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Interview mit Ulrich Wickert : „Die Franzosen befinden sich in einer Identitätskrise“

  • -Aktualisiert am

Ulrich Wickert im Oktober 2017 auf der 69. Frankfurter Buchmesse Bild: dpa

Vor 55 Jahren haben De Gaulle und Adenauer mit dem Élysée-Vertrag den Grundstein für die deutsch-französische Zusammenarbeit gelegt. Frankreich-Kenner Ulrich Wickert über den Stand der Beziehungen heute – und eine Neuauflage des Vertrags.

          Herr Wickert, Sie haben lange Zeit in Frankreich gelebt, mehrere Bücher über das Land geschrieben und das ARD-Studio in Paris geleitet – kennen Frankreich daher bestens. Hätte man sich 1963 vorgestellt, dass sich das deutsch-französische Verhältnis zum aktuellen Status quo entwickelt?

          In der Politik und der Geschichte gibt es keinen Status quo. Es gibt immer wieder Entwicklungen, die davon abhängen, welche Personen handeln. Wenn wir uns die letzten zehn Jahre anschauen, dann sehen wir, dass zu Zeiten von Nicolas Sarkozy und François Hollande die Beziehungen nicht besonders gut gewesen sind, obwohl Letzterer immer gesagt hat, er ließe einen neuen Élysée-Vertrag ausarbeiten. Mit Macron haben wir nun einen Präsidenten auf französischer Seite, der sich ganz bewusst zur deutsch-französischen Zusammenarbeit bekennt und dies auch bereits im Wahlkampf getan hat – was für ihn riskant war. Aktuell leidet er darunter, dass in Deutschland keine Regierung da ist, die mit ihm zusammen Europa weiterentwickelt.

          Der Élysée-Vertrag hat die beiden Nachbarn nach langer „Erbfeindschaft“ und verheerenden Kriegen immer mehr zusammengeführt. Dennoch sagte Macron: „Unser Verhältnis braucht noch mehr Vertrauen“. Was steht weiterem Vertrauen noch im Weg?

          Das Wort Erbfeindschaft gehört Gott sei Dank in die Schatztruhe der Vergangenheit. Vertrauen ist in der Politik unheimlich wichtig. Man kann sich nur weiterentwickeln, wenn man dem Anderen vertraut, dass er nicht in die eigenen Geschäfte „reinregiert“. In den letzten Jahren gab es zwischen der deutschen und der französischen Seite klare Unterschiede bezüglich der Vorstellungen, wie Europa sich weiterentwickeln soll. Auch wenn die Frage der Schuldenkrise vordergründig mit Griechenland zu tun hatte, schwankte im Hintergrund immer mit, dass Frankreich die von der EU vorgegeben Defizitkriterien immer noch nicht einhielt. Darauf hat Macron schon sehr klug im Wahlkampf reagiert und gesagt: „Wir müssen erst einmal unsere europäischen Hausarbeiten machen, bevor wir mit den Deutschen weitermachen können“. Er geht damit in Vorleistung, um Vertrauen aufzubauen, und will signalisieren: „Ihr Deutschen könnt uns darin vertrauen, dass wir jetzt auch die Regeln einhalten“.

          Nach der Unterzeichnung: Bundeskanzler Konrad Adenauer (l.) und der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle (r.) am 22. Januar 1963

          55 Jahre später wünschen sich viele Franzosen einen Präsidenten wie De Gaulle zurück, der mit einer Mischung aus Führung und Repräsentation „Frankreich als Idee“ denkt. Kann Macron das leisten?

          Im Augenblick zeigt er, dass er auf gutem Weg dazu ist, dies zu tun. Erstens führt er wirklich politisch. Er versucht Frankreich zu modernisieren und zu reformieren, was ihm bisher gelingt. Zweitens hat er Frankreich in die Weltpolitik zurückgeführt, so empfinden es die Franzosen. Sie sind dadurch befriedigt und sagen: Frankreich spielt wieder eine Rolle. Das hat Frankreich zu Zeiten von Sarkozy und Hollande nicht mehr getan. Die Art und Weise, wie Macron dies alles tut, orientiert sich an De Gaulle. Das Interessante ist: Der Enkel von De Gaulle hat inzwischen auch gesagt: „Das ist ein Präsident der De Gaulles Vorbild folgt.“

          55 Jahre Élysée-Vertrag: Sehen Sie hier die Feierlichkeiten im Bundestag in unserem Livestream.

          Könnte Frankreich mit Macron bald wieder von „La Grande Nation“ sprechen?

          Nein, das tun die Franzosen seit Ewigkeiten nicht mehr, das machen nur die Deutschen. Die Franzosen empfinden sich seit Langem nicht mehr als Grande Nation, vielmehr befinden sie sich wegen des Wissens darum in einer Identitätskrise. Seit über 100 Jahren spielt die französische Sprache nicht mehr die primäre Rolle in Europa und in der Welt, was sie über Jahrhunderte tat. Spätestens seit dem zweiten Weltkrieg sind die Franzosen zudem keine Großmacht mehr.

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