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Thorium-Versuchsreaktor : Die Schönste der Maschinen

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Denn knapp eine Woche nach der dortigen Katastrophe kam es auch in Hamm-Uentrop zu einem Zwischenfall. Am 4. Mai 1986 gab es einen Kugelstau im Reaktor. Die Werksleitung ließ zusätzliches Helium hineinfließen, der Stau löste sich. Am Tag darauf musste man aber feststellen, dass bei diesem Manöver wohl Radioaktivität ausgetreten war. Zwar so wenig, dass man sie nicht einmal messen, sondern nur rechnerisch ermitteln konnte. Doch so kurz nach Tschernobyl war das egal. Was zählte, war der ungeplante Austritt von Radioaktivität: Alarm.

Das Öko-Institut aus Darmstadt kam und maß um den Reaktor Strahlung hundert Mal höher als erlaubt. Dass kurz zuvor der Regen aus Tschernobyl über Hamm-Uentrop niedergegangen war, zählte nicht. Hamm-Uentrop wirkte auf einmal genauso gefährlich wie Tschernobyl. Und das „Hochtemperatur“ vor dem „Reaktor“ klang auch danach. Tausende demonstrierten gegen die Gefahrenquelle. Aktivisten besetzten die Kühltürme. Von „inhärenter Sicherheit“ wollte niemand mehr etwas wissen. Kernkraft war gleich Kernkraft, Hamm-Uentrop musste weg, und zwar schnell. Dafür sorgte alsbald der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen, indem er die vorläufige Abschaltung anordnete. Die Betreibergesellschaft kam seiner Order eine Weile nach. „Aus Höflichkeit“, eigentlich fehlte dem Minister nämlich die Rechtsgrundlage. Auch damals schon. Dann fuhr man wieder hoch.

Die Probe „glänzend bestanden“

Doch der THTR 300 erholte sich nie ganz von Tschernobyl. Die SPD in Nordrhein-Westfalen beschloss 1986 mehrheitlich den Ausstieg aus der Kernenergie, und zu der zählte auch Hamm-Uentrop. Die 4 Milliarden Mark Baukosten waren ebenso vergessen wie die Kohleraffinierung, die Sicherheit, die Zukunftstechnologie. Der politische Wille zur Förderung war weg. Auch wenn alle Wissenschaftler sagten, das Kraftwerk habe seine Probe „glänzend bestanden“.

Als bei einer unangekündigten Inspektion im Oktober 1988 an 31 von 2700 Bolzen, die zur Stützung der Heliumleitungen dienten, Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden, wurde das Kraftwerk abermals stillgelegt. Jeder Tag, an dem es nicht lief, kostete den Betreiber eine halbe Million Mark. Das finanzielle Risiko wuchs, auch weil die Nachlieferung der Brennelemente unsicher geworden war. Das Land dachte nicht mehr daran, den Investoren finanziell den Rücken zu decken. So kam es, dass man den THTR 300, dessen silbern glänzender Kühlturm später fast zum Denkmal erklärt wurde, im September 1989 unter Gezänk endgültig abschalten ließ, und damit die Thorium-Technologie in Deutschland.

Vielleicht wurde damals der Moment verpasst, in dem man auf eine sicherere Kernenergie hätte umsteigen können. Vielleicht hätte man sie andernorts dann nachgebaut – weil die alten Kraftwerke im Vergleich zu unsicher gewirkt hätten. Angeblich waren die Japaner am THTR 300 interessiert. Doch dann kam die Angst – und mit der Angst der Bürger die Angst der Politiker um die Wählergunst, auf die sie nun einmal angewiesen sind.

Warum baut niemand so etwas?

Laut dem Physiknobelpreisträger Carlo Rubbia könnte eine Tonne Thorium so viel Energie produzieren wie 200 Tonnen Uran. Man könnte die Welt damit theoretisch für Tausende von Jahren mit Energie versorgen. Thorium strahlt, aber es muss nicht angereichert werden, und es ist nicht waffenfähig. Es entsteht deutlich weniger radioaktiver Müll als in Urankraftwerken, und wenn man Thorium klug verfeuert, strahlt der Abfall für 500 Jahre – das ist lang, aber doch beileibe nicht so lang wie 20.000. Einige Wissenschaftler halten sogar Thorium-Reaktoren für denkbar, in denen man die Abfälle aus alten Kernkraftwerken verfeuern kann, und sogar das Plutonium aus Atomwaffen. Schönere Maschinen noch als den THTR 300.

Warum baut niemand so etwas? Niemand baut so etwas in Deutschland, wo Hamm-Uentrop versiegelt und verlassen steht, und die Physikerin Angela Merkel alle Atomkraftwerke überprüfen lässt, bis die Menschen Fukushima so vergessen haben, wie sie Tschernobyl vergaßen. Die Inder und Chinesen bauen an Thorium-Kraftwerken. Und noch einer, Bill Gates, denn auch der sprach in Kalifornien natürlich von Thorium.

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