http://www.faz.net/-gpf-73qci

Energiewende : Ein Land unter Strom

Umkämpftes Terrain: Auf diesem Hügel an der hessisch-niedersächsischen Grenze wollen Bürger aus Fürstenhagen drei Windräder aufstellen. Bild: privat

Die Energiewende verändert die Republik: Aus Bürgern macht sie Öko-Investoren, aus Nachbarn Gegner. Für Hartz-IV-Empfänger wird sie zur Gefahr, für neue Technologien zur Chance. Drei Ortstermine.

          Der Wind pfeift über die Anhöhe, der Regen der vergangenen Tage hat die Wiese zum Sumpf werden lassen - doch der Ausblick entschädigt für kalte Ohren und feuchte Füße: Grasgrüne Wiesen und golden-braune Herbstwälder, so weit das Auge reicht; am Horizont zeichnen sich die Hügel des Harzes ab. Und halblinks im Talkessel fällt der Blick auf die Dächer der kleinen Ortschaft Fürstenhagen. Friedlich liegt es da, das Dorf mit den rund 350 Einwohnern - doch die Idylle trügt. Denn die tiefen Gräben, die dieses Dorf seit einigen Monaten durchziehen, sie sind von hier oben nicht zu sehen. Was die Gemeinde spaltet, ist die Frage, ob hier auf dem Bergrücken demnächst drei riesige Windräder, Typ E-101, ihre Flügel kreisen lassen sollen.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Ja“, sagt Steuerberater Udo Leibecke, dem der Wind auf der Anhöhe gar nicht stark genug wehen kann: „Im Schnitt haben wir hier 6,25 Meter pro Sekunde. Das reicht locker, um die Anlagen zu betreiben“, erklärt er und blickt auf sein Heimatdorf hinab. „Auf keinen Fall“, entgegnen Naturschützer, die sich zu einer Bürgerinitiative formiert haben. Hier an der hessisch-niedersächsischen Grenze ist sie greifbar, die Energiewende. Hautnah ist zu beobachten, dass das - durch die großzügigen Subventionen immer teurer werdende - Mammutprojekt der Bundesregierung alles andere ist als ein abstrakter Verwaltungsvorgang.

          Der Umstieg vom Atomkraft auf erneuerbare Energie bewegt das Land mehr als jedes andere politische Vorhaben: Die einen begreifen die Wende als sinnvolle Investitionsgelegenheit, andere zahlen für sie einen Preis, der nicht allein in Euro und Cent zu beziffern ist. Alte Konfliktlinien und Glaubenskämpfe lässt sie verschwimmen, neue beschwört sie herauf: Naturschützer und überzeugte Atomkraftgegner werden vielerorts zu Bremsern der Energiewende, risikofreudige Menschen mit Unternehmergeist treiben die grüne Revolution voran. Wer oder was heute eigentlich „öko“ ist? Völlig unklar.

          Öffnen
          Interaktiv: Energieversorgung : Strom bis zur Steckdose

          Steuerberater Udo Leibecke hat einen dicken Ordner vor sich liegen. Jedes Detail dokumentiert er: die erste Bauvoranfrage, die er im Januar bei den Behörden eingereicht hat, die Powerpoint-Präsentation mit dem verheißungsvollen Titel „Der Strom ist das Gold der Zukunft“, mit der er und seine vier Mitstreiter bei einer gutbesuchten Ortsratssitzung im April Überzeugungsarbeit leisten wollten. Und die Aufträge für die Gutachten über die Lebensräume von Fledermäusen, Rotmilanen und die Schallentwicklung der Windräder. Er wolle keinen Streit anzetteln, betont er, „den Ball möglichst flach halten“. Sogar eine Busfahrt zu einer vergleichbaren Windkraftanlage haben sie organisiert, um aufzuklären.

          Kleine Einlagen, große Windräder

          Der Gastwirt des Ortes, Jens Ackerhans, der in die Windräder investieren möchte, sagt: „Wir machen das hier vor allem für die Zukunft unseres Dorfes.“ Immer mehr Häuser stehen leer, beide Supermärkte haben für immer abgeschlossen. Die Windräder hätten das Zeug dazu, den Niedergang zu bremsen, sind die Männer überzeugt. Ihr Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fürstenhagener mit kleinen Einlagen an der Großinvestition beteiligen. Die Planer wollen zudem die Stadtwerke ins Boot holen und den Dorfbewohnern irgendwann günstigen Ökostrom für den Eigenbedarf anbieten. „Spätestens wenn sich die Elektroautos durchsetzen, wird das unseren Ort attraktiv machen“, ist Leibecke überzeugt. Die Investoren planen dank der garantierten Einspeisevergütung mit 8 Prozent Rendite.

          Weitere Themen

          Physik-Nobelpreis geht an Gravitationswellen-Forscher Video-Seite öffnen

          Stockholm : Physik-Nobelpreis geht an Gravitationswellen-Forscher

          Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften hat in Stockholm mitgeteilt, dass sich in diesem Jahr drei amerikanische Forscher über den Physik-Nobelpreis freuen dürfen. Ausgewählt wurden sie für den Nachweis von Gravitationswellen im All, deren Existenz Albert Einstein bereits vor rund einhundert Jahren vermutet hatte.

          Beet und Breakfast

          England : Beet und Breakfast

          Wer von Rosen, Clematis oder Rittersporn nicht genug bekommen kann, der sollte in England in einem „Bed and Breakfast for Garden Lovers“ absteigen – zum Beispiel im Clapton Manor.

          Ajvar - der Kleine-Leute-Kaviar vom Balkan Video-Seite öffnen

          Im Süden Serbiens : Ajvar - der Kleine-Leute-Kaviar vom Balkan

          Es ist Herbst und die Paprika sind reif und rot. Hier im südserbischen Leskovac gedeihen sie besonders gut. Wie überall auf dem Balkan kommen die Familien zusammen, um für den Winter aus den Schoten eine Paste zu machen, die dann auf keiner Tafel fehlen darf: Ajvar.

          Topmeldungen

          Hier gibt ein Dolmetscher des Bamf zu Testzwecken eine arabische Sprachprobe ab.

          F.A.Z. exklusiv : Wenn der Dialekt die wahre Herkunft verrät

          Was tun, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis haben? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt nach eigener Auskunft weltweit einzigartige biometrische Sprachsoftware ein. Sie soll die Herkunft von Asylbewerbern eindeutig ermitteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.