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Ende des Zweiten Weltkriegs „Jungs, stellt euch da hin und hißt die Flagge“

03.05.2005 ·  Jewgeni Chaldej schoß 1945 das Foto der sowjetischen Soldaten, die ihre Landesflagge auf dem Reichstagsgebäude hissen. Es wurde zu einem der Symbolbilder des 20. Jahrhunderts. Doch die interessantesten Geschichten muß man dem Bild erst entlocken.

Von Ernst Volland
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Das Bild der sowjetischen Soldaten, die 1945 die Flagge ihres Landes auf dem Reichstagsgebäude hissen, ist eines der bekanntesten Fotos des 20. Jahrhunderts. Neben dem Porträt des jesusgleichen Revolutionärs Che Guevara von Alberto Korda ist es das meistgedruckte Fotomotiv überhaupt.

Schon früh wurde es in deutschen Schulbüchern abgebildet. Es hat seinen festen Platz in der Geschichte, als fotografische Ikone des Kriegsendes, die aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr zu verdrängen ist.

Symbol deutscher Stärke und Macht

Immer wieder wird behauptet, das Bild sei inszeniert, sogar eine Fälschung. Ein eingehender Blick auf die sowjetischen und russischen Darstellungen offenbart eine Fülle von widersprüchlichen, verklärenden und sprechenden Fakten. Ja, eigenartig: Versucht man, Licht in die Historie dieses vielfach reproduzierten Fotos (siehe Abbildung „Der Klassiker“) zu bringen, erscheint der Schatten, der auf dem Bild liegt, bisweilen sogar noch dunkler.

Aufgenommen hat das Bild Jewgeni Chaldej, 1917 in der Ukraine geboren, Frontberichterstatter: der Mann, der oft auch der russische Robert Capa genannt wird. Mit seiner Leica stieg er am Morgen des 2. Mai 1945 gegen 7 Uhr auf den Reichstag, um die Aufnahme zu machen. Warum der Reichstag? Er war seit den Jahren nach dem Reichstagsbrand 1933 nur noch die Hülle eines Gebäudes, in dem seinerzeit das Parlament der ersten deutschen Republik tagte.

Für die Sowjets und insbesondere für Stalin symbolisierte das kolossale Gebäude dennoch deutsche Stärke und Macht - und das Einrammen des Flaggenstabes in dieses Gebäude, für Gegenwart und Nachwelt im Bild festgehalten, sollte für den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ stehen.

„Das hier ist das offizielle Foto“

Chaldej selbst beschrieb die Aktion später so: „Als der Krieg begann, sprachen alle vom Reichstag: Reichstag, Reichstag... Es war am frühen Morgen des 2. Mai 1945. Ich betrat das Reichstagsgebäude. Überall war schrecklicher Lärm. Ein junger, sympathischer Soldat kam auf mich zu. Ich hatte eine rote Fahne in der Hand.

Er sagte 'Leutnant, dawai, laß uns mit der Fahne aufs Dach klettern.' 'Deswegen bin ich ja hier.' Wir waren endlich oben. Der Reichstag brannte. Er meinte: 'Wir wollen auf die Kuppel klettern.' 'Nein', sagte ich, 'da werden wir geräuchert und verbrennen.' 'Na, dann versuchen wir es hier.' Wir fanden eine lange Stange. Ich suchte lange nach Kompositionsmöglichkeiten. Erst machte ich ein Foto links. Nein, das war nicht gut. Es sollte auch etwas von Berlin zu sehen sein.

Dann sagte ich: 'Jungs, geht und stellt euch da hin und hißt die Flagge an der und der Stelle.' Es waren drei Soldaten. Ich habe einen ganzen Film verknipst, 36 Bilder, und bin in der Nacht zum 3. Mai nach Moskau geflogen, und das Foto ist sofort veröffentlicht worden. Das hier ist das offizielle Foto."

Die Szene dramatisiert

Doch gibt es neben dieser klassischen Version des Bildes, die am weitesten verbreitet ist, auch noch eine ganze Reihe von anderen. Eine davon („Variantenreichtum“) ist nahezu identisch; nur geringfügige Abweichungen sind zu erkennen, vor allem an der Form der Flagge, aber auch an den Personen, die sich auf der Straße befinden. Die beiden Aufnahmen wurden einen Sekundenbruchteil nacheinander geschossen.

Vergleicht man Chaldejs offiziell gewordenes Foto mit der inoffiziellen Variante, so sind zwei deutliche Veränderungen zu erkennen. Zum einen hat Chaldej durch aufsteigende Rauchwolken die Szene dramatisiert, ein unter russischen Kriegsfotografen beliebtes Verfahren. Die zweite Veränderung besteht in der Retusche einer Armbanduhr. Sie wurde am rechten Handgelenk des Soldaten vorgenommen, der den Kameraden mit der Flagge von unten stützt.

Daß der Soldat zwei Uhren trug, zeigt sich besonders deutlich auf einem anderen Foto aus der Serie (Bildausschnitt). Uhren waren für russische Soldaten ein beliebtes Beutestück; „Uri, Uri“ sollen die ersten Worte gewesen sein, die Deutsche oftmals von den Soldaten der Roten Armee hörten. Auf einem offiziellen Foto war für diese unerwünschte Alltäglichkeit kein Platz.

Ungeschickte Retusche

Auf einem weiteren Bild („Ein Mißgeschick“) des Flaggenmotivs sollte die Dramatisierung offenbar noch gesteigert werden: durch das Einmontieren einer bewegten Fahne. In diesem Fall war der Meister Chaldej jedoch nicht professionell genug. Die Spuren der Montage sind deutlich am Rand der Flagge zu erkennen, die wie ausgefranst erscheint. Dennoch wurde auch diese Version häufig veröffentlicht.

Eine andere ungeschickte Retusche ist auf einer weiteren (hier nicht abgebildeten) Variante des Motivs zu sehen. Auf diesem Bild im Hochformat ist ebenfalls ganz deutlich zu erkennen, daß es zu diesem Zeitpunkt keinen Rauch in der Stadt gab. Und dann die Retusche: Die Uhr des Soldaten am rechten Handgelenk ist durch Einkratzen auf dem Negativ nur dürftig kaschiert.

In einer Filmdokumentation 1997 schilderte Chaldej, wie dieses Malheur zustande kam: „Ich flog nach Moskau zurück und ging sofort in die Redaktion der (sowjetischen Nachrichtenagentur) Tass und entwickelte den Film. Ein Kollege machte mich auf die beiden Armbanduhren aufmerksam. Ich nahm eine Nadel und kratze eine Uhr aus dem Negativ. Das Bild mußte sofort veröffentlicht werden.“

Flaggenhissung inszeniert

Eine kolorierte Version des Bildes von der Flaggenhissung gab es ursprünglich nicht. Die Kolorierung wurde später von Chaldej selbst vorgenommen („In Farbe“). Sie wird selten publiziert. Die russischen Kriegsfotografen hatten kaum Farbbildmaterial zur Verfügung.

Sie mußten an vorderster Front in gefährlichen Momenten und mit technischem Geschick die Negative entwickeln. Dafür wurde meistens der Helm als Gefäß benutzt. Auch das Verschicken unentwickelter Filme, von welchem Ort des Kriegsgeschehens auch immer, war oft nur unter großen Schwierigkeiten möglich.

Doch war Jewgeni Chaldej nicht der einzige Fotograf, der sich an diesem Tag zu dieser Zeit auf dem Reichstag befand. Auch Alexander Grebnew, ein Kollege von Chaldej, war da, und auch er machte Bilder („Der Kollege“). Damit ist auch unter anderem bewiesen, daß es sich bei der Flaggenhissung um eine Inszenierung handelt, an der mindestens zwei Fotografen beteiligt waren.

Eigentliche Erstürmung früher

Daß es sich überhaupt um eine Inszenierung handelt, ist auch eindeutig am Datum erkennbar. Denn die eigentliche Erstürmung des Reichstages erfolgte schon am 30. April. Man wollte unbedingt vor dem 1. Mai, dem Tag der Arbeiterklasse, die rote Fahne auf dem Dach hissen. Da sich die Erstürmung verzögerte und dabei erhebliche Verluste zu beklagen waren, gelang dies erst in der Nacht auf den 1. Mai.

Bei diesem historischen Augenblick war aber kein Kameramann anwesend. Vermutlich erst in den Morgenstunden konnte, nach Abflauen der Kämpfe und bei besseren Lichtverhältnissen, ein weiterer Fotograf, Mark Redkin, ein Foto schießen („Näher an der Wahrheit“).

Helden der Nation

Auf Chaldejs klassischem Foto sind zwei Soldaten zu sehen; wie aber die ganze Serie und auch Grebnews Aufnahmen zeigen, standen drei auf dem Reichstag, als da symbolisch die Flagge gehißt wurde. Und wer waren sie? In der Sowjetunion meinte jeder die drei Männer, die der offiziellen Version zufolge beteiligt waren, zu kennen, sie waren Helden der Nation: Michail Jegorow, Meliton Kanataria und Konstantin Samsonow („Drei Helden“).

Sie bekamen eine lebenslange Rente. Doch sind sie nicht jene drei, die bei Chaldej abgebildet sind. Deren korrekte Namen sind Alexejev Nicolaiev, Abdullhakim Ismaiilow und Leonid Gorjatschov. Ihre Verdienste sind ebenso groß wie die ihrer gefeierten drei Kameraden, denn sie alle waren an der Erstürmung des Reichstages beteiligt.

Geheimhalteverpflichtung unterschrieben

Was war da geschehen? Auch der Schlüssel zu diesem Geheimnis liegt bei Chaldej. In mündlichen Erzählungen oder seinen schriftlichen Erklärungen hat er stets die Namen der drei offiziellen Helden genannt, obwohl er es anders wußte. Chaldej war nicht nur der bedeutendste russische Kriegsfotograf, er hatte auch ein außergewöhnliches Gedächtnis, vor allem, was Namen betrifft.

Er erinnerte sich nahezu an jede Person auf seinen Fotos mit Namen, erkannte den Ort und konnte das Datum benennen. Chaldej wußte, daß auf seinen Fotos andere Personen zu sehen sind. Kurz vor seinem Tod 1997 sprach er über seine Mission, nachdem ein britischer Journalist ihn eingehend befragt hatte: „Nachdem ich das Foto gemacht hatte, bin ich direkt nach Moskau zu Stalin geflogen. Unser Oberbefehlshaber hatte mein Foto und die Liste der Beteiligten auf dem Tisch.

Nach langem Überlegen entschied er sich für die Gruppe 5. Die anderen verschwanden in der Anonymität. Ich mußte eine Geheimhalteverpflichtung unterschreiben, in der stand, daß ich mit niemandem über diesen Vorgang sprechen durfte. Was das bei Stalin bedeutete, kann sich jeder denken.“ Stalin, selbst Georgier, hatte einen georgischen Landsmann als den Flaggenhisser ausgewählt, die beiden anderen waren Russen. „Unersetzliche Leute gibt es für Kommunisten nicht“, pflegte er zu sagen.

„Mein Flugzeug ist das am Rand

Zur allgemeinen Verwirrung hielt Chaldej auch andere Szenen fest, bei denen die sowjetische Flagge an einer Reihe anderer historischer Stätten gehißt wird, so am gleichen Tag auf dem Brandenburger Tor und auf dem Tempelhofer Flugplatz. Die Hissung auf dem Brandenburger Tor wird oft mit der Reichtagshissung verwechselt.

Eine Gesamtansicht des zerstörten Reichstages, die ebenfalls seine Arbeit war, erschien in der „Prawda“ - zusammen mit sieben in das Bild gemalten Flugzeugen, die über das Gebäude fliegen. Daraufhin erhielt Chaldej einen Brief von einem Piloten: „Sehr geehrter Herr Korrespondent, ich erinnere mich an den Tag, als wir den Reichtstag bombardierten. Mein Flugzeug ist das am Rand.“

1995, zwei Jahre vor seinem Tod, begegnete Jewgeni Chaldej im französischen Perpignan auf einem Fotofestival seinem „Flaggenpendant“, dem AP-Fotografen Joe Rosenthal. Der hatte, ebenfalls 1945, eine andere berühmte Flaggenhissung fotografiert: durch sechs amerikanische Soldaten, auf der japanischen Pazifikinsel Iwo Jima. Auch dieses Foto soll inszeniert gewesen sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 8
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