http://www.faz.net/-gpf-7720t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.02.2013, 17:54 Uhr

Umweltminister Altmaier „Energiewende könnte bis zu einer Billion Euro kosten“

Erstmals spricht Umweltminister Peter Altmaier öffentlich über die Gesamtkosten der Energiewende: 1000 Milliarden Euro. Grund genug für den CDU-Politiker, die „Strompreisbremse“ zu ziehen.

© Matthias Luedecke Umweltminister Altmaier will mit einer Strompreisbremse die Kosten der Energiewende um 300 Milliarden Euro senken

Herr Minister, wird Ihnen der Erfolg der Energiewende langsam unheimlich?

Nicht der Erfolg wird mir unheimlich, sondern die ungelösten Probleme, die wir seit zehn Jahren mit uns rumschleppen. Wir haben jetzt vielleicht die letzte große Chance, die strukturellen Voraussetzungen für ein Gelingen zu schaffen. Das heißt, die Energiewende muss volkswirtschaftlich vertretbar und bezahlbar bleiben. Gerade kleine Betriebe, Handwerker und Haushalte haben Preissteigerungen von bis zu 25 Prozent erlebt. Da können wir nicht noch mal zehn Prozent jedes Jahr draufpacken.

Haben Sie schon mal ausgerechnet, wie teuer die Energiewende wird?

Die scheinbare Paradoxie besteht darin, dass in den ersten Jahren, als die Vergütung besonders hoch war, die Gesamtkosten noch relativ überschaubar waren. Aber jetzt, da die Einspeisevergütung für Neuanlagen deutlich gesunken ist, schießen die Kosten in die Höhe. Das hat mehrere Gründe: Einerseits wird die Vergütung 20 Jahre gewährt. und es fallen bisher kaum alte Anlagen aus der Förderung, es kommen aber viele neue hinzu. Auch ist der Preis an der Börse, wo der EEG-Strom vermarktet wird, stärker gefallen, als viele „Experten“ gesagt haben.

Und ein niedriger Börsenpreis führt bei feststehender Einspeisevergütung zu einer höheren Umlage.

Genau. Das alles kann dazu führen, dass sich die Kosten der Energiewende und des Umbaus unserer Energieversorgung bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts auf rund eine Billion Euro summieren könnten.

Offshore-Windenergie © dpa Vergrößern Laut Peter Altmaier könnten sich die Kosten der Energiewende und des Umbaus der Energieversorgung bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts auf rund eine Billion Euro summieren

Wir haben richtig gehört: Eine Billion Euro? Also tausend Milliarden?

Ja. Wenn wir nichts dagegen tun, werden wir diese Größenordnung erreichen. Wir müssen davon ausgehen, dass wir dann allein bis 2022 Zusagen für Einspeisevergütungen von rund 680 Milliarden Euro gemacht haben werden. Das gilt unter der Voraussetzung, dass der Börsenstrompreis auf dem aktuellen Niveau von 4,5 Cent die Kilowattstunde bliebe und die geltende Förderpraxis nicht geändert wird. Würde der Börsenstrompreis weiter sinken, würde es noch teurer. Zu diesen 680 Milliarden Euro kommen dann noch die Kosten für den Netzausbau, für die Sicherstellung der Reservekapazitäten, für Forschung und Entwicklung, bis hin zur Elektromobilität und energetischen Gebäudesanierung hinzu.

Wie errechnet sich dieser gigantische Betrag?

Das kann man nachrechnen. Knapp 67 Milliarden Euro Einspeisevergütung haben die Besitzer von Wind-, Photovoltaik- und Biogasanlagen bis Ende 2012 schon bekommen. Für die Jahre bis 2022 sind weitere 250 Milliarden Euro zugesagt. Das ergibt 317 Milliarden Euro. Wenn es bei dem 2012 erreichten Niveau bliebe und jedes Jahr für neue Anlagen zusätzlich 1,8 Milliarden Euro Vergütung gezahlt werden müssten, kämen rein rechnerisch weitere 360 Milliarden Euro hinzu. Das wären dann knapp 680 Milliarden Euro - nur für die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien.

Wie viel davon kann Ihre Strompreisbremse verhindern?

Ich habe zusammen mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) vorgeschlagen, dass wir die Einspeisevergütung für neue Anlagen von jährlich 1,8 Milliarden Euro um eine Milliarde Euro senken. Das würde bedeuten, dass wir binnen 20 Jahren 200 Milliarden Euro bei der Einspeisevergütung sparen würden. Ich gehe aber davon aus, dass die Einsparungen höher ausfallen werden. Der Druck der Strompreisbremse wird die Erneuerbaren schneller zur Marktreife bringen. Es wird interessanter, Strom zum Eigenverbrauch zu produzieren, direkt zu vermarkten oder Speicher zu bauen. Das würde dazu führen, dass wir weniger Reservekapazitäten benötigten. Ich erhoffe mir dadurch noch einmal Einsparungen von mindestens 100 Milliarden Euro.

Ihre Bremse spart 300 Milliarden Euro?

Ja, in der Größenordnung würde das liegen.

Ist die Strompreisbremse ein Vorgeschmack auf die große „echte“ EEG-Reform?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kurz vor der Grundsteinlegung Brisante Geheimberichte über Stuttgart 21

Der Bundesrechnungshof wird in wenigen Tagen neue Zahlen und Fakten zu Stuttgart 21 veröffentlichen. Die Kosten könnten weiter steigen, die Risiken werden ignoriert. Auch über die Grundsteinlegung wird gestritten. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

26.08.2016, 15:10 Uhr | Wirtschaft
Faule Kredite Italienische Banken zittern vor dem Stress-Test

360 Milliarden Euro an faulen Krediten haben italienische Banken in den Papieren stehen. Das ist fast so viel wie Deutschlands Wirtschaft in einem Jahr erwirtschaften kann. Im Stresstest der EZB im Jahr 2014 sahen die italienischen Banken schlecht aus. Jetzt zittert die Branche noch einmal vor dem Testergebnis. Mehr

29.07.2016, 15:02 Uhr | Wirtschaft
Eine Bilanz Lehren aus der Flüchtlingskrise

Ein Jahr ist es her, seit die Flüchtlinge zum großen Thema wurden und die Kanzlerin versprach: Wir schaffen das! Nun ist es höchste Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Mehr Von Georg Meck

14.08.2016, 14:22 Uhr | Wirtschaft
Videografik Die Anleihekäufe der EZB erklärt

Die Europäische Zentralbank (EZB) will eine drohende Inflationsspirale verhindern, indem sie jeden Monat Anleihen für 60 Milliarden Euro aufkauft - anderthalb Jahre lang. Welche Folgen eine Deflation hätte und wie die Anleihekäufe das verhindern sollen, erklärt eine Videografik. Mehr

03.08.2016, 11:06 Uhr | Wirtschaft
Hockey-Kapitän Moritz Fürste Ohne Profitum wird es unmöglich

Die Hockeyherren – der ewige Gold-Kandidat? Vor dem Viertelfinale gegen Neuseeland warnt Kapitän Moritz Fürste, Olympiasieger von 2008 und 2012, dass Veränderungen unabdingbar sind. Mehr Von Anno Hecker, Rio de Janeiro

14.08.2016, 22:45 Uhr | Sport

Ein verlorener Ruf

Von Berthold Kohler

Nichts belastet das Verhältnis Deutschlands zu den ostmitteleuropäischen Ländern stärker als die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. Mehr 427

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“