Der Ruf aus der Industrie nach einer Abkehr vom bislang geplanten Atomausstieg wird lauter. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, sagte am Donnerstag, notwendig seien längere Laufzeiten der Kernkraftwerke. Die Union müsse in dieser Frage ihre Überzeugungsarbeit gegenüber dem Koalitionspartner SPD verstärken.
Er sagte: „Auf die global wachsende Energienachfrage müssen wir mit einem möglichst breiten Energiemix reagieren, der alle Optionen offen hält.“ Deutschland könne es sich „nicht leisten, auf einzelne Technologien und Energieträger zu verzichten“. „Eine sichere, zuverlässige, umweltschonende und preiswerte Stromversorgung in Deutschland ist ohne die Kernenergie auf absehbare Zeit nicht denkbar.“ Aus Sicht der industriellen Stromverbraucher sei „nicht erkennbar, daß andere Technologien in der Lage sind, den Grundlastbedarf zu wettbewerbsfähigen Preisen zu decken“.
„Keine Alternative beim Klimaschutz“
Zu der Warnung von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) vor den Gefahren der Radioaktivität sagte Thumann: „Jede Energieart hat ihre Chancen und Risiken. Deshalb plädieren wir für einen ausgewogenen Energiemix, damit spezifische Risiken nicht überhand nehmen können.“ Außerdem komme es darauf an, die jeweiligen Risiken auf das vertretbare Maß zu reduzieren. Dies habe man bei der Kernenergie getan. Eine verringerte Abhängigkeit von Energieimporten habe positive Auswirkungen auf Strompreise, Produktion und Beschäftigung. Er sagte: „Wir sehen auch keine Alternative beim Klimaschutz.“ Die Klimavorsorge werde von längeren Laufzeiten der Kernkraftwerke profitieren, weil die Umwelt von CO2-Emissionen entlastet werde.
Der Geschäftsführer des Windkraft-Unternehmens Repower, Fritz Vahrenholt, warnte vor einer Abwanderung energieintensiver Industrien im Fall eines Atomausstiegs. Er sagte, den Ausstieg aus der Kernenergie werde Deutschland mit einem Exodus der energieintensiven Industrie bezahlen: „Der industrielle Kern wird abschmelzen.“ Grund dafür sei, daß trotz des rasanten Wachstums der Erneuerbaren Energien der Wegfall des Atomstroms nicht ohne weiteres kompensiert werden könne. So unterliege die Windenergie wetterbedingten Schwankungen und tauge deshalb noch nicht als Ersatz für grundlastfähigen Atomstrom. Die Lücken in der Stromversorgung, die der Ausstieg aus der Kernenergie mit sich bringe, könnten nur mit einem höheren Anteil der Energie aus fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas ausgeglichen werden können. Dadurch erhöhe sich aber die „Abhängigkeit von russischem Gas“ oder von Energie „aus sehr instabilen Regionen wie dem Iran“.
Protest von den Grünen
Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer sagte, dieses Argument sei „nicht nachvollziehbar“. Ziel der Grünen sei es, die wegfallende Kapazität bei Atomkraftwerken durch einen „Dreiklang“ aus Erneuerbaren Energien, gesteigerter Energie-Effizienz und Energie-Einsparung zu ersetzen. Er sagte, die gegenwärtige Hitzewelle unterstütze die Forderung nach einer „Dezentralität der Energieversorgung“. Atomkraftwerke oder auch große Kohlekraftwerke seien „in einem jetzt augenfällig demonstrierten Maße von Klimaschwankungen abhängig“. Dies widerspreche der Behauptung, bei Kernenergie handele es sich um ein Element von Versorgungssicherheit. „Bei Kraft-Wärme-Koppelung, die ich dezentral organisiere, muß ich nicht die entstehende Wärme als Abwärme durch die Flüsse kühlen lassen - und ich muß auch die Energieproduktion nicht herunterfahren, wenn die Flüsse das nicht mehr tragen.“ Vielmehr könne nach jeweiligem lokalen Bedarf die Wärmeenergie sinnvoll genutzt und damit der Wirkungsgrad der Energie deutlich erhöht werden.
Insgesamt bewertet Bütikofer die jüngsten Vorstöße aus der Industrie für die Kernenergie als „ideologischen Theaterdonner“. Er sagte, die SPD sei wohl „klug genug“, um zum beschlossenen Atomausstieg zu stehen. „Der Glaubwürdigkeitsverlust, den sie ansonsten erleiden würde, wäre dramatisch. Die Union und die Atomlobby werden es nicht schaffen, den Atomausstieg in dieser Legislaturperiode zu kippen.“ Und seine Partei werde alles daran setzen, daß es hierfür auch nach der nächsten Wahl im Bundestag keine Mehrheit gebe. Er sei „da ganz optimistisch“, denn nach wie vor unterstütze die Mehrheit der Deutschen den Atomausstieg.
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