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Veröffentlicht: 17.07.2013, 06:24 Uhr

Interview mit dem Ökonom Justus Haucap Die Kosten fahren die Energiewende an die Wand

Die Energiewende ist ein gigantisches Experiment. Die Regierung achtet dabei viel zu wenig auf die Kosten, kritisiert der renommierte Ökonom Justus Haucap. Müsste er dafür ein Schulnote geben - es wäre nur eine Vier. Schwach.

© Edgar Schoepal Justus Haucap ist Direktor des Instituts für Wettbewerbsökonomik DICE an der Universität Düsseldorf

Herr Haucap, mit einer „Bürgerdividende“ versuchen der Umwelt- und der Wirtschaftsminister den Bürgern die Energiewende schmackhaft zu machen. Anwohner sollen sich an neu zu bauenden Hochspannungsleitungen finanziell beteiligen können, bis zu 5 Prozent Rendite winken. Ist das eine clevere Idee?

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Prinzipiell ist es ökonomisch nicht falsch, Bürger in der Nähe von neuen Hochspannungsleitungen zu kompensieren, indem man ihnen eine Beteiligung an den Profiten ermöglicht. Andererseits wird der Netzausbau tendenziell so noch teurer.

Bringt die Bürgerdividende wirklich zusätzliche Kosten? Oder werden nur verdeckte Kosten des Netzausbaus offengelegt - nämlich die Kosten der Zerstörung von Landschaften und der Minderung der Grundstückswerte?

So kann man das sehen. Die Kosten schlagen sich dann aber in den Strompreisen nieder. Es werden also negative externe Effekte des Netzausbaus eingepreist, sie müssen dann von den Stromverbrauchern getragen werden. Allerdings geht es bei dieser Internalisierung der Kosten vor allem um eine Umverteilung.

Bürgerdividenden könnte man sich auch für andere industrielle Großprojekte oder gar für ein Atomendlager vorstellen. Dann gäbe es vor Ort vielleicht mehr Begeisterung für solche Projekte?

Man kann sich vorstellen, so die Zustimmung der Bevölkerung zu erkaufen. Aber wie weit soll das gehen? Zudem könnte ein zusätzlicher Anreiz für Proteste und Blockaden entstehen, wenn am Ende eine finanzielle Belohnung winkt.

Wer sollte die Anwohnerdividende zahlen? Netzbetreiber oder Stromkunden?

Letztlich werden es die Stromkunden zahlen. Wenn die Netzbetreiber die zusätzlichen Kosten nicht auf die Verbraucher abwälzen können, werden sie nicht investieren. Sie sind ohnehin zögerlich, der Netzausbau scheint kein besonders attraktives Geschäft zu sein.

Warum ist der Netzausbau so entscheidend für die Energiewende?

Die großen neuen Stromtrassen müssen gebaut werden, um all den Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu den Verbrauchern zu bringen. Der Wind bläst am meisten im Norden und Nordosten, in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Und die großen, industriellen Konsumenten sitzen im Süden und Westen, in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen. Dafür braucht man neue Übertragungsnetze. Nach verschiedenen Studien der Deutschen Energie-Agentur sind 3600 Kilometer Übertragungsnetze notwendig.

Mit der Energiewende hat die deutsche Regierung ein technologisch-ökologisches-industrielles Mega-Experiment gestartet. Welche Note würden Sie der Koalition für die bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet geben?

Ich würde eine 4 geben.

Eine dürftige Note. Was stört sie?

Es wird zu wenig unternommen, um die Kosten der Energiewende zu begrenzen. Allein über die Subventionen des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) werden dieses Jahr schon 20 Milliarden Euro ausgegeben. Nach Berechnung des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI belaufen sich die EEG-Subventionen allein für die in den letzten 10 Jahren installierten Solaranlagen künftig auf mehr als 100 Milliarden Euro. Die Subventionen für Windenergie und Biomasse kommen noch dazu. Für den Netzausbau werden Kosten von 22 Milliarden Euro allein für die geplanten Offshore-Trassen veranschlagt, da sind aber die Nord-Süd-Trassen für den Onshore-Bereich noch nicht drin.

Wie hoch sind die Gesamtkosten?

Ich halte die von Bundesumweltminister Altmeier genannte Zahl von 1 Billion Gesamtkosten für die Energiewende nicht für unrealistisch - wenn man mit dem Förderregime so weiter macht wie bisher. Solche Kosten fahren das Projekt an die Wand. Man könnte die Energiewende aber viel günstiger haben, wenn man mehr Wettbewerb nutzen würde.

Anfang dieses Jahres ist die EEG-Umlage um 50 Prozent auf 5,3 Cent gestiegen, die Stromkosten für Verbraucher stiegen um 12 Prozent. Um wie viel muss die Umlage für 2014 erhöht werden?

Das Minimum wird wohl ein Anstieg auf 6,5 Cent sein, es können auch 7 Cent werden. Das wäre noch mal eine Erhöhung um 20 bis 30 Prozent in einem Jahr und eine Steigerung von etwa 500 Prozent seit 2009.

Wo ist eigentlich das Limit?

Für den Solarstromausbau gibt es zwar derzeit die Obergrenze von 52 Gigawatt. Aber selbst wenn es für Solaranlagen keine weitere Förderung mehr gibt, lohnt es sich, für den Eigenverbrauch Solarstrom zu erzeugen, weil der von EEG-Umlage, Stromsteuer und Mehrwertsteuer befreit ist und man keine Netzentgelte und Konzessionsabgaben zahlt. Je höher die EEG-Umlage wird, desto attraktiver wird es, Solarstrom für den Selbstverbrauch zu produzieren. Das kann jeder Eigenheimbesitzer machen. Dann bleiben immer weniger Stromkunden übrig, die die EEG-Umlage zahlen. Die Umlage steigt damit immer schneller.

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Quelle: wahlrecht.de
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