Home
http://www.faz.net/-gpf-7720t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Umweltminister Altmaier „Energiewende könnte bis zu einer Billion Euro kosten“

Erstmals spricht Umweltminister Peter Altmaier öffentlich über die Gesamtkosten der Energiewende: 1000 Milliarden Euro. Grund genug für den CDU-Politiker, die „Strompreisbremse“ zu ziehen.

© Matthias Luedecke Umweltminister Altmaier will mit einer Strompreisbremse die Kosten der Energiewende um 300 Milliarden Euro senken

Herr Minister, wird Ihnen der Erfolg der Energiewende langsam unheimlich?

Nicht der Erfolg wird mir unheimlich, sondern die ungelösten Probleme, die wir seit zehn Jahren mit uns rumschleppen. Wir haben jetzt vielleicht die letzte große Chance, die strukturellen Voraussetzungen für ein Gelingen zu schaffen. Das heißt, die Energiewende muss volkswirtschaftlich vertretbar und bezahlbar bleiben. Gerade kleine Betriebe, Handwerker und Haushalte haben Preissteigerungen von bis zu 25 Prozent erlebt. Da können wir nicht noch mal zehn Prozent jedes Jahr draufpacken.

Haben Sie schon mal ausgerechnet, wie teuer die Energiewende wird?

Die scheinbare Paradoxie besteht darin, dass in den ersten Jahren, als die Vergütung besonders hoch war, die Gesamtkosten noch relativ überschaubar waren. Aber jetzt, da die Einspeisevergütung für Neuanlagen deutlich gesunken ist, schießen die Kosten in die Höhe. Das hat mehrere Gründe: Einerseits wird die Vergütung 20 Jahre gewährt. und es fallen bisher kaum alte Anlagen aus der Förderung, es kommen aber viele neue hinzu. Auch ist der Preis an der Börse, wo der EEG-Strom vermarktet wird, stärker gefallen, als viele „Experten“ gesagt haben.

Und ein niedriger Börsenpreis führt bei feststehender Einspeisevergütung zu einer höheren Umlage.

Genau. Das alles kann dazu führen, dass sich die Kosten der Energiewende und des Umbaus unserer Energieversorgung bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts auf rund eine Billion Euro summieren könnten.

Offshore-Windenergie © dpa Vergrößern Laut Peter Altmaier könnten sich die Kosten der Energiewende und des Umbaus der Energieversorgung bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts auf rund eine Billion Euro summieren

Wir haben richtig gehört: Eine Billion Euro? Also tausend Milliarden?

Ja. Wenn wir nichts dagegen tun, werden wir diese Größenordnung erreichen. Wir müssen davon ausgehen, dass wir dann allein bis 2022 Zusagen für Einspeisevergütungen von rund 680 Milliarden Euro gemacht haben werden. Das gilt unter der Voraussetzung, dass der Börsenstrompreis auf dem aktuellen Niveau von 4,5 Cent die Kilowattstunde bliebe und die geltende Förderpraxis nicht geändert wird. Würde der Börsenstrompreis weiter sinken, würde es noch teurer. Zu diesen 680 Milliarden Euro kommen dann noch die Kosten für den Netzausbau, für die Sicherstellung der Reservekapazitäten, für Forschung und Entwicklung, bis hin zur Elektromobilität und energetischen Gebäudesanierung hinzu.

Wie errechnet sich dieser gigantische Betrag?

Das kann man nachrechnen. Knapp 67 Milliarden Euro Einspeisevergütung haben die Besitzer von Wind-, Photovoltaik- und Biogasanlagen bis Ende 2012 schon bekommen. Für die Jahre bis 2022 sind weitere 250 Milliarden Euro zugesagt. Das ergibt 317 Milliarden Euro. Wenn es bei dem 2012 erreichten Niveau bliebe und jedes Jahr für neue Anlagen zusätzlich 1,8 Milliarden Euro Vergütung gezahlt werden müssten, kämen rein rechnerisch weitere 360 Milliarden Euro hinzu. Das wären dann knapp 680 Milliarden Euro - nur für die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien.

Wie viel davon kann Ihre Strompreisbremse verhindern?

Ich habe zusammen mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) vorgeschlagen, dass wir die Einspeisevergütung für neue Anlagen von jährlich 1,8 Milliarden Euro um eine Milliarde Euro senken. Das würde bedeuten, dass wir binnen 20 Jahren 200 Milliarden Euro bei der Einspeisevergütung sparen würden. Ich gehe aber davon aus, dass die Einsparungen höher ausfallen werden. Der Druck der Strompreisbremse wird die Erneuerbaren schneller zur Marktreife bringen. Es wird interessanter, Strom zum Eigenverbrauch zu produzieren, direkt zu vermarkten oder Speicher zu bauen. Das würde dazu führen, dass wir weniger Reservekapazitäten benötigten. Ich erhoffe mir dadurch noch einmal Einsparungen von mindestens 100 Milliarden Euro.

Ihre Bremse spart 300 Milliarden Euro?

Ja, in der Größenordnung würde das liegen.

Ist die Strompreisbremse ein Vorgeschmack auf die große „echte“ EEG-Reform?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hans-Werner Sinn Der Grexit ist die Rettung

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn fordert, endlich offen den Konkurs der Griechen zu erklären. Deutschland habe genug gezahlt. Der Grexit sei für alle die bessere Lösung, sagt er im Interview. Mehr Von Christian Siedenbiedel

22.06.2015, 09:51 Uhr | Wirtschaft
Energiewende Hochmodernem Kraftwerk droht das Aus

Das erst vor wenigen Jahren für über eine Milliarde Euro gebaute Gaskraftwerk im bayerischen Irsching steht wegen der fehlenden Wirtschaftlichkeit vor dem Aus. Mehr

06.03.2015, 17:29 Uhr | Wirtschaft
DFB-Stürmerin Anja Mittag Ibrahimovic? Das bin ich nicht!

Vom Chancentod zur Torjägerin: Anja Mittag steht bei der Frauenfußball-WM am Höhepunkt ihrer Karriere. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich spricht sie im FAZ.NET-Interview über Robert Lewandowski, Lira Alushi und Theo Zwanziger. Mehr Von Daniel Meuren

26.06.2015, 14:27 Uhr | Sport
Energiewende Wieviel kostet sie wirklich?

Um den Strom aus den neuen Offshore-Windparks von Nord nach Süd zu transportieren, sind gewaltige Investitionen nötig – bis zu 4500 Kilometer Stromnetze müssen gebaut werden, geschätzte Kosten: rund 28 Milliarden Euro. Mehr

05.03.2015, 10:03 Uhr | Wirtschaft
Ab sofort im E-Paper lesen Ja oder Nein?

Im E-Paper der F.A.Z. von morgen finden Sie Hintergründe, Meinungen und besondere Geschichten. Mehr

02.07.2015, 19:51 Uhr | Aktuell
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.02.2013, 17:54 Uhr

Abitur ohne Wert

Von Heike Schmoll

Die Kultusminister müssen handeln: Es gibt keine Vergleichbarkeit bei der Hochschulreife. Mehr 32 47