Home
http://www.faz.net/-gpf-yewa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Reaktorsicherheit Nach Fukushima stellt sich die Risikofrage neu

Ein Reaktorunfall alle 250.000 Jahre - eine solche statistische Aussage klingt beruhigend. Der Umstand, dass ein Reaktor nur um den Faktor zehn sicherer ist als ein Flugzeug, allerdings schon weniger: Über die Abschätzung von Risiken.

© dpa

Kernkraftwerke wurden bis vor kurzen als nahezu hundertprozentig sicher dargestellt. Verschiedene Studien sollen diese Sicherheit quantifizieren, also greifbar machen. Beispielhaft seien hier die von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) betriebenen Analysen von möglichen Abläufen genannt, die zu einem Unfall führen könnten (http://www.grs.de/sites/default/files/pdf/GRS-S-46.pdf).

Sie basieren auf der Annahme von möglichen Störungen und einzelnen hypothetisch angenommenen Abläufen, woraus dann aufgrund von Daten über gemeldete Störungen und weitere Annahmen eine Wahrscheinlichkeit für einen Systemschadenszustand berechnet wird. Daraus ergibt sich in der Analyse eine Risikowahrscheinlichkeit von 4 : 1.000.000 pro Reaktorjahr, also pro Kernkraftwerk ist alle 250.000 Jahre mit einem Unfall zu rechnen. Das klingt beruhigend. Was aber, wenn die Berechnungen nicht alle Unwägbarkeiten berücksichtigen?

Mehr zum Thema

Ein schwieriges, ja fast unlösbares Problem bei der Berechnung von Unfallwahrscheinlichkeiten liegt eben genau bei der fehlenden Vollständigkeit der Analysen. Szenarien treten ein, die nicht im Kalkulationsmodell berücksichtigt worden sind – wie jetzt in Japan das gemeinsame Auftreten von Erdbeben und Tsunami in unvorhergesehener Stärke. Zwar werden die zukünftigen Sicherheitsberechnungen in Deutschland und in der Welt die Ereignisse in und die Erfahrungen aus Fukushima mit ins Berechnungsmodell aufnehmen. Die Sinnhaftigkeit der probabilistischen Sicherheitsanalysen, wie sie von der GRS und auch in anderen Ländern vorgenommen werden, steht außer Frage. Aber die Gültigkeit der konkret berechneten Unfallwahrscheinlichkeit von 4 : 1.000.000 ist fraglich. Das wird auch dadurch belegt, dass die Autoren der Analysen keine Schwankungsbreite dieser Wahrscheinlichkeit angeben, also keine Angabe darüber, wie verlässlich die Zahl ist. Wir wollen daher eine andere, wenngleich vereinfachte statistisch-empirische Antwort geben.

Top 1 Quer / Kernkraftwerk / Isar 2 © dpa Vergrößern

Das hört sich wenig an

Auf der Welt gibt es zur Zeit – den Fukushima-Komplex noch mitgezählt – 442 Kernreaktoren. In den vergangenen dreißig Jahren, also von 1981 bis 2011, ist diese Anzahl relativ konstant geblieben, und es ist zu zwei katastrophalen Zwischenfällen gekommen – Tschernobyl und Fukushima. Das ist per se eine kleine Zahl, was natürlich auch daran liegt, dass es wenig Kernkraftwerke auf der Welt gibt. Aus den Zahlen lässt sich aufgrund der bisherigen Laufzeit unter der Annahme gleichen Risikos für alle Anlagen die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass ein Kernreaktor in einem Jahr durch Unfall ausfällt. Sie beträgt rund 1,5 : 10.000 – berechnet aus zwei Unfällen geteilt durch dreißig Jahre geteilt durch 442 Kernreaktoren –, je Reaktor ist also im Mittel alle 6667 Jahre mit einem nuklearen Unfall zu rechnen.

Diese Wahrscheinlichkeit ist etwa um den Faktor 40 größer als die angegebene Unfallwahrscheinlichkeit der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Vernachlässigt man den Unfall aus Tschernobyl und schließt nur die 325 westlichen Kernreaktoren in die Analyse ein, so verändert sich die berechnete Wahrscheinlichkeit auf einen Unfall je 10.000 Jahre. Das hört sich wenig an, heißt aber für Deutschland, dass wir in den kommenden zehn Jahren bei den 17 deutschen Reaktoren mit fast zwei Prozent Wahrscheinlichkeit einen Unfall erleben werden. Die angegebenen Wahrscheinlichkeiten sind dabei nur Schätzungen, basierend auf den beobachteten Daten. Sie unterliegen einer Unsicherheit, die sich durch sogenannte Konfidenzintervalle – also Vertrauensintervalle – quantifizieren lässt. Die Schwankungsbreiten dieser Intervalle sind hier für alle Kernreaktoren von minimal 4 : 100.000 bis maximal 5,5 : 10.000 berechnet. Betrachtet man nur die 325 westlichen Reaktoren, so berechnen sich die Konfidenzintervalle zu minimal 5,2 : 1.000.000 bis maximal 5,8 : 10.000.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Energiepolitik Niedersachsen will an Brennelementesteuer festhalten

Es geht um ein Einnahmen in Milliardenhöhe. Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen will sich im Bundesrat für eine Verlängerung der Brennelementsteuer bis 2022 einsetzen. Mehr

27.07.2015, 14:43 Uhr | Politik
New York Flugzeug rutscht über Landebahn

Bei dichtem Schneefall ist in New York ein Flugzeug von der Landebahn abgekommen und durch einen Zaun gerutscht. Bei dem Unfall wurden mehrere Personen verletzt. Mehr

06.03.2015, 14:11 Uhr | Gesellschaft
Contra Ungerecht und gescheitert

Abitur ist nicht gleich Abitur. In manchen Bundesländern wird ständig eine Eins vor dem Komma vergeben, andere geizen mit guten Noten. Der Numerus clausus ist aber nicht nur aus diesem Grund ungerecht und gehört in die Mülltonne. Mehr Von Ssaman Mardi

24.07.2015, 09:57 Uhr | Beruf-Chance
Japan Neue Aufnahmen aus havariertem Atomreaktor in Fukushima

Am Freitag erkundete ein ferngesteuerter Roboter den havarierten Atomreaktors in Fukushima. Dabei maß der Roboter eine Strahlung von zehn Sievert pro Stunde. Das ist das 500-fache der Strahlung, der ein Mensch im Jahr ausgesetzt sein darf. Mehr

14.04.2015, 16:23 Uhr | Gesellschaft
Vorwürfe von Bürgerinitiative Schwindel bei der Finanzierung des S-Bahn-Ausbaus?

Die Bürgerinitiative Bahnane will den Ausbau der S6 nach Bad Vilbel verhindern. Nun hat sie sich Einblick in wichtige Unterlagen verschafft - und ist erzürnt. Mehr Von Manfred Köhler

23.07.2015, 08:01 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 30.03.2011, 11:29 Uhr

Kein Abgrund von Landesverrat

Von Reinhard Müller

Die Veröffentlichung von Dokumenten des Verfassungsschutzes ist kein Landesverrat. Aber es gibt auch keine Verschwörung gegen Journalisten. Mehr 3 4