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Energiepolitik : Das Speicherproblem

Stromspeicher: Der Rursee. Bild: Rosemarie Schieren, Heimbach

Um die Energiewende zu meistern, müssen große Mengen Ökostrom gespeichert werden. Doch wie? Neue Techniken sind nicht ausgereift. Und Pumpspeicherkraftwerke haben es schwer: wegen Bürgerprotesten. Und wegen des Ausbaus der Erneuerbaren Energien.

          Auf die Barrikaden gegangen ist Werner Löhrer in seinem Leben noch nie. An keine einzige Demonstration kann er sich erinnern, niemals verspürte er den Drang, Widerstand zu leisten. An diesem Abend wird sich das ändern: Der 65 Jahre alte Finanzbeamte klettert auf eine Aluminiumleiter, direkt unter den Deckenscheinwerfern knotet er den Zipfel eines segelförmigen Lakens fest. Jetzt ist sie zu lesen, die Parole, die Löhrer und seine Mitstreiter auf die Fahne geschrieben haben: „Rettet den Rursee“. Gemeinsam mit einer Bürgerinitiative kämpft Löhrer gegen den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks in der Eifel, seiner Heimat. „Ich bin zu einhundert Prozent sicher, dass wir den Bau verhindern werden“, sagt er und verteilt Flugblätter in den Stuhlreihen.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Eine halbe Stunde später steht der Mann, der sich einen blau-weißen Protest-button ans Revers geheftet hat, vor den rund 150 Zuhörern, die in den „Antoniushof“ gekommen sind. „Wenn dieses Pumpspeicherkraftwerk gebaut wird, ist unser Rursee nicht mehr derselbe“, ruft er in den Saal. Werner Löhrer ist jetzt Wutbürger. Zwei Stunden lang versorgt die Initiative die Anwohner mit Studien, Zahlen und Zitaten. Viele Hektar Wald müssten abgeholzt werden, Fische im Rursee würden verenden. Die Initiatoren skizzieren das Bild eines unverantwortlichen Mammutprojektes, das die Natur zerstört, Touristen vertreibt und energiepolitisch nicht einmal benötigt wird.

          Glaubt man den Rednern, nutzt der Stromspeicher niemandem, außer einem profitgierigen Investor. Auf den ersten Blick sind die Proteste am Rursee nur eine von vielen Auseinandersetzungen, die im ganzen Land dort aufbrechen, wo die Energiewende von Bürgern Opfer fordert. Auf den zweiten Blick werfen die Proteste jedoch ein Schlaglicht auf ein näher rückendes Problem, das in der Diskussion um die Energiewende zu kurz kommt: Hält Deutschland an seinem Plan fest, bis ins Jahr 2050 achtzig Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen, benötigt das Land zusätzliche Kapazitäten, um die ungleichmäßig anfallenden Mengen Ökostrom zu speichern und bei Bedarf wieder ins Netz einzuspeisen. Denn der Wind weht, wann er will, und die Sonne schert sich nicht darum, ob gerade Strom benötigt wird oder nicht.

          Das neue Pumpspeicherkraftwerk am Rursee stößt auf Protest.
          Das neue Pumpspeicherkraftwerk am Rursee stößt auf Protest. : Bild: Pennekamp

          Früher oder später könnte die Speicherfrage zur Achillesferse der Energiewende werden, denn der Ausbau der Kapazitäten verläuft alles andere als reibungslos. Zum einen sträuben sich Bürger so wie am Rursee gegen Großprojekte vor ihrer Haustür. Zum anderen ist es ausgerechnet der Ausbau der Erneuerbaren, der das Geschäft mit Pumpspeicherkraftwerken unrentabel werden lässt.

          An neuen Techniken, die zusätzlich zu Pumpspeichern dringend benötigt werden, wird zwar vielerorts geforscht. Ob sie in absehbarer Zeit kommerziell nutzbar sein werden, steht jedoch in den Sternen. Pumpspeicherkraftwerke gelten mit einem Wirkungsgrad von 80 Prozent als die mit Abstand effizientesten Speicher, zumindest, wenn es darum geht, Strom kurzzeitig, für wenige Stunden zu speichern. In Deutschland sind mehr 30 solcher Anlagen in Betrieb. Doch schon jetzt liefern Sonne und Wind in Hochphasen mehr Strom, als Industrie und Haushalte verbrauchen und die Netze verkraften. Anlagen müssen daher teilweise abgeregelt und Strom ans Ausland verschenkt werden - wo dieser Strom oft nicht einmal erwünscht ist.

          Wann die Speicher dringend werden, ist umstritten

          Wann genau der Bau zusätzlicher Speicher unausweichlich wird, ist umstritten. Denn jede Prognose ist mit erheblichen Unwägbarkeiten verknüpft - das Tempo des Netzausbaus spielt eine Rolle, genauso die Frage, ob flexible Kraftwerke als Reserve zur Verfügung stehen. Je nach Eigeninteresse gehen die Schätzungen weit auseinander. Energieversorger, die mit neuen Speichern Geld verdienen wollen, sehen unmittelbaren Handlungsbedarf.

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