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Im Gespräch: Josef Göppel : „Ich war schon immer grün. Und in der CSU.“

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Josef Göppel: „Ein Baum wächst in hundert Jahren” Bild: Julia Zimmermann

Josef Göppel kämpft schon seit mehr als 30 Jahren für die Umwelt und gegen Atomkraft. In seiner Partei war der CSU-Politiker bislang ein einsamer Rufer. Heute ist der Förster aus Mittelfranken zufrieden.

          Herr Göppel, unter den CSU-Abgeordneten waren Sie lange der einzige Atomgegner. Jetzt ist der Ausstieg beschlossen. Sind Sie der Gewinner der Geschichte?

          Das sagte mir tatsächlich einer der Freunde der Kernenergie: Du bist ja jetzt der große Sieger. Aber so fühle ich mich nicht.

          Sondern?

          Ich versuche nur, den richtigen Weg zu finden. Die alte Art der Stromversorgung mit wenigen zentralen Großkraftwerken ist überholt. Im Informationszeitalter ist es möglich, Tausende von kleinen Stromerzeugern miteinander abzustimmen. Die Politik vollzieht diese technologische Wende nach.

          Hart am Wind: Alle wollen nur noch guten Strom. Auch die CSU

          Wollen die Leute das überhaupt?

          Ein Stadtwerke-Chef sagte mir: Wenn ich mit Strom aus dem eigenen Landkreis werbe, bekomme ich mehr Kunden. Die Leute sind bereit, für regional erzeugten Strom ein paar Zehntel Cent mehr zu bezahlen.

          Sind sie auch bereit, ein Windrad neben ihrem Haus zu dulden?

          Da ist die Bevölkerung gespalten. Aber es gibt genug Menschen, die sich an Bürgerwindrädern beteiligen wollen. Nach der alten Idee von Raiffeisen, das Geld des Dorfes dem Dorfe, gründen sich Energiegenossenschaften. So profitiert nicht nur der Bauer, auf dessen Acker das Windrad steht, sondern viele. Damit wächst die Akzeptanz enorm. Erneuerbare Energien bringen breitgestreutes Eigentum. Stromverbraucher werden Erzeuger. Daraus erwächst ein bewussterer Umgang mit Energie und mehr Eigenverantwortung, alles Grundwerte der Unionsparteien.

          Das klingt heimelig. Aber den gesamten Strombedarf werden Sie damit kaum decken können?

          Das ist das größte Missverständnis der Debatte. Wer behauptet, dass wir in Süddeutschland den ganzen Strom von der Küste holen müssen, denkt in den alten Großstrukturen. 56 Prozent des Stroms gehen an Kleinverbraucher, diesen Anteil können wir ortsnah erzeugen. Hochspannungsleitungen für die Industrie brauchen wir, aber nur für die restlichen 44 Prozent.

          Der bayerische Umstiegsplan sieht vor, die Hälfte der Kapazitäten mit Gaskraftwerken zu bestreiten. Ist das Klima der Verlierer?

          Kapazität bedeutet nicht erzeugte Menge. Die Gaskraftwerke sollen nur die Lücken füllen, wenn etwa der Wind nicht weht. Wir müssen die Gesetze so formulieren, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen im Netz Vorrang behält.

          Gab es für Sie als Atomgegner ein Erweckungserlebnis?

          Das brauchte ich nicht. Ich bin als Zwanzigjähriger gleichzeitig in die CSU eingetreten und in den Bund Naturschutz. Für mich als jungen Förster gab es eine beängstigende Vorstellung – eine Gefahr, die ich mit meinen menschlichen Sinnen nicht wahrnehmen kann.

          Damals sagte Franz Josef Strauß: Konservativ zu sein, heißt, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Daran glaubten Sie nie?

          Ich bin nicht gegen den Fortschritt. Aber ich habe ein Problem mit der Denkweise, dass zentralistisch und groß immer besser sein soll als klein und regional. Nehmen Sie die biologischen Vorgänge an einem Seeufer. Nicht der Kampf aller Lebewesen gegen alle ist dort das Überlebensprinzip, sondern die Nischenbildung. Auf die Wirtschaft übertragen: Der Mittelständler, der eine Nische besetzt, ist erfolgreicher als der Konzern, der auf große Stückzahlen setzt.

          In Ihrer Partei waren Sie damit für lange Zeit ziemlich allein. Wie hält man das aus?

          Da müssen Sie Förster sein. Wir brauchen Geduld, Bäume wachsen in hundert Jahren. In der Politik sind zu viele Kollegen im Tagesgeschäft gefangen. Ständig schauen sie nach einer neuen SMS. Mein Modell ist ein anderes. Ich gehe in den Wald hinaus, setze mich auf den Hochstand und ordne in Ruhe die Gedanken.

          Manche Leute sagten früher, Sie sind in der falschen Partei.

          Ich dachte mir, du bist an der richtigen Stelle. Ich wollte die Leute in einer Volkspartei von innen überzeugen.

          Am Ende kam die Wende von außen, mit Fukushima.

          Aber sie war vorbereitet. Ohne Vorarbeit wäre die Politik von Söder und Seehofer nicht möglich gewesen.

          Haben die Beiden um Rat gefragt?

          Das will ich hier nicht ausbreiten.

          Seehofer genießt nicht den Ruf, stets von Inhalten her zu denken. Meint er die Energiewende ernst?

          Er hat gesehen, dass wir ohne Energiewende schnurstracks in eine Wahlniederlage laufen.

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