Home
http://www.faz.net/-gpf-769r7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bioenergiedorf Jühnde „Das ist der GAU für die Energiewende“

Das Bioenergiedorf Jühnde ist Vorreiter und Profiteur der Energiewende. Doch der jüngste Reformvorschlag des Umweltministers bringt Unruhe in die Ökogemeinde: Stockt jetzt die Wende?

© AP Vergrößern Nur Bioenergie in Jühnde: Seit 2005 deckt die Gemeinde ihren Strombedarf aus Erneuerbaren Energien

Die Sehenswürdigkeiten des Ortes kann man an einer Hand abzählen, kein berühmter Dichter ist hier geboren und die TV-Dokumentation „Männer allein daheim“, die ein Privatsender hier vor einigen Jahren gedreht hat, hat das Dorf auch nicht anziehender gemacht. Trotzdem pilgern jedes Jahr mehrere tausend Neugierige nach Jühnde in Südniedersachsen. „Gestern waren neun Professoren aus Japan hier“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Heiko Lohrengel und zeigt in einem dicken Gästebuch auf eine Seite mit asiatischen Schriftzeichen. Es ist schon das dritte Buch für Besucher, das sie hier ausgelegt haben, und auch das werden die Energiewende-Touristen bald vollgeschrieben haben. Denn wer wissen will, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien funktioniert, der reist nach Jühnde - die erste „Bioenergiegemeinde“ Deutschlands. Die Kommune, die mit ihren beiden Ortsteilen auf rund 1000 Einwohner kommt, betreibt genossenschaftlich zwei Biogasanlagen sowie zwei Holzhackschnitzelheizungen, die den Großteil der Bewohner mit Wärme versorgen. Die Anlagen erzeugen doppelt so viel Ökostrom, wie die Jühnder verbrauchen.

Johannes Pennekamp Folgen:  

Jühndes Energiewende, sie ist einerseits eine Erfolgsgeschichte. Sie erzählt von tatkräftigen Bürgern wie Heiko Lohrengel, die mit Landwirten und Stromnetzbetreibern gemeinsame Sache machen und so eine ökologische, kostengünstige Energieversorgung organisieren. Andererseits verdeutlicht die Geschichte aber auch, auf welch wackligen Beinen die Energiewende steht: Die Reformvorschläge für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die Umweltminister Peter Altmaier kürzlich öffentlich gemacht hat, verunsichern die Vorreiter und Profiteure der Energiewende. Die Ankündigungen des CDU-Politikers, der die großzügigen Subventionen für die erneuerbaren Energien deckeln und die Betreiber von Solaranlagen, Biogasanlagen und Windräder mit einem „Soli“ an den Kosten des Mammutprojekts beteiligen will, könnten in Jühnde Investitionen stoppen und den rasanten Ausbauprozess bremsen.

„Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt“

Dass Altmaier den Strompreisanstieg auch dadurch stoppen will, schon bestehende Ökostrom-Anlagen stärker zu belasten, hat die Verantwortlichen in Jühnde aufgeschreckt. Heiko Lohrengel hörte beim Autofahren davon: „Ich war geschockt, wir haben doch all unsere Entscheidungen und Kreditvereinbarungen auf Grundlage einer staatlichen Zusage für 20 Jahre getroffen“, sagt der 43 Jahre alte ehemalige Bankangestellte, der sein Geld heute als Geschäftsführer der Jühnder Informations- und Bildungseinrichtung „Centrum Neue Energien“ verdient. Dass Stromzahler zuletzt 14,5 Milliarden Euro aufbringen mussten, um die Einspeisevergütung für Ökostrom zu finanzieren, ist für Lohrengel kein Argument gegen die derzeitigen Regelungen. „Nur wenn der Strompreis hoch ist, gibt es einen Anreiz zum Stromsparen und Klimaschutz.“

Die ersten Entscheidungen in Richtung Energiewende fällten die Jühnder Anfang des Jahrtausends. Forscher der Universität Göttingen riefen damals das Projekt „Bioenergiedorf“ aus. Die Jühnder waren begeistert. Sie schlossen sich zu Arbeitsgruppen zusammen, sie besichtigten Biogasanlagen in Österreich, sie diskutierten über Chancen und Risiken des Vorhabens. Und schließlich gründeten sie eine Genossenschaft, um ihre eigene Biogasanlage zu bauen. „Das hat mehrere Millionen Euro gekostet“, sagt Lohrengel. „Ohne Fördergelder und die festen Zusagen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hätte man das nicht umsetzen können.“ Seit dem 27. September 2005 beziehen 70 Prozent der Haushalte Wärmeenergie aus der Biogasanlage. Jedes Genossenschaftsmitglied spart verglichen mit einer Ölheizung mehrere hundert Euro im Jahr, haben die Jühnder ausgerechnet. Die Heizenergie ist besonders günstig, weil der Ökostrom, den die Biogasanlage ins Netz einspeist, verlässlich Geld in die Genossenschaftskasse spült.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch: Florian Rentsch Energiewende wirtschaftlich unsinnig

Aus Sicht der hessischen FDP stehen in Hessen schon mehr als genug Windräder. Ausschließlich auf erneuerbare Energien zu setzen sei ein Fehler, sagt der FDP-Fraktionschef im Landtag, Florian Rentsch im Interview mit der F.A.Z. Mehr

23.03.2015, 15:00 Uhr | Rhein-Main
Energiewende Kraftwerksbetreiber verlieren Milliarden

Bis 2022 raus aus dem Atomstrom - das ist das Ziel der Bundesregierung. Der Ausbau der erneuerbaren Energien läuft auf Hochtouren, während der Preis für Strom immer weiter fällt. Herkömmliche Energieträger sind häufig nicht mehr lukrativ. Mehr

09.01.2015, 09:53 Uhr | Wirtschaft
Im Gespräch: Tarek Al-Wazir Eine klare Mehrheit auch für Windräder

Nach Ansicht von Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir verliert die Energiewende nicht an Schwung. Er hofft, dass bis 2018 in Hessen 500 weitere Windkraftanlagen in Betrieb gehen. Die umstrittene Stromtrasse Suedlink hält er für unabdingbar. Mehr

15.03.2015, 15:13 Uhr | Rhein-Main
Umwelt Gülle zu Gold: Chile setzt auf Biogas

Gülle fällt in der Tierhaltung in Massen an und ist für viele landwirtschaftliche Betriebe ein Problem. Doch in Chile produzieren immer mehr Bauern Strom mit den Ausscheidungen ihrer Tiere. Biogasanlagen könnten der energiehungrigen Wirtschaft des Landes helfen, die stark von Importen abhängt. Mehr

26.11.2014, 11:13 Uhr | Technik-Motor
Die nächste große Reform Treppenwitze der Energiewende

Die nächste große Reform der Energiewende steht bevor. Die Länder haben Stellung bezogen. Nord- und Süddeutschland passen kaum noch zueinander. Mehr Von Jasper von Altenbockum

14.03.2015, 16:32 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.02.2013, 16:36 Uhr

Saudi-Arabien könnte zu spät kommen

Von Rainer Hermann

Saudi-Arabien hat 2009 schon einmal in den jemenitischen Bürgerkrieg eingegriffen. Damals konnte die saudische Armee die Houthis noch zurückwerfen. Das wird jetzt deutlich schwieriger werden. Mehr 12 9