http://www.faz.net/-gpf-74ulw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.12.2012, 18:03 Uhr

Bei Engpässen Pläne für Stromabschaltungen

Was passiert, wenn es im Winter zu Stromengpässen kommt und die Versorger das Netz nicht stabilisieren können? Nach einem Plan von ENBW werden dann Verbraucher in einem rollierenden System stundenweise komplett vom Strom abgehängt.

von , Wendlingen
© dpa Gut vorbereitet für den Ernstfall: Eine Frau liest während eines Stromausfalls bei Kerzenschein am Kamin (Archivbild aus dem Jahr 2005).

Stromengpässe könnten in Zukunft gelegentlich auch zu Stromabschaltungen für alle Verbraucher führen. Jeweils eineinhalb Stunden wären dann jeweils genau definierte Regionen komplett vom Strom abgehängt. Danach gäbe es wieder 13,5 Stunden Strom, bevor eine abermalige Abschaltung vorgenommen würde, sagte Martin Konermann, Vorstandsmitglied der ENBW Regional AG während eines Journalisten-Workshops in Wendlingen. Auf diese Weise könnte der Stromverbrauch um 5 Prozent reduziert werden. Müsste die Entlastung stärker sein, würden die Pausen zwischen den Stromabschaltungen in den einzelnen Regionen kürzer ausfallen.

Susanne Preuß Folgen:

„Das ist nur die Ultima Ratio“, schränkte Konermann ein. Auf diese Weise könnte ein Blackout vermieden werden, wenn alle anderen Maßnahmen zur Stabilisierung des Netzes schon ergriffen wurden, einschließlich der freiwilligen, entlohnten Lastreduzierung durch Wirtschaftsbetriebe, die durch die Abschaltverordnung geregelt werden soll.

Wirtschaftsminister beraten ueber Ausgestaltung der Energiewende © dapd Vergrößern Ein langer, kalter Winter ohne Wind und ohne Sonnenschein könnte das Stromnetz in Baden-Württemberg extrem instabil machen

Der Süden Deutschlands ist von den Auswirkungen der Energiewende besonders stark betroffen. Wegen der hohen Industriedichte ist hier der Strombedarf besonders hoch, gleichzeitig ist die Versorgung mit Windkraft im Gegensatz zu den Küstengebieten niedrig. Ein langer, kalter Winter ohne Wind und ohne Sonnenschein könnte das Stromnetz in Baden-Württemberg extrem instabil machen, erwartet ENBW. „Wir wurden aufgeschreckt durch die Krise im Februar“, räumt Konermann mit Blick auf den vergangenen Winter ein.

Für diesen Winter wird die Abschaltung nicht erwartet

Das rollierende System von Stromabschaltungen wurde allerdings nicht erst jetzt erfunden, sondern geht zurück auf Katastrophenpläne aus der Zeit der Ölkrise in den siebziger Jahren. Diese wurden in Süddeutschland wieder hervorgekramt, als der heiße, trockene Sommer 2003 zu extrem niedrigen Wasserständen in den Flüssen führte und einige Atomkraftwerke deswegen Probleme mit der Kühlung hatten. „Auf dieser Grundlage haben wir einen Handlungsleitfaden erstellt“, berichtete Jörg Schänzle, Leiter der Netzführung der ENBW Regional AG. Das Abschaltmanagement folge auf dieser Basis bundesweit der gleichen Logik. Sobald ein Engpass absehbar sei, werde man die Bevölkerung vorbereiten und möglichst einen Tag vor der Stromabschaltung informieren.

Mehr zum Thema

In diesem Winter werde man die rollierende Stromabschaltung wohl eher nicht brauchen, erwartet Rainer Joswig, der die Übertragungsnetz-Gesellschaft Transnet-BW in Wendlingen leitet. Signifikante Probleme erwartet Transnet-BW im Jahr 2015. Engpässe durch die Abschaltung weiterer süddeutscher Atomkraftwerke könnten verstärkt werden, wenn der französische Atommeiler in Fessenheim, nahe dem badischen Freiburg, im Jahr 2016 stillgelegt wird. „Wir haben in diesem Winter schon eine angespannte Situation, aber das System läuft immer weiter in die Destabilisierung“, warnt Markus Fürst, Leiter Systemführung bei Transnet-BW. Aus diesem Grund seien Maßnahmen wie etwa das Abschalten des Stroms für alle Verbraucher im rollierenden System nötig. Die geplante Abschaltverordnung werde dagegen im Süden wenig helfen, da sie eher Industrien anspreche, wie sie tendenziell eher im Norden zu finden seien, etwa Chemiebetriebe oder Stahlwerke.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutschlands Konjunktur Von wegen schwächere Wirtschaft!

Robuster Arbeitsmarkt, steigende Löhne, niedriger Ölpreis, milder Winter: Die deutsche Wirtschaft ist stark ins neue Jahr gestartet. Sogar Ökonomen sind überrascht. Mehr

13.05.2016, 08:26 Uhr | Wirtschaft
Atomkraft Kernspaltung und Kettenreaktion

Atomkraftwerke erzeugen unglaubliche Energiemengen. Aber was steckt eigentlich dahinter und wie funktioniert die Kernspaltung? Mehr

25.04.2016, 12:09 Uhr | Wissen
Umweltbonus für Ladenhüter So bekommen Sie die Prämie für Ihr E-Auto

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch eine Prämie für Elektroautos in Höhe von 4000 Euro beschlossen. Doch wie kommen Verbraucher an die Prämie? Und für wen lohnt der Kauf wirklich? Mehr

18.05.2016, 10:34 Uhr | Finanzen
Berlin Bundesregierung prüft Abgas-Vorwürfe gegen Opel

Neben dem Opel Zafira verfügt angeblich auch der Opel Astra über eine Motorensoftware, die in vielen Fahrsituationen die Abgasreinigung abschaltet. Das sollen Recherchen des ARD-Magazins Monitor und des Spiegels, zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe ergeben haben. Das Bundesverkehrsministerium hat den Autohersteller deshalb nun vorgeladen. Mehr

13.05.2016, 15:40 Uhr | Wirtschaft
Energieversorger Eon steigert Gewinn

Der größte deutsche Energiekonzern macht gerade eine selten gewordene Erfahrung: Im ersten Quartal ist der Gewinn gestiegen. Doch das wird wohl eine Ausnahmeerscheinung bleiben. Mehr

11.05.2016, 07:56 Uhr | Wirtschaft

Kein Rabatt für Erdogan

Von Nikolas Busse

Die EU ist zwar auf den türkischen Präsidenten angewiesen, ihre Verhandlungsposition hat sich aber verbessert. Es besteht kein Anlass, Erdogan nachzugeben, einem Mann der eine andere Auffassung von Demokratie und Rechtsstaat hat als wir. Mehr 40

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden