Home
http://www.faz.net/-gpf-zt5k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ende der Hochkonjunktur Zwischen Rezession und Inflation

27.07.2008 ·  Es ist eine Lehre der siebziger Jahre, dass Inflationsbekämpfung desto schmerzhafter wird, je länger man damit wartet. Und: Kurzfristige Programme zur Belebung der Konjunktur, in der Bundesregierung wieder im Gespräch, treiben die Staatsverschuldung - und schwächen so dauerhaft die Wachstumskräfte.

Von Philip Plickert
Artikel Lesermeinungen (4)

Nach zweieinhalb Jahren ist die Phase der Hochkonjunktur in Deutschland vorbei. Der Aufschwung, der im Herbst 2005 von der starken Weltkonjunktur über den Export und dann die Investitionen angeschoben wurde, geht dem Ende zu. 2006 betrug das Wachstum stolze 2,9 Prozent, 2007 nochmals 2,5 Prozent. Nun aber verliert die deutsche Wirtschaft merklich an Schwung. Seit Monaten sinken die Auftragseingänge der Industrie, die der Motor der guten Konjunktur war. Zuletzt ist der Ifo-Geschäftsklimaindex regelrecht eingebrochen – und schon geistert durch die Kommentare das hässliche Wort „Rezession“.

In einigen Volkswirtschaften des Euro-Raums besteht dafür eine reale Gefahr. Etwa in Spanien, das nach den Übertreibungen des Baubooms eine harte Landung erlebt. Die Wirtschaft Italiens, um deren Wettbewerbsfähigkeit es nicht gut bestellt ist, stagniert seit fast einem Jahr. Auch aus Frankreich häufen sich die beunruhigenden Meldungen, etwa der Absturz des Einkaufsmanagerindex, der eine Rezession ankündigen könnte. Dagegen erscheint die Lage in Deutschland zwar ernst, aber nicht hoffnungslos.

Technische Definition einer Rezession wäre erfüllt

Nach dem überraschend starken Wachstum von 1,5 Prozent im ersten Quartal (gemessen zum Vorquartal) ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal vermutlich nicht gestiegen, sondern geschrumpft. In den Berliner Ministerien raunen sich besorgte Beamte schon Zahlen von minus 0,8 Prozent und mehr zu – die erste Schätzung der Statistiker kommt in drei Wochen. Im Sommer ist abermals ein leicht negatives Wachstum nicht ausgeschlossen, womit die technische Definition einer Rezession auch hierzulande erfüllt wäre. Doch wäre das keine Katastrophe, sondern eher als Rückprall nach der Höchstleistung zu Jahresbeginn zu verstehen. Wie es dann weitergeht? Die Bundesbank glaubt, dass sich im Herbst die konjunkturelle Dynamik wieder erholt; viele Bankökonomen sind pessimistischer.

Ohne Zweifel weht der deutschen Wirtschaft ein zunehmend frostiger Wind entgegen. Die Immobilien- und Finanzkrise hat nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern jetzt auch Großbritannien schwer getroffen, wenn auch die Wirtschaft in Amerika an der befürchteten Rezession noch gerade vorbeikommen könnte. Insgesamt lässt das Wachstum der Weltwirtschaft nach fünf Jahren Aufschwung deutlich nach. Zusammen mit der starken Aufwertung des Euro bedeutet dies schlechte Exportchancen für deutsche Unternehmen. Erste Bremsspuren zeigen sich in der Ausfuhrstatistik.

Vom Ölpreis geht die größte Gefahr aus

Die größte Gefahr für die Konjunktur ist indes der Anstieg des Ölpreises, der von Jahresbeginn bis Anfang Juli um gut 50 Prozent auf 150 Dollar je Barrel gestiegen, seither aber wieder auf 125 Dollar gefallen ist. Die abrupte Korrektur des Ölmarktes zeigt, dass nicht allein fundamentale Gründe – die Nachfrage der Schwellenländer wie China und Indien – die Rohstoffpreise getrieben haben. Zum Teil waren spekulative Übertreibungen dabei.

Die Verteuerung der importierten Energie- und Rohstoffprodukte entzieht der deutschen Volkswirtschaft, letztlich aber den Verbrauchern mehr Kaufkraft als die Mehrwertsteuererhöhung. So ist es kein Wunder, dass der private Konsum schwach bleibt. Der steile Anstieg der Importpreise bedeutet einen Wohlstandsverlust des Inlands gegenüber dem Ausland. Gern würden die Gewerkschaften als Ausgleich für den Anstieg der Lebenshaltungskosten höhere Löhne fordern. Doch setzten sie damit die gefürchtete „Lohn-Preis-Spirale“ in Gang und zwängen die Europäische Zentralbank (EZB), auf die Bremse zu treten.

Bislang hat die EZB in der Finanzkrise recht besonnen reagiert. Sie hat Banken vorübergehend Liquidität zur Verfügung gestellt, aber anders als die amerikanische Notenbank Fed nicht die Geldschleusen durch drastische Leitzinssenkungen geöffnet. Die Fed hat hingegen in fast panischen Schritten den Leitzins von 5,25 auf 2 Prozent gesenkt. Sie scheint klamme Banken auf Kosten einer allgemeinen Inflation retten zu wollen, was aber mittelfristig zu neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft führen dürfte. Die Strategie der Amerikaner, mit viel billigem Geld, Staatsschulden und Steuerschecks die sterbende Konjunktur wiederzubeleben, geht derzeit scheinbar auf – sie könnte sich aber später bitter rächen.

Inflation wird ein globales Problem

Inflation, bedingt durch ein Aufblähen der Geldmenge, wird in Zeiten der Globalisierung ein globales Problem. Eine Zentralbank allein kann den Preisdruck nicht eindämmen, dazu müssten EZB und Fed zusammenspielen. Die laxe Geldpolitik in Amerika war ein Grund für das Aufpumpen der Immobilienpreisblase – doch um der kurzfristigen Rettung willen scheint man den Fehler abermals zu begehen; neue Preisblasen an den Rohstoffmärkten sind sichtbar. Auch der deutschen Konjunktur wäre nicht geholfen, wenn Inflationsrisiken vernachlässigt werden, um Nachfrageimpulse zu geben.

Es ist eine Lehre der siebziger Jahre, dass Inflationsbekämpfung desto schmerzhafter wird, je länger man damit wartet. Noch etwas sollte die Politik gelernt haben: Kurzfristige Programme zur Belebung der Konjunktur, in der Bundesregierung schon wieder im Gespräch, helfen meist wenig, sondern treiben die Staatsverschuldung – und schwächen auf diese Weise dauerhaft die Wachstumskräfte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3