18.07.2009 · Unsere Energieversorgung soll sicherer und sauberer werden - mit Gas ohne Gasprom und Solarstrom aus der Sahara. Doch geht das? Was kostet der Aufbau der neuen Stromnetze? Wie lange wird das dauern?
Von Andreas Mihm und Henning PeitsmeierAuf einmal ist von der Mondlandung die Rede. Worte und Satzstücke wie „Visionen“ oder „die Stunde der Herausforderung“ hallten schon vorher durch die hohen Flure in der Hauptverwaltung der Münchener Rück. Doch jetzt ist es Torsten Jeworrek, Vorstand des größten Rückversicherungskonzerns der Welt, der am Rednerpult steht und davon spricht, wie die amerikanische Mondlandefähre „Eagle“ am 21. Juli 1969 erstmals einen fremden Himmelskörper besucht hat. Jeworrek ist ein unprätentiöser Mann, der leicht berlinert, in der DDR aufgewachsen ist und schon einmal selbst erlebt hat, wie Unvorstellbares über Nacht möglich wird.
Wer ihn reden hört, glaubt, dass eines Tages Afrikas Sonnenenergie so selbstverständlich in deutsche Steckdosen gelangt, wie fast auf den Tag genau vor vierzig Jahren der Astronaut Neil Armstrong über den Mondboden hüpfte.
Sauberer Strom aus der Wüste Afrikas
Hinter Jeworrek sitzen Manager aus der Industrie und der Finanzbranche und Vertreter der arabischen Welt. „Desertec Industrial Initiative“ ist auf eine graue Leinwand geschrieben und darunter fast beschwörend das Datum: „Munich, July 13, 2009“. Das ist ihre Vision: Sie wollen Europas Haushalte mit sauberem Strom aus den Wüsten Afrikas versorgen, sie wollen den Klimawandel endlich stoppen, weil der längst „zum größten Risiko der Menschheit geworden ist“, wie Jeworrek es formuliert. Deshalb sind sie an diesem Montag nach Schwabing gekommen, haben eine Absichtserklärung unterschrieben für die „Desertec Industrial Initiative“. Es sind keine ideologischen Spinner oder notorischen Weltverbesserer, sondern gestandene Manager und Politiker, die wissen, dass Desertec anders als die Mondlandung keinesfalls in acht Jahren umgesetzt würde, sondern ein Projekt für mehrere Generationen ist.
Sind bei Desertec die Blaupausen noch nicht gezeichnet, so werden am selben Tag schon die Weichen für ein anderes Großprojekt für Europas Energiezukunft gestellt. Ein paar tausend Kilometer südöstlich von München, in der türkischen Hauptstadt Ankara, sitzen Vertreter von fünf Staaten zusammen, um ein Regierungsabkommen für den Bau einer Gasleitung zu beschließen. Sie soll Gas aus dem Osten der Türkei über Bulgarien, Rumänien, Ungarn bis nach Österreich transportieren – eine Route, die nicht zufällig um Russland einen Bogen schlägt.
An dem Vertrag ist lange gefeilt worden
Weil die Leitung für die Versorgung Europas wichtig ist, kommt aus Brüssel der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, eingeflogen. Er wünscht dem Gasprojekt, es möge – wie die namensgebende Oper des italienischen Komponisten Verdi – unter einem glücklichen Stern stehen. Die Pipeline könne auch eine neue Ära der Zusammenarbeit mit der Türkei einleiten. „Gasleitungen sind zwar aus Stahl, aber Nabucco kann die Beziehungen zwischen unseren Völkern zementieren.“
An dem Vertrag ist lange gefeilt worden. Ohne dessen auf 50 Jahre bemessene Garantien würden sich die Nabucco-Konsorten OMV aus Österreich, MOL aus Ungarn, Transgas aus Rumänien, BEH aus Bulgarien und Botas aus der Türkei nicht in das große Abenteuer stürzen. Seit 2002 planen sie; der Energiekonzern RWE ist seit 2008 das sechste Mitglied im Nabucco-Club und hält wie die übrigen Konsorten 16,67 Prozent der Anteile.
Im Jahr 2014 soll es so weit sein
Schon im vergangenen Jahr hatte das Abkommen unterzeichnet werden sollen. Doch lange legte sich die türkische Regierung quer. Sie wolle Druck aufbauen, um den Beitritt des Landes zur EU zu befördern, munkelten die einen; andere mutmaßten, die Türkei wolle nur mehr Gas für sich herausschlagen, um es dann auf eigene Rechnung zu vermarkten. Nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seinen Chefunterhändler ausgetauscht hatte, kam Bewegung in die Angelegenheit: „Zwischenstaatliches Abkommen garantiert stabilen Rechtsrahmen für Gastransit“, durfte dann am Montag der Geschäftsführer des Konsortiums, Reinhard Mitschek, jubeln.
Aber auch Mitschek weiß, dass der Weg noch ein weiter ist, bis die ersten Kohlenstoffmoleküle nach langen 3300 Nabucco-Kilometern im österreichischen Baumgarten angekommen sind. Im Jahr 2014 soll es so weit sein. Bis dahin muss die Strecke projektiert, müssen Röhren bestellt und verlegt, Verdichterstationen gebaut werden. Nicht zuletzt muss das Geld für den Bau aufgetrieben werden: 7,9 Milliarden Euro hatten die Konsorten vor dem Stahlpreisverfall dafür kalkuliert.
31 Milliarden Kubikmeter soll die Röhre im Jahr bewältigen
Doch sollte die Finanzierung keine Schwierigkeiten bereiten. Ein Drittel wollen die Konsorten bereitstellen, den Rest Förderbanken wie die Europäische Investitionsbank kreditieren. Alle wissen: Das Geschäft mit dem Gas wird sich lohnen. Denn die Eigenförderung in Europa sinkt; die Nachfrage nach Gas aber steigt. Schon Mitte des nächsten Jahrzehnts erwartet die EU eine große Lücke.
Das spiegelt sich in einer Umfrage unter potentiellen Nabucco-Kunden aus dem vergangenen Jahr. Damals wurden die Kapazitäten zu 100 Prozent überbucht. 31 Milliarden Kubikmeter soll die Röhre im Jahr bewältigen, etwas mehr als die Hälfte jener 55 Milliarden Kubikmeter Gas, die Gasprom von 2011 an durch die Ostsee nach Deutschland pumpen will.
Genügend Gas für ihre Leitung
Aber hier liegt der große Unterschied: Gasprom hat eigenes Gas, das Nabucco-Konsortium ist auf Zulieferungen anderer angewiesen. Hier kommt der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer ins Spiel. Fischer soll als außenpolitischer Berater des Konsortiums mit dafür sorgen, dass die Röhre voll wird. Denn nichts liegt mehr im Interesse von Gasprom, als das zu verhindern. Vor allem in den kaspischen Ländern Aserbaidschan,Turkmenistan und Kasachstan versuchen die Russen, die Gasreserven aufzukaufen und für ihr Leitungssystem zu reservieren. Sie wollen sogar zusammen mit der italienischen Eni eine eigene Röhre durch das Schwarze Meer bis nach Italien legen, zweifelsohne ein Konkurrenzprojekt zu Nabucco. Umso lieber hören die Nabucco-Freunde in Ankara die Versprechungen der aus diesen Staaten zugereisten Staats- und Regierungschefs, mit dem Westen Geschäfte abschließen zu wollen.
Die Konsorten sind sicher, dass sie genügend Gas für ihre Leitung bekommen. Aserbaidschan habe zugesagt, acht Milliarden Kubikmeter jährlich zu liefern, sagt RWE-Chefstratege Neil McMillan. Turkmenistan wolle zehn Milliarden Kubikmeter im Jahr exportieren. Zudem gebe es im Nordirak erhebliche Gasmengen. Erdogan bringt auch Iran als Lieferanten ins Spiel. Die beiden Nachbarländer sind schon durch eine Pipeline verbunden. Doch bleibt Iran für europäische und vor allem deutsche Unternehmen bis auf weiteres eine „No-go-Area“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel den Gasbossen unmissverständlich klargemacht hat.
Interesse von weiteren Unternehmen aus dem Ausland
Ungeklärt bleibt auch auf dem Wüstenstromgipfeltreffen der Münchener Rück vieles. Nur in der Theorie steht fest, wie das Milliardenprojekt gestemmt werden könnte: Koordinierung, Risikoprüfung und Versicherung lägen bei der Münchener Rück; die Deutsche Bank und die HSH Nordbank könnten die Finanzierung übernehmen; die Fernleitungen von Afrika nach Europa installierten Siemens und ABB, die Solaranlagen kämen von Schott Solar und den Anlagenbauern Abengoa Solar und M+W Zander; Projektentwickler wäre Solar Millennium; die Energiekonzerne Eon und RWE wiederum könnten den Ökostrom vermarkten.
Natürlich soll die Initiative nicht bei diesen Unternehmen haltmachen. Weitere Konzerne aus dem Ausland haben mehr oder weniger offen schon ihr Interesse an einem Beitritt bekundet. In den kommenden drei Jahren beschäftigen sich die Unternehmen zunächst in einer Planungsgesellschaft mit Fragen der Finanzierung, der technischen Machbarkeit und den politischen Weichenstellungen. Das ist ein Anfang, mehr aber auch nicht.
400 Milliarden Euro Kosten
Desertec geht auf alte Ideen des Club of Rome zurück. Eine Gruppe von Fachleuten der Münchener Rück um Vorstand Jeworrek, intern „Corporate Climate Center“ genannt, hatte in den vergangenen Monaten begonnen, die Vision in die Realität zu holen, ist an mehrere deutsche Großkonzerne herangetreten, um bis zum Jahr 2050 riesige Solarkraftwerke in der Sahara zu bauen, die dann den westeuropäischen Strombedarf zu rund einem Siebtel decken könnten.
Weitere zwei Drittel sollen erneuerbare Energien aus heimischer Quelle bringen. Es wäre die größte Einzelinitiative zur Bekämpfung des Klimawandels. Auf 400 Milliarden Euro schätzt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die binnen vier Jahrzehnten anfallenden Kosten – Jeworrek sagt lieber „1000 Euro pro EU-Bürger“. Es sind solche Vergleiche, die einer interessierten Öffentlichkeit erklären sollen, wie vielversprechend die Wüstenstromgeschichte ist.
Manchem Umweltaktivisten muss es weh getan haben
Das Bundesumweltministerium hat zum Beispiel errechnen lassen, dass mit Parabolrinnenkraftwerken in der Sahara auf einer Fläche von rund 65.000 Quadratkilometern der Strombedarf der Welt gedeckt werden könnte – und es fehlt nicht der Hinweis, dass 65.000 Quadratkilometer weniger sind als die Fläche Bayerns. Keiner der Industriemanager, die in diesen Tagen auf Desertec angesprochen werden, vergisst zu sagen, dass die Technik ausgereift sei. Gern wird dann erzählt, dass im südalgerischen Hassi Rmel derzeit schon die größte Solaranlage der Welt entsteht. Doch Technik ist nicht alles, wie nicht nur die Nabucco-Planer wissen. Brauchen die Länder in Afrika den Solarstrom nicht für die eigene Entwicklung? Was kostet der Aufbau der neuen Stromnetze? Wie lange wird das dauern? Machen die Transitländer für die Stromautobahnen mit?
Manchem Umweltaktivisten muss es weh getan haben, dass ausgerechnet ein Vertreter erneuerbarer Energien aus Desertec mit einem ebenfalls sehr bildlichen Vergleich den Stecker gezogen hat: Für den Solarexperten und SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer sind die Wüstenstrompläne jedenfalls nichts anderes als eine Fata Morgana. RWE-Chef Jürgen Großmann ist kein Freund Scheers. Aber auch Großmann, dessen Konzern beim Wüstenstrom mit von der Partie ist, hält wenig davon, zu früh hurra zu schreien: „Auch eine Solarstromerzeugung in der Sahara hätte einen Schalter, mit dem die Leitungen nach Europa unterbrochen werden könnten.“
Am Anfang
sten rupp (cmotpet)
- 18.07.2009, 15:18 Uhr
NABUCCO Nuechtern betrachtet
Horst Trummler (Vandale6906)
- 18.07.2009, 16:36 Uhr
Das entscheidende Kriterium wurde nicht erwaehnt
Horst Trummler (Vandale6906)
- 18.07.2009, 16:45 Uhr
abkaufen
Fritz Vandermöhlen (FritzV)
- 18.07.2009, 16:51 Uhr
Desertec - Stromdurchleitung=öffentliches Interesse;Stromproduktion=Wettbewerb
K Zinser (klaus_zinser)
- 18.07.2009, 17:46 Uhr