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Bioenergiedorf Jühnde „Das ist der GAU für die Energiewende“

Das Bioenergiedorf Jühnde ist Vorreiter und Profiteur der Energiewende. Doch der jüngste Reformvorschlag des Umweltministers bringt Unruhe in die Ökogemeinde: Stockt jetzt die Wende?

© AP Nur Bioenergie in Jühnde: Seit 2005 deckt die Gemeinde ihren Strombedarf aus Erneuerbaren Energien

Die Sehenswürdigkeiten des Ortes kann man an einer Hand abzählen, kein berühmter Dichter ist hier geboren und die TV-Dokumentation „Männer allein daheim“, die ein Privatsender hier vor einigen Jahren gedreht hat, hat das Dorf auch nicht anziehender gemacht. Trotzdem pilgern jedes Jahr mehrere tausend Neugierige nach Jühnde in Südniedersachsen. „Gestern waren neun Professoren aus Japan hier“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Heiko Lohrengel und zeigt in einem dicken Gästebuch auf eine Seite mit asiatischen Schriftzeichen. Es ist schon das dritte Buch für Besucher, das sie hier ausgelegt haben, und auch das werden die Energiewende-Touristen bald vollgeschrieben haben. Denn wer wissen will, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien funktioniert, der reist nach Jühnde - die erste „Bioenergiegemeinde“ Deutschlands. Die Kommune, die mit ihren beiden Ortsteilen auf rund 1000 Einwohner kommt, betreibt genossenschaftlich zwei Biogasanlagen sowie zwei Holzhackschnitzelheizungen, die den Großteil der Bewohner mit Wärme versorgen. Die Anlagen erzeugen doppelt so viel Ökostrom, wie die Jühnder verbrauchen.

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Jühndes Energiewende, sie ist einerseits eine Erfolgsgeschichte. Sie erzählt von tatkräftigen Bürgern wie Heiko Lohrengel, die mit Landwirten und Stromnetzbetreibern gemeinsame Sache machen und so eine ökologische, kostengünstige Energieversorgung organisieren. Andererseits verdeutlicht die Geschichte aber auch, auf welch wackligen Beinen die Energiewende steht: Die Reformvorschläge für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die Umweltminister Peter Altmaier kürzlich öffentlich gemacht hat, verunsichern die Vorreiter und Profiteure der Energiewende. Die Ankündigungen des CDU-Politikers, der die großzügigen Subventionen für die erneuerbaren Energien deckeln und die Betreiber von Solaranlagen, Biogasanlagen und Windräder mit einem „Soli“ an den Kosten des Mammutprojekts beteiligen will, könnten in Jühnde Investitionen stoppen und den rasanten Ausbauprozess bremsen.

„Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt“

Dass Altmaier den Strompreisanstieg auch dadurch stoppen will, schon bestehende Ökostrom-Anlagen stärker zu belasten, hat die Verantwortlichen in Jühnde aufgeschreckt. Heiko Lohrengel hörte beim Autofahren davon: „Ich war geschockt, wir haben doch all unsere Entscheidungen und Kreditvereinbarungen auf Grundlage einer staatlichen Zusage für 20 Jahre getroffen“, sagt der 43 Jahre alte ehemalige Bankangestellte, der sein Geld heute als Geschäftsführer der Jühnder Informations- und Bildungseinrichtung „Centrum Neue Energien“ verdient. Dass Stromzahler zuletzt 14,5 Milliarden Euro aufbringen mussten, um die Einspeisevergütung für Ökostrom zu finanzieren, ist für Lohrengel kein Argument gegen die derzeitigen Regelungen. „Nur wenn der Strompreis hoch ist, gibt es einen Anreiz zum Stromsparen und Klimaschutz.“

Die ersten Entscheidungen in Richtung Energiewende fällten die Jühnder Anfang des Jahrtausends. Forscher der Universität Göttingen riefen damals das Projekt „Bioenergiedorf“ aus. Die Jühnder waren begeistert. Sie schlossen sich zu Arbeitsgruppen zusammen, sie besichtigten Biogasanlagen in Österreich, sie diskutierten über Chancen und Risiken des Vorhabens. Und schließlich gründeten sie eine Genossenschaft, um ihre eigene Biogasanlage zu bauen. „Das hat mehrere Millionen Euro gekostet“, sagt Lohrengel. „Ohne Fördergelder und die festen Zusagen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hätte man das nicht umsetzen können.“ Seit dem 27. September 2005 beziehen 70 Prozent der Haushalte Wärmeenergie aus der Biogasanlage. Jedes Genossenschaftsmitglied spart verglichen mit einer Ölheizung mehrere hundert Euro im Jahr, haben die Jühnder ausgerechnet. Die Heizenergie ist besonders günstig, weil der Ökostrom, den die Biogasanlage ins Netz einspeist, verlässlich Geld in die Genossenschaftskasse spült.

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