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Energiewende : Warnung vor dem Paradies

  • -Aktualisiert am

Schon vor „Fukushima” wollten vier von fünf Deutschen lieber heute als morgen nur noch „sauberen” Strom beziehen: Protest gegen Atomkraft Bild: dapd

Die Deutschen werden ihr Land kaum wiedererkennen, wenn das von allen Parteien verfolgte Ziel, in vierzig Jahren ohne fossile und nukleare Energie auszukommen, verwirklicht wird: Windfarmen, Solardächer, Bioreaktoren und Stromtrassen werden weite Landstriche in Energiefabriken verwandeln.

          Wer die Leute dazu bringen wolle, ein Schiff zu bauen, heißt es, der wecke in ihnen „die Sehnsucht nach dem weiten, unendlichen Meer“. Mit diesem Motivationskonzept, das angeblich von Antoine de Saint-Exupéry stammt, ist schon viel Schindluder getrieben worden. Begeisterung für den Bau von Kernkraftwerken weckte die Politik einst mit der Vision einer grenzenlos verfügbaren Energiequelle, welche die Welt friedlicher und Deutschland weniger abhängig von arabischen Öllieferanten machen werde. Genauso verlockend sind die goldenen Berge, die sich die Deutschen heute vom Aufbruch ins Zeitalter der erneuerbaren Energien versprechen. Wenn nicht auch dieser Weg in der Sackgasse unüberwindlicher Widerstände enden soll, muss jetzt darüber aufgeklärt werden, wie beschwerlich und teuer er wird.

          Niemandem würde es einfallen, eine Fabrik auf die grüne Wiese zu stellen, die an mehr als dreihundert Tagen im Jahr stillsteht. Schon gar nicht würde man Industrieanlagen auf landwirtschaftlich nutzbaren Flächen oder auf weit sichtbaren Hügeln errichten. Aber wenn es gewünscht wird und der Staat dafür sorgt, dass auch bei langen Stillstandszeiten eine ordentliche Rendite sicher ist, dann stehen die Investoren Schlange.

          Leistung und Ertrag liegen weit auseinander

          So wurden schon mehr als 21.000 Windkraftanlagen auf Wiesen und Feldern errichtet. Gern wird damit geprahlt, dass deren Kapazität um mehrere tausend Megawatt größer sei als die aller 17 Atommeiler. Doch installierte Leistung und Ertrag liegen weit auseinander. Durchschnittlich wandelten die Windkraftanlagen im vergangenen Jahr ganze 15,5 Prozent ihrer Nennleistung in Arbeit, das heißt in Kilowattstunden um. Aufs Jahr gerechnet, liefen sie also nur 55 Tage unter Volllast. Deshalb wurde 2010 immer noch viermal so viel Atomstrom wie Windstrom ins Netz eingespeist, obwohl vier Kernkraftwerke fast durchgehend ausgefallen waren.

          Windmühlen im Süden von Spanien

          Bei den Windparks auf See wird zwar eine Ausbeute von mehr als zwanzig Prozent erwartet, allerdings zu erheblich höheren Kosten. Der vor wenigen Tagen mit politischer Prominenz aus Brüssel und Hannover eingeweihte Windpark „Bard 1“ soll nach seiner Fertigstellung den Jahresbedarf von 450.000 Einwohnern decken können – wohlgemerkt nur den ihrer Haushalte, nicht den ihrer Arbeitsplätze, der ein Vielfaches davon beträgt. Nach Angaben des Investors wird die für „Bard 1“ veranschlagte Summe von 1,7 Milliarden Euro aber „wohl nicht reichen“. Und auch die Kunden dieses Anbieters werden rechnerisch an mindestens 275 Tagen im Jahr ihren Bedarf anderweitig decken müssen. Ganz zu schweigen davon, dass die auf See gewonnene Energie erst noch über Hunderte Kilometer zu den Abnehmern transportiert werden muss.

          Sieht so das Sehnsuchtsziel aus?

          Die Deutschen werden ihr Land kaum wiedererkennen, wenn das mittlerweile von allen Parteien verfolgte Ziel, in vierzig Jahren ohne fossile und nukleare Energie auszukommen, verwirklicht wird: Windfarmen, Solardächer, Bioreaktoren, Stromtrassen, Speicherkraftwerke und Energiepflanzen werden weite Land- und Seegebiete in Energiefabriken verwandeln. Einen Vorgeschmack auf die Konsequenzen des Umbaus gab die Bundesregierung soeben mit ihrem Sechs-Punkte-Plan: Natur- und Denkmalschutz müssen zurücktreten, Einspruchs- und Mitwirkungsrechte werden mit finanziellen Entschädigungen abgegolten. Freie Bahn für alternative Energien! Sieht so das Sehnsuchtsziel der großen Mehrheit aus, die für diesen Umbau ist? Zumindest wird es ihr so nie beschrieben. Ernüchterung ist programmiert.

          Schon vor „Fukushima“ wollten vier von fünf Deutschen lieber heute als morgen nur noch „sauberen“ Strom aus Wind und Sonne beziehen. Seit dem 11. März ist aus dieser Stimmungslage ein politischer Auftrag geworden, an dem keine Partei mehr vorbeikommt. Längst hat die ökologische Revolution einen Investitions- und Innovationsschub in Gang gesetzt, neue Arbeitsplätze geschaffen und deutsche Firmen zu Weltmarktführern gemacht. Doch die dreistelligen Milliardenbeträge, die da langfristig gebunden werden, sind Wagniskapital.

          Mitbetroffen wären Sozialsysteme und die halbe EU

          Deutschland ist das einzige Industrieland, das einen so radikalen Bruch mit dem herkömmlichen Energiemix vollzieht. Die anderen verfolgen dieses Experiment mit großem Interesse. Wenn es glückt und Deutschland auch seinen Wohlstand mit erneuerbaren Energien erhalten kann, wird man den Hut vor uns ziehen. Geht es schief, dann wird mehr zusammenbrechen als nur die Stromversorgung. Mitbetroffen wären die Sozialsysteme und mindestens die halbe EU, die an der Wachstumslokomotive Deutschland hängt. Nachahmer wird es dann wohl auch nicht mehr geben.

          Wenn der Aufbruch ins neue Zeitalter nicht schon auf halbem Wege im Morast von Enttäuschung und Protest steckenbleiben soll, dann muss die Politik aufhören, Sehnsüchte nach dem solaren Paradies zu wecken und die Warner als „Dinosaurier“ abzustempeln. Jetzt müssen den Bürgern die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Kosten präsentiert werden. Noch eine Wende in der Energiepolitik hält das Industrieland Deutschland nämlich nicht mehr aus.

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