06.01.2004 · Die Ausbildung an deutschen Privathochschulen ist hochspezialisiert. Die Schulen sind aufwendig ausgestattet und bieten ein straff organisiertes Studienkonzept - Jobgarantie inklusive.
Von Heike SchmollNoch im vergangenen Jahr war Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) der Überzeugung, Bildung dürfe nicht dem Handel überlassen werden, und warnte vor den erheblichen Wirtschaftsinteressen bei den internationalen privaten Hochschulen Deutschlands. "Degree mills", also Titel-Fabriken, hätten in Deutschland keinen Platz. Nun will Frau Bulmahn sogar zwei Drittel der Forschung privat finanzieren und im öffentlichen Bereich etablieren, was sich privat wachsender Beliebtheit erfreut.
Doch ob die privaten Hochschulen in Deutschland auch wirklich eine Elite ausbilden, das läßt sich nicht an deren zweifellos härteren Aufnahmebedingungen ablesen, sondern wird sich erst in einigen Jahren erweisen. Eines jedenfalls steht jetzt schon fest: Mit Humboldts Wissenschaftsideal haben die meisten der privaten Hochschulen nur noch wenig zu tun. Es geht um jene effiziente Wissenschaft, die wirtschaftlichen Erfolg, aber nicht unbedingt Bildung in Humboldts Sinne garantiert. Mit der Freiheit eines geisteswissenschaftlichen Studiums haben die verschulten Studiengänge der zumeist betriebswirtschaftlichen Privathochschulen wenig zu tun. Sie bieten kurze, international ausgerichtete und praxis- sowie leistungsbezogene Studiengänge an.
Begabt und zahlungsfähig
Im Unterschied zu den staatlichen Universitäten können die Privathochschulen ihre Studienbewerber und ihre Hochschullehrer selbst aussuchen, Studiengebühren verlangen und vor allem für erstklassige Arbeitsbedingungen sowie Betreuung sorgen. Ihre Professoren werden leistungsbezogen bezahlt, auf Tarifrecht oder Beamtenklauseln braucht niemand Rücksicht zu nehmen.
Nach einem regelrechten Gründungsaufbruch in den neunziger Jahren gibt es inzwischen nahezu fünfzig private Hochschulen, die insgesamt fast 40.000 Studenten ausbilden. Weitere 200 Anträge auf Neugründungen liegen den Wissenschaftsministerien vor. Gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden (1,8 Millionen) ist das eine verschwindende Minderheit. Aber es seien die besten, die begabtesten und nicht immer auch die zahlungsfähigsten, versichern die privaten Hochschulen.
Alles hochspezialisiert
Viele Abiturienten, zunehmend von den Massenuniversitäten abgeschreckt, versprechen sich von den privaten Hochschulen nicht nur eine solide Ausbildung, sondern vor allem den Zugang zur späteren Arbeitsstelle durch frühzeitige Kontakte zu den Führungsetagen und individuelle Förderung. Doch darin liegt das Dilemma der deutschen Privathochschulen. In den meisten Fällen handelt es sich um reine Ausbildungsstätten, kaum eine investiert in Forschung. Wer als Hochschullehrer jedoch einen Namen hat, hat ihn als Forscher erworben und bleibt wenige Jahre auf einer gut dotierten Dozentenstelle, um diese dann wieder zu verlassen.
Zu den führenden Privathochschulen zählen die Bucerius Law School (Rechtswissenschaft) in Hamburg, die European School of Management (Betriebswissenschaft) in Berlin, die European Business School (Betriebswirtschaft) in Schloß Reichartshausen, Oestrich-Winkel, das International Department (Ingenieurwissenschaft) in Karlsruhe sowie das Stuttgart Institute of Management and Technology. Bis auf die International University Bremen hat bisher kaum eine private Hochschule versucht, ein größeres Fächerspektrum abzudecken, die meisten sind hochspezialisiert.
Von der Wirtschaft unterstützt
Die erste private Universität nach amerikanischem Muster, die International University Bremen (IUB) gibt es jetzt seit gut zwei Jahren. Derzeit sind 572 Studierende eingeschrieben. Bis 2005 sollen es nach Angaben der Universität 1.200 der begabtesten Gymnasiasten sein. Entscheidend für die Aufnahme ist neben international anerkannten Eignungstests und dem Nachweis englischer Sprachbeherrschung auch die Qualität schulischer Abschlüsse. Das Land Bremen unterstützte das Projekt mit rund 118 Millionen Euro schon als Anschubfinanzierung, worauf nahezu alle privaten Hochschulen hoffen. Die Studiengebühr beträgt 15.000 Euro im Jahr.
Das Auswahlverfahren berücksichtigt die finanzielle Situation der Bewerber zunächst nicht. Ein System aus Stipendien und Darlehen stellt sicher, daß alle geeigneten Bewerber ein Studium aufnehmen können. Auch die bremische Wirtschaft unterstützt die IUB. Nach Angaben der Handelskammer übernehmen viele Firmen Jahresstipendien für Studenten. Studien- und Forschungsschwerpunkte sind Ingenieur- und Naturwissenschaften, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Studienabschlüsse sind anerkannte Bachelor-, Master- und Doktorgrade. Die Unterrichtssprache auf dem 30 Hektar großen Campus, einer ehemaligen Bundeswehrkaserne, ist Englisch. Welche Chancen die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt haben, muß sich noch zeigen.
Freiheit der Forschung
Nicht jede Privathochschule kann ihr selbstverliehenes Elite-Etikett auch erfolgreich verteidigen, wenn sie evaluiert wird. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat schon vor zwei Jahren eine allzu starke fachliche Spezialisierung kritisiert und eklatante Mängel entdeckt. In den Vereinigten Staaten mit ihrer ganz anderen Hochschultradition gibt der Staat, gemessen am Bruttoinlandsprodukt erheblich mehr Geld für Hochschulen aus als der deutsche. In gleicher Höhe kommen private Mittel hinzu, wobei diese weniger von Unternehmen als von reichen Privatleuten stammen.
Sobald aber die Abhängigkeit einer privaten Hochschule von einem Unternehmen zu groß wird, ist die Freiheit der Forschung bedroht, das hat sich auch in Amerika längst gezeigt. In Berkeley etwa hatte ein Chemiekonzern eine Abteilung unter der Bedingung unterstützt, daß ein Teil der Forschungsergebnisse exklusiv ausgewertet werden konnte.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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