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Energiewende paradox : Deutschlands wundersame Stromschwemme

Viel oder gar zu viel Strom bedeutet nicht gleich Entlastung im Portemonnaie des Endverbrauchers Bild: dpa

Deutschland produziert so viel Strom, dass es die Überschüsse verscherbeln muss. Wieso wird der Strom dann nicht billiger?

          Die ganze Welt schaut auf Deutschlands Energiewende. Hoffentlich lacht sie sich nicht längst ins Fäustchen, die Welt, angesichts der ganzen Sonderheiten, Paradoxien und kleinen Wunder, die dieser monumentale Systemumbau produziert.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Das erste Wunder ist ein positives, dass der Strom nämlich noch immer unverdrossen aus der Steckdose kommt, obwohl Deutschland im Jahr 2011 acht seiner 17 Atomkraftwerke vom Netz genommen hat. Acht Reaktoren, das ist nicht nichts, sondern in anderen Zeiten genügend, um große Teile des Landes zu versorgen. Zwar plante die Bundesregierung beim Ausstieg 2011, konventionelle Kraftwerke und Ökostrom sollten gemeinsam die Lücke füllen. Doch nicht nur Lobbyisten warnten laut vor Stromlücken. Diese düsteren Prophezeiungen werden jeden Tag von der Wirklichkeit widerlegt. Ein großer Blackout wäre längst einmal fällig gewesen. Aber nichts passierte.

          Wind und Photovoltaik verderben den Gaskraftwerken das Geschäft

          Es kommt noch besser: Deutschland hat nicht zu wenig, sondern häufig viel zu viel Strom. An manchen Tagen, wenn der Wind weht, gleichzeitig die Sonne scheint, während der Verbraucher nur zögerlich konsumiert, weiß das Land nicht, wohin mit seiner Energie. Wind und Sonne liefern viel mehr Strom als kalkuliert. Am 24. März dieses Jahres steuerten Photovoltaik und Wind gegen 14 Uhr ganze 70 Prozent des Stroms bei. Das war zwar eine Ausnahme mit viel Wind an einem klaren Tag, aber die Ausnahmen werden sich häufen mit dem Ausbau der Erneuerbaren.

          Das klingt zwar gut, hat aber eine erste Konsequenz, die so nicht geplant war: Wind und Photovoltaik sind so erfolgreich, dass sie inzwischen Gaskraftwerken das Geschäft verderben. Das ist selbst für Freunde des Ökostroms ein bisschen unheimlich, weil sie für die Gaskraftwerke die Rolle als eine Art Libero der Stromversorgung vorgesehen hatten.

          Gaskraftwerke haben nämlich zwei große Vorteile: Von den Kraftwerken, die Treibhausgase emittieren, sind sie die am wenigsten dreckigen, und sie können schnell hoch- oder heruntergefahren werden, wenn der Wind auf Grund höheren Ratschlusses gerade mal nicht liefert: Er weht nicht oder so stark, dass die Windräder stillgestellt werden, damit es sie nicht zerreißt. Doch die Rolle als Libero müssen die Gaskraftwerke absagen: Alle großen deutschen Energieversorger hegen nun Schließungspläne.

          Großhandelspreise sinken auf ein Niedrigniveau

          Die wahre Ursache für die Stromschwemme ist die attraktive Förderung, die den Betreibern Vergütungssätze für den Ökostrom garantiert, für 20 Jahre fest. Damit kann man prima planen und an guten Standorten gutes Geld verdienen. Dazu kommt, dass die Betreiber immer einspeisen dürfen. Und schließlich der wichtigste Punkt: die Netzbetreiber müssen die Ökostrom-Mengen nicht nur einsammeln, sondern über die Strombörsen verkaufen. Die Wucht dieses Marktdesigns sollte man nicht unterschätzen. Denn damit wurde ein System konstruiert, in dem die ziemlich unzuverlässigen Stromlieferanten Wind und Sonne bestimmen, was in der gesamten Energieversorgung gespielt wird. Das war womöglich sogar gewollt. Aber es ist ziemlich verrückt.

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