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Elite Bildungsferne Schichten

Die Elite ist nicht allein an ihrem Einkommen messbar - ebenso gehören Bildung und Anstand dazu. Integrationsverweigerer ziehen sich durch alle sozialen Schichten. Und Sozialschmarotzer tragen nicht nur Trainingsanzug, sondern auch Nadelstreifen.

Wir dürfen den Begriff der ,bildungsfernen Schichten' nicht akzeptieren.“ Diese Forderung hat natürlich kein Politiker oder Sozialforscher aufgestellt. Er würde sich ja selbst die Geschäftsgrundlage entziehen, denn er lebt von solchen Phänomenen. Nein, den Satz sagte unlängst recht erregt Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio auf der Buchmesse. Sein Großvater wanderte als Stahlarbeiter ins Ruhrgebiet ein, sein Vater war Bergmann und kämpfte im Zweiten Weltkrieg für Deutschland, Di Fabio selbst machte den Realschulabschluss und wurde Verwaltungsbeamter im mittleren Dienst, was er jahrelang auch blieb.

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Waren diese Auswanderer aus den Abruzzen „bildungsfern“? In Amerika sieht man das anders: Dort wurde Di Fabio einmal als deutscher Verfassungsrichter mit amerikanischem Lebensweg vorgestellt. Die Deutschen dagegen, so gleichheitsliebend sie sich in Umfragen auch geben mögen, denken auch hundert Jahre nach der Abschaffung der Stände gern in Schichten. Viele halten angeblich die Schichten für so festgefügt, dass sie nicht mehr an die Möglichkeit eines „Aufstiegs“ von unten nach oben glauben. Offenbar hält sich sogar in einer vom Ausland oft für egalitär gehaltenen Gesellschaft eine Art Kastendenken.

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Zur Elite gehört auch Anstand und Bildung

Nun ist es jedem unbenommen, sich individuell oder auch gruppenweise von anderen abzugrenzen. Sei es durch gemeinschaftliches Grillen oder gemeinsam zelebriertes Abknallen von Tieren. Mit „oben“ und „unten“ hat das noch nichts zu tun. Allerdings besteht durchaus ein Bedürfnis, sich dabei auf dieser Skala einzuordnen. Jeder scheint zu wissen, was die „Unterschicht“ ausmacht - und in aller Regel will er nicht dazugehören. Dabei werden die Schichten gern über Einkommen und Vermögen definiert, man braucht ja schließlich einen objektiven Maßstab. Manche zählen schon Eheleute, die knapp 1400 Euro netto im Monat verdienen, zur Oberschicht - die dann freilich recht breit ist.

Doch selbst wenn man die Oberschicht erst von einem Monatseinkommen von 50 000 Euro an beginnen ließe: Gehört nicht noch etwas anderes dazu? Ganz gewiss, wenn diese Schicht den Anspruch erhebt, Elite zu sein: Das schließt auch Verantwortung und Bildung ein. Dann steht man freilich vor dem Problem, dass Bildung und Einkommen nicht selten auseinanderdriften. So gibt es ziemlich reiche Anwälte oder Ärzte, die ziemlich bildungsfern sind. Und es gibt gelehrte, recht umfassend gebildete Menschen, die gerade so eben ihre Familie über Wasser halten können.

Natürlich kann man sich auch nach anderen Kriterien richten: So ist erstaunlich, wie stark auch sonst sehr fortschrittlich gesinnte Medien personalpolitisch alten, längst offiziell abgeschafften Herkunftsprivilegien huldigen - die Fixierung auf Hautfarbe oder Geschlecht ist dagegen aus der Mode gekommen. Bedenklich ist es in jedem Fall, wenn sich ganze Gruppen in ihrer Lage einrichten, sich abschotten. Auch das ist ein Integrationsproblem. Di Fabio vermisst das Ethos und den - von ihm vielleicht etwas überhöhten - Bildungsenthusiasmus der preußischen Reformer: „Jeder kann es schaffen.“

Viele Arten von Integrationsverweigerern

Das muss man auch denen zurufen, die am oberen Ende der Einkommensskala stehen. Denn auch hier hat sich eine Gruppe gebildet, die sich der Integration entzieht. Die ihre Kinder auf teure internationale Schulen schickt und sich dann wundert, dass sie die deutsche Sprache langsam verlernen. Manche globalisierungsgeängstigten Eltern sprechen, wenn überhaupt, nur noch (gekünsteltes) Englisch mit ihren Kindern und überlassen sie ansonsten der Sorge von Hilfskräften. Man bleibt unter sich. Davon herrührende Auffälligkeiten werden dann mit Psychologen und Pillen eingedämmt. Wo bleiben eigentlich in solchen Fällen von Verwahrlosung die Jugendämter?

Hier fehlt offenbar der Wille zum „Aufstieg“ in bessere, nämlich halbwegs vernünftige Kreise. Dieser Wille zum Ausbrechen aus dem bisherigen Trott wird ja oft denjenigen abgesprochen, die dauerhaft von Hartz IV leben. Solche Fälle gibt es ohne Zweifel nicht wenige - und es ist eine wichtige Aufgabe eines Staates, der sich sozial nennt, jeden sein Potential ausschöpfen zu lassen. Es gibt aber auch am anderen Rand der Gesellschaft Mitbürger, die isoliert sind und von denen auch manche auf Kosten der Allgemeinheit leben. Sie scheinen den Staat und seine Regeln nicht zu brauchen.

Sozialschmarotzer tragen nicht nur Trainingsanzug, sondern auch Nadelstreifen. Ihr Handeln muss nicht gleich eindeutig illegal sein. Aber gerade wer sich als Führungskraft oder Teil einer Elite einer Gesellschaft versteht, die maßgeblichen Anteil am eigenen Wohlergehen hat, muss sich an diesem Anspruch messen lassen. Steuerflucht ist jedenfalls kein geringeres Übel als die Weigerung, jede Arbeit anzunehmen. Also muss auch diese Gruppe integriert werden. Es stimmt schon: Letzten Endes muss man hier hart durchgreifen. Das gilt aber für alle Arten von Integrationsverweigerern.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.10.2010, 16:05 Uhr

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