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Strommarkt-Reformen : „Wir haben keine Zeit“

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Hildegard Müller: „Es gibt keine Schonfrist von 100 Tagen für die neue Regierung“ Bild: dpa

Die Energiewirtschaft nutzt das politische Vakuum. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Energie- und Wasserwirtschaft, Hildegard Müller, stellt ein neues Modell für den Strommarkt vor.

          Frau Müller, nach der Bundestagswahl verzögern sich die Koalitionsverhandlungen. Wie viel Zeit haben wir noch für Reformen auf dem Strommarkt?

          Wir haben keine Zeit. Es gibt keine Schonfrist von 100 Tagen für die neue Regierung. Durch den ungebremsten Zubau von Strom aus erneuerbaren Quellen ist das System an seine Grenzen gestoßen. Deswegen muss schnell gehandelt werden, unabhängig davon, wer genau die neue Regierung stellen wird. Daher haben wir eine Branchenlösung zur Weiterentwicklung des Energiemarktes erarbeitet.

          Was passiert, wenn wir nichts tun?

          Viele Betreiber von Kraftwerken schreiben rote Zahlen, weil unter anderem durch den steigenden Anteil der Erneuerbaren konventioneller Strom immer weniger nachgefragt wird. Das kann kein Unternehmen lange aushalten. Es zeichnet sich ab, dass wir bald zu geringe Reserven für Tage haben, an denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, aber viel Strom gebraucht wird. Auch der Bau von neuen Kraftwerken rechnet sich häufig nicht. Zusätzlich ist absehbar, dass immer mehr Altanlagen vom Netz gehen, entweder aus technischen oder aus wirtschaftlichen Gründen.

          Bisher ist es den Eigentümern der Solaranlagen und Windräder egal, wie sich der Strompreis entwickelt. Sie bekommen eine feste Einspeisevergütung. Was hat das mit Marktwirtschaft zu tun?

          Wenig. Daher ist ein wesentlicher Punkt unseres Konzepts eine grundlegende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), aber kein Tabula Rasa. Wir wollen, dass aus Subventionsempfängern Kaufleute werden. Wir schlagen vor, dass die Betreiber von neuen Solaranlagen und Windrädern sich am Markt orientieren. Das heißt, die Erneuerbaren sollen sich schrittweise daran gewöhnen, ihren Strom möglichst dann anzubieten, wenn die Nachfrage groß ist. Die neuen Anlagen werden somit zwar weiter unterstützt, müssen aber zunehmend selbst Verantwortung übernehmen.

          Wer entscheidet über die Höhe der neuen Marktprämie?

          Ich glaube, für ein Auktionsmodell ist die Zeit noch nicht reif. Das wäre der zweite Schritt. Zunächst sollte die Marktprämie wie bisher auf Grundlage des Marktpreises bestimmt werden, flankiert von einer Vielzahl weiterer Maßnahmen, die die Verantwortung der erneuerbaren Anlagenbetreiber weiter erhöhen. Schrittweise soll das System dann weiterentwickelt werden.

          Das ist Zukunftsmusik. Es gilt das EEG, und die für zwanzig Jahre garantierte Einspeisevergütung sorgt dafür, dass in einem immer stärkeren Maße Strom aus Photovoltaikanlagen und Windrädern fließt. Was heißt das für die EEG-Umlage?

          Sie wird steigen. Am 15. Oktober wird die neue Umlage bekanntgegeben. Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen. Aber nach allem, was durchdringt, wird es wohl einen erheblichen Anstieg geben.

          Bisher beträgt sie knapp 5,3 Cent. Mehr als 6 Cent werden es also auf jeden Fall.

          Das zeichnet sich ab. Aber der Kostenanstieg ist nur ein Problem, das wir mit dem EEG haben. Der dramatische Anstieg von Strom aus erneuerbaren Anlagen hat zugleich enorme Auswirkungen auf die Systemsicherheit, darüber wird zu wenig gesprochen.

          Brauchen wir überhaupt so viele Kraftwerke, Deutschland exportiert doch netto Strom?

          Diese Zahlen führen in die Irre. Dabei handelt es sich um Durchschnittswerte. Entscheidend für die Versorgungssicherheit sind die Verbrauchsspitzen. Strom muss jederzeit, an jedem Ort verfügbar sein. Und glauben Sie mir, es war in den vergangenen Wintern manchmal recht knapp.

          Wie viel an Reserve brauchen wir?

          Die Bundesnetzagentur hat für den kommenden Winter eine Reserve von 2540 Megawatt angefordert. 518 davon werden aber noch gesucht. Wir brauchen deshalb mit der Strategischen Reserve ein Übergangsmodell, das besser ist als die bisherige Reservekraftwerksverordnung.

          Was muss passieren, um eine ausreichende Kapazität für düstere und windstille Tage sicherzustellen?

          Das ist der zweite wesentliche Vorschlag von uns. Wir brauchen in Zukunft einen dezentralen Markt für gesicherte Leistung. Es reicht nicht, irgendwo einige konventionelle Kraftwerke hinzusetzen. Weil die Erneuerbaren Anlagen zum überwiegenden Teil dezentral einspeisen, muss künftig auch die Versorgungssicherheit dezentral organisiert werden. Nicht der Staat soll zentral bestimmen, wo Reserven vorzuhalten sind, sondern dazu wollen wir einen Markt aufbauen. Wer künftig Strom an Kunden verkaufen will, soll mit Versorgungssicherheits-Nachweisen gewährleisten, dass er über eine gesicherte Leistung verfügt, wenn diese benötigt wird. Er muss sich entsprechende Reserven sichern.

          Das heißt im Endeffekt, die Verbraucher zahlen nicht nur für Ökostrom, sondern auch für Null-Strom, also auch für den, der nicht fließt?

          Der Verbraucher zahlt jetzt schon für Strom, der nicht gebraucht wird und über die Grenzen quasi verschenkt wird. Das wollen wir verhindern. Stattdessen soll Versorgungssicherheit garantiert werden. Und diese hat ihren Preis.

          Haben Sie im politischen Berlin sondiert, wer ihr Konzept mitträgt?

          Es ist ein Angebot für die neue Bundesregierung, das einmütig von der Branche mitgetragen wird. Und zwar unabhängig von der Größe der Unternehmen. Dabei kommt es nicht darauf an, wer regiert. Die Fragen, die beantwortet werden müssen, sind dieselben. Da neben dem Bund stets auch die Länder beim Thema Energiewende gefragt sind, haben wir ohnehin mit allen Koalitionskonstellationen zu tun, die man sich nur vorstellen kann.

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