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Energiewende Ökostrom-Umlage könnte um ein Drittel steigen

Die gerade erst stark angehobene EEG-Umlage könnte massiv weiter steigen. Experten rechnen mit rund 7 Cent je Kilowattstunde für das kommende Jahr. Die Politik könnte das verhindern - wenn sie will.

© dpa Vergrößern Viele Windräder und Photovoltaikanlagen sorgen für steigende EEG-Umlagen

Die wachsende Ökostromeinspeisung treibt die Energiekosten für Verbraucher und Wirtschaft weiter nach oben. Allein im Juli zahlten die Netzbetreiber 850 Millionen Euro mehr an die Produzenten von Ökostrom aus, als sie an Umlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und aus dem Verkauf des Stroms an der Börse erhielten. Unter dem Strich bleibt ein Defizit von 1,75 Milliarden Euro. Das dürfte weiter steigen und Ende September nach Schätzungen von Netzbetreibern dann mehr als 3 Milliarden Euro betragen.

Andreas Mihm Folgen:

Auf Basis der Septemberdaten wird die EEG-Umlage für das kommende Jahr 2014 berechnet. Rechnerisch plausibel erscheint angesichts der neuesten Monatszahlen eine Erhöhung der Umlage um ein Drittel auf Werte von genau oder mehr als 7 Cent je Kilowattstunde. Einen Durchschnittshaushalt mit 3500 Kilowattstunden Jahresverbrauch würde das 70 Euro mehr kosten.

In der Juli-Bilanz schlugen nach neuen Daten der vier Netzbetreiber Einnahmen von 1,83 Milliarden Euro und Ausgaben von 2,68 Milliarden Euro zu Buche. Damit stieg das Defizit auf dem Ausgleichskonto auf 1,75 Milliarden Euro. Die Betreiber des Übertragungsnetzes schießen das Geld vor, es muss dann im Jahr 2014 von den Stromkunden zurückgezahlt werden - samt Zinsen von 10 Millionen Euro allein im Juli.

Infografik / Erneuerbare Energien © F.A.Z. Vergrößern

Die Kostenentwicklung übertrifft damit die schon als dramatisch empfundene des vorigen Jahres. Ende Juli 2012 betrug das Defizit 1,15 Milliarden Euro, um auf 2,6 Milliarden Euro Ende September anzuschwellen. Dieses Jahr lag das Defizit im Juli um 600 Millionen Euro über dem des Vorjahres, obwohl die EEG-Umlage schon von 3,6 Cent je Kilowattstunde (kWh) auf 5,27 Cent/kWh angehoben worden war. Witterungsbedingt steigt der Fehlbetrag im Sommer wegen der Einspeisung aus Photovoltaikanlagen.

Netzbetreiber halten sich mit offiziellen Prognosen über die Höhe der Umlage für 2014 zurück. Der Vergleich mit dem Vorjahr gibt aber Hinweise für das nächste. Allein das Vorjahresdefizit von 2,6 Milliarden Euro war in die Erhöhung der Umlage rechnerisch mit 0,67 Cent/kWh eingegangen. Fachleute erwarten Ende September ein Defizit von 3,2 Milliarden Euro. Allein um das auszugleichen, müsste die Umlage um 0,8 Cent/kWh steigen.

Hauptgrund für das aktuelle Defizit ist der unter Erwartungen von 5,1 Cent/kWh liegende niedrige Börsenpreis. Die Differenz zwischen ihm und der den Erzeugern auf 20 Jahre garantierten Einspeisevergütung macht die Umlage aus, die die Stromverbraucher bezahlen müssen: Sinkt der Börsenstrompreis, steigt die Umlage. Statt der für 2013 erwarteten 5,115 Cent/kWh gab es im Juni an der Börse im Schnitt nur 2,7 Cent/kWh für Ökostrom. Im Juli waren es zwar 3,7 Cent, aber immer noch weniger als prognostiziert.

Der Börsenpreis war nicht der einzige Irrtum

Es ist nicht erkennbar, dass der Börsenstrompreis 2014 steigt. Daher dürfte auch für 2014 die Strompreiserwartung gesenkt werden müssen. Das sollte zu einer weiteren Erhöhung der EEG-Umlage um 0,8 Cent/kWh führen. Hinzu kämen Kosten für den Zubau von On- und Offshore-Windanlagen, Photovoltaik- und Biomassekraftwerken. Unter dem Strich halten Kenner es daher für plausibel, dass die Umlage auf mindestens 7 Cent/kWh steigen müsste, da sie allein wegen der Preiseffekte fast 6,9 Cent erreichen werde.

Die neue Umlage wird Anfang Oktober bekanntgegeben - kurz nach der Bundestagswahl. Das Thema dürfte deshalb auch im Wahlkampf noch eine größere Rolle spielen. Allerdings hat die Politik Möglichkeiten, den Anstieg abzumildern, etwa indem sie Ausnahmen von der EEG-Umlage zurücknimmt, von der Industriebetriebe profitieren. Mit der Umlage nichts zu tun haben die Befreiungen von den Netzkosten, die Betriebe unter Umständen geltend machen können. Allerdings wirken auch die preissteigernd, weil wachsende Netzkosten von weniger Stromkunden finanziert werden.

Der überhöhte Börsenpreis war nicht der einzige Irrtum in der Prognose für die EEG-Umlage 2013. Allerdings erweisen sich die anderen Fehlannahmen nicht als kostentreibend: Die Zahl der neu angeschlossenen Photovoltaikanlagen bleibt mit einer Leistung von wohl weniger als 4000 Megawatt mehr als ein Drittel unter dem erwarteten Zubau. Dass die Windausbeute im ersten Quartal 10 Prozent unter Vorjahresniveau lag, verschärfte den Preisdruck an der Börse nicht noch mehr. Auch die Ausbeute der Solarstromanlagen lag nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen im ersten Halbjahr nur geringfügig über dem Wert des Vorjahres. Dass die erneuerbaren Energieträger ihren Beitrag zum Primärenergieverbrauch im ersten Halbjahr um fast 4 Prozent gesteigert hätten, habe im Wesentlichen an der Energieerzeugung aus Wasserkraft ohne Pumpspeicher und aus Biomasse gelegen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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