogshalle gebaut. 26 Jahre liegt das schon zurück, fällt also in jene Zeit, als erstmals über regenerative Energie und Windkraftnutzung nicht mehr allein nur für den eigenen Bedarf geredet wurde. Damals wurde eine Halle für das alljährliche Kinderfest benötigt. Für den Rest des Jahres wurden Landwirtschaftsmaschinen hier untergebracht. Inzwischen ist die Halle immer weiter ausgebaut worden. Schicker Holzfußboden, ein Bereich für Gastronomie, wenn dort Veranstaltungen wie die Einwohnerversammlung sind, großzügige Toilettenanlagen. „Die Koogshalle wird die Bürgermeister auch nach mir beschäftigen“, lacht Volquardsen. Denn immer wieder sei hier an- und umgebaut worden, auch in den zehn Jahren, in denen er Bürgermeister war – als Kandidat der Reußenköger Wählergemeinschaft.

Volquardsen ist 73 Jahre alt und will zur Kommunalwahl im Mai des nächsten Jahres nicht mehr antreten. Er war wie die meisten Einwohner von Reußenköge Landwirt, hat seinen Betrieb aber schon vor Jahren aufgegeben. Sein Stellvertreter Albrecht, 56 Jahre alt, ist noch Landwirt. Und er hat zudem eine Funktion, die in dieser Landschaft aus gutem Grund hohes Ansehen genießt: Oberdeichgraf. Köge sind dem Meer abgerungenes Land, fruchtbares Marschland. Zwischen Koogshalle und alter Schule hat die Gemeinde sich sogar ein Denkmal geleistet. Eine Bronzetafel zeigt das Porträt von Jean Henri Graf Desmercires (1687–1778), dem „Urvater der Reußenköge“. Der Sophie-Magdalenen-Koog geht auf ihn zurück und der Koog gleich daneben, den er nach sich selbst benannt hat.

Eine zweite Bronzeplatte zeigt eine Reliefkarte mit den Kögen. Die Gemeinde besteht aus sechs Kögen. Der letzte bewohnte, der Sönke-Nissen-Koog, entstand in den zwanziger Jahren. In den achtziger Jahren kam noch der Beltringharder Koog hinzu, mit dem die Deichlinie begradigt wurde, damals ein umstrittenes Vorhaben, heute das größte Naturschutzgebiet auf dem Festland von Schleswig-Holstein. Danach wurde die Landgewinnung durch Eindeichen endgültig aufgegeben. Der neue Deich des Sophie-Magdalenen-Kooges soll Theodor Storm zu seiner Novelle „Der Schimmelreiter“ inspiriert haben. Auch eine Hallig gehört zur Gemeinde, einst von Kaufleuten aus Hamburg eingedeicht und heute nach der Hansestadt benannt. Ein Damm führt dorthin, der bei jeder höheren Flut überschwemmt ist.

Die erste Anlage stammt von Anfang der achtziger Jahre

Die Hallig ist Naturschutzgebiet und wird heute vom Nabu betreut, vom Naturschutzbund Deutschland. Wer den Damm befahren will, muss fünf Euro bezahlen. Als die Gemeinde und das Amt Mittleres Nordfriesland, die beide an einem Zweckverband Hamburger Hallig beteiligt sind, das einführten, gab es viel Protest. Liegt dort doch eine der beiden Nordsee-Badestellen von Reußenköge. Doch alle haben sich daran gewöhnt. Sie wissen inzwischen, dass es sich lohnt, denn 100 000 Besucher zählt die Hallig jedes Jahr. Es lohnt sich auch, neue Fahrradwege zu bauen. So wird der Tourismus immer mehr zu einem Wirtschaftsfaktor.

Die eigentlichen Einnahmen für die Gemeinde aber kommen aus der Gewerbesteuer, denn in Reußenköge gilt ein deutlich höherer Hebesatz, 380 Prozent statt 310 Prozent wie in Schleswig-Holstein üblich. „Das haben die Leute hier so entschieden, um die Gemeinde zu stärken“, sagt der Bürgermeister. Sie können es sich auch leisten, zumal 2011 und 2012 als „gute Windjahre“ gelten. Niemand in der Einwohnerversammlung hat etwas gegen die Windkraftnutzung. Diskussionen gibt es nur darüber, ob es noch mehr Anlagen sein sollten und wie diese künftig aussehen. Bedenken schiebt Hans-Jürgen Fröhlich vom Amt Mittleres Nordfriesland beiseite: „Hier können Sie wirklich Wind ernten. Dann sollten Sie das auch machen.“ Fröhlich ist von der Kommunalaufsicht in Husum berufen worden, um den Bürgermeister und die Gemeindevertretung gleichsam zu ersetzen. Denn Bürgermeister und Gemeinderat sind wegen ihrer Beteiligung an den Windparks bei allen Entscheidungen dazu befangen.

Die Windkraft wird in Reußenköge seit Anfang der achtziger Jahre genutzt. Die erste Anlage hatte eine Leistung von 55 Kilowattstunden. Sie war vom Besitzer aus dem Cecilienkoog für die Versorgung seines Gehöftes gebaut worden. Der Mann gilt als Original, sein Windrad inzwischen als Industriedenkmal, obgleich es noch immer Strom produziert. Zehn Jahre später gab es das sogenannte Stromeinspeisegesetz, wieder zehn Jahre später das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Reußenköge nutzte seine Chance. Längst stehen die Anlagen nicht mehr am Haus, sondern in fünf Windparks. Park sechs soll folgen. Mit 200 bis 250 Kilowattstunden fing es an. Moderne Anlagen heute haben eine Leistung von zwei Megawatt. Die Gemeinde produziert 140 Mal mehr Strom, als sie selbst benötigt, wobei der Eigenbedarf bei 2,8 Millionen Kilowattstunden im Jahr liegt.

Das Richtige für die Gemeinde tun

Die Idee des Bürgerwindparks stammt zwar nicht aus Reußenköge, aber doch aus Nordfriesland. Sie ist denkbar einfach: Akzeptiert werden Windkraftanlagen von den Nachbarn viel leichter, wenn sie selbst etwas davon haben. Und in Reußenköge war von Anfang an klar, Investoren von außerhalb sollten nicht zum Zuge kommen, sondern die Bewohner selbst. „Wie die Geier würden sich Investoren auf uns stürzen“, meint der Bürgermeister, der nun selbst „Windmüller“ geworden ist. Genau wie sein Stellvertreter Albrecht und überhaupt fast alle Bewohner von Reußenköge. 28 Gesellschafter für die Bürgerwindparkgesellschaft gab es am Anfang, heute sind es 200. Wer sich beteiligen will, muss 10.000 Euro einzahlen und für weitere 20.000 Euro bürgen.

Volquardsen erinnert sich, wie er einst schlaflose Nächte hatte, weil er sich mit 750.000 Mark an einer Anlage beteiligt hatte – immerhin Geld, für das er einen Kredit aufnehmen musste. Seit die Windkraft in Deutschland aber ihre gesetzliche Grundlage hat, geben die Banken auch bereitwillig Kredit. Den Bürgern gehören die Windkraftanlagen, nicht jedoch das Land, auf dem sie stehen. Dafür zahlen sie Pacht. All das hat sich in Reußenköge längst eingespielt. Die kleine Gemeinde hat einen Haushalt von zwei Millionen Euro und Rücklagen von einer Million Euro. Schulden kennt Reußenköge nicht. Volquardsen sagt in der Einwohnerversammlung: „Wir sind es gewohnt, das Richtige für die Gemeinde zu tun.“ Zum Richtigen gehört, dass die Windparks der Reußenköge finanziell dabei sind, wenn es etwa darum geht, neue, unterirdische Speichermöglichkeiten für Windstrom zu testen – in Form von Wasserstoff.

Die „Windmüller“ von Reußenköge gehören zu einer Arbeitsgemeinschaft, die prüft, wie künftig der selbstproduzierte Strom auch selbst verkauft werden könnte – ein Thema mit großer Zukunft, wie alle finden. Auch soll ein Umspannwerk in der Gemeinde entstehen. Albrecht sagt: „Die großen Energieunternehmen wissen seit Jahren, dass sie die Netze ausbauen müssen, aber sie scheuten bislang zurück, weil die Kosten erst einmal sehr hoch sind und sich nicht sofort auf den Verbraucher umlegen lassen.“ Und Volquardsen sagt: „Wir können schließlich nicht auch noch die Netze bis nach Bayern bauen.“

Neue Firmen haben sich angesiedelt

Reußenköge hat mit dem Windgeld Radwege von Nord nach Süd über knapp zwölf Kilometer sowie von Ost nach West über 2,6 Kilometer gebaut und dabei auch noch Nachbargemeinden wie Ockholm unterstützt. Für 60.000 Euro hat Reußenköge eine sogenannte Stöpe in Ordnung gebracht. Stöpen dienen dazu, die Öffnungen in den Deichen, durch welche die Straßen hindurchführen – in diesem Fall zwischen Sönke-Nissen- und Cecilienkoog –, bei einer Sturmflut verschließen zu können. Die Gemeinde gab auch Geld, als Demercires Grabstätte in Flemhude bei Kiel restauriert wurde. Für die neue Turnhalle im nahen Bredstedt spendierte sie 40.000 Euro, um Sportgeräte kaufen zu können. „Die werden schließlich auch von unseren Kindern genutzt.“ Auf der Einwohnerversammlung kündigt der Bürgermeister an, künftig werde jede Familie mit 200 Euro im Jahr pro Kind unterstützt. Außerdem seien bis Jahresende alle Haushalte mit Breitband versorgt.

Nur durch ihre Finanzkraft ist Reußenköge noch immer eine eigenständige Gemeinde. Sie lässt sich allerdings mitverwalten vom Amt Mittleres Nordfriesland, zu dem sich neunzehn Gemeinden zusammengeschlossen haben. Reußenköge ließ sich den Kauf zweier Gebäude der Landwirtschaftsschule im nahen Bredstedt und den Umbau des einen historischen Gebäudes zum Verwaltungszentrum 2,5 Millionen Euro kosten. Die Landwirtschaftsschule blieb in dem einen Gebäude und wurde so für die Region gesichert. In das andere zog das Amt, das im Gegenzug als Dienstleistung die Verwaltung von Reußenköge mit übernahm – erst einmal für die nächsten zwanzig Jahre.

„Wir haben hier den Strukturwandel ein wenig aufgehalten“, sagt der Bürgermeister. 70 Landwirtschaftsbetriebe gab es früher in Reußenköge, 22 sind es noch heute. Durch die Windkraftanlagen jedoch haben sich neue Firmen angesiedelt, Handwerksbetriebe und zwei Planungsbüros. Nach Reußenköge pendeln inzwischen viele, die hier Arbeit gefunden haben. Bürgermeister Volquardsen gefällt es dennoch nicht so recht, wenn in der Kieler Landesregierung gerade Reußenköge immer als Beispiel genannt wird, wie man durch Windenergie reich werden kann. Vor den Einwohnern in der Koogshalle sagt er: „Wir sind hier wie die Biene im Honigfass.“ Er sagt es mahnend. Wenn es so bleiben solle, müsse die Gemeinde in die Zukunft denken.

„Die Nacht soll dunkel bleiben“

Deshalb auch die Abstimmung über die Frage: Könnten sich die Leute aus Reußenköge vorstellen, Windkraftanlagen zu erlauben, die über hundert Meter hinausragen? Es geht dabei nicht um mehr Anlagen, sondern um das sogenannte Repowering, also den Ersatz alter Anlagen durch neue, größere, leistungsfähigere und eben höhere. „Wollen wir uns vom Geld erschlagen lassen?“, fragt eine Zweiflerin. Aber sie ist in der Minderheit. Die Leute von Reußenköge haben nichts gegen die Veränderung ihrer Landschaft durch Windräder. Sie fühlen sich wegen des Abstandsgebots – moderne Anlagen müssen mindestens 800 Meter von der nächsten Siedlung und 400 Meter von einem Einzelhaus entfernt sein – auch nicht belästigt vom Lärm der Anlagen. Was sie wirklich stört, sind nachts die Positionslampen: „Es blinkt an allen Ecken und Kanten.“ Volquardsen selbst war deswegen lange Zeit gegen höhere Windräder. Aber er ist umgestimmt.

„Die Nacht soll dunkel bleiben“, verspricht Dirk Ketelsen auf der Einwohnerversammlung, einer der Windpark-Geschäftsführer. Zur Husumer Windenergiemesse, dem weltgrößten Treffen der Branche, wurde in der Nachbargemeinde Langenhorn gerade ein Pilotprojekt vorgestellt. Dort gibt es schon höhere Anlagen, deren Lampen aber erst dann zu leuchten beginnen, wenn sich ein Flugzeug nähert. Auch in Bordelum, einem anderen Nachbarn, soll es bald so etwas geben. In Amerika sei es schon seit langem erprobt. Das schließlich überzeugt die Leute in Reußenköge. Schon gleich zu Beginn der Versammlung, als die Kellnerin eben die Getränkebestellungen entgegennahm, hatte Volquardsen zur allgemeinen Freude verkündet: „Die Gemeinde übernimmt den Verzehr.“

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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