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Elisabeth Noelle zum Neunzigsten Erkunderin der Öffentlichkeit

19.12.2006 ·  Als Pionierin der Demoskopie wurde sie zu einflußreichsten Frau der Bundesrepublik. Sie beriet die Kanzler Andenauer und Kohl. Ihr bekanntestes Werk, „Die Schweigespirale“, ist in zwölf Sprachen erschienen. Heute wird Elisabeth Nolle 90 Jahre alt.

Von Georg Paul Hefty
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Sie hatte nie ein öffentliches Amt inne, aber die Öffentlichkeit stets auf ihrer Seite. Daß sie zunächst die Meinung der Bevölkerung erkundete (in ihrer Wortwahl: erfragte), die öffentliche Meinung dann kundtat, also in gestraffter und mit Zahlenkolonnen untermauerter Form publizierte, und schließlich auch für die Öffentlichkeit schlechthin, zumal für ihren sonst eher schweigenden Teil sprach, machte Elisabeth Noelle zur einflußreichsten Frau im ersten halben Jahrhundert der Bundesrepublik Deutschland.

Begründet hatte sie ihren Einfluß mit einem auf dem Felde der Gesellschaft und der Politik sonst eher minder durchsetzungsfähigen Instrumentarium, dem der Sozialwissenschaften. Erfolg aber hatte sie nicht (nur) wegen ihrer Beständigkeit und ihres Fleißes, den sie für einen Wissenschaftler als „ungeheuer wichtig“ einschätzt, sondern mit ihrer überall aufblitzenden und an Tausenden Stellen nachlesbaren Originalität - und die ist mehr und vielseitiger und bunter als die heute rituell hochgelobte, allerdings vorwiegend zweckgerichtete und zweckdienliche Kreativität.

Von ihren Eltern mehr liebevoll ertragen als erzogen

Die Tochter eines Berliner Fabrikanten und Enkelin eines Industriellen und eines Bildhauers wollte offenbar von Kindesbeinen an das werden, was später wissenschaftlich Meinungsführer genannt wurde. Mit elf Jahren machte sie eine Schulzeitung und sagt nun rückblickend auf ihr Berufsleben: „Ich habe immer die Dinge geleitet.“ Ihren Eltern war sie bald pädagogisch entglitten, sie wurde mehr liebevoll ertragen als erzogen, denn sie strotzte vor Selbstvertrauen, für sie bis heute „das Zentrum eines glücklichen Lebensgefühls“.

Vor dem Abitur wählte sie sich nach mißglückten anderweitigen Versuchen selbst den Schulort und die Wohnung, nach der Reifeprüfung bereiste sie den Balkan. Nach einem Studienjahr in den Vereinigten Staaten reiste sie allein über Mexiko, Japan, Korea, die Mandschurei, China, die Philippinen, Sumatra, Ceylon und Ägypten nach Hause. Bei ihrer Ankunft war sie 23 Jahre alt. Daher klingt es gar nicht akademisch, wenn sie der Anschaulichkeit zuliebe sagt, die Kräfte wüchsen „an der Eigernordwand“.

Das Institut für Demoskopie leitet sie bis heute

Ihre Liebe galt dem Journalismus, sie arbeitete bei der Zeitung „Das Reich“, danach in der „Frankfurter Zeitung“ als Redakteurin und des weiteren in einem „kleinen weißen Haus am Bodensee“. In diesem begann sie mit ihrem ersten Mann Erich Peter Neumann die in Amerika erprobte Idee zu nutzen und zu verfeinern, die Meinung großer Menschengruppen oder ganzer Bevölkerungen auf eine Weise zu erheben, die trotz einer beschränkten Zahl von Befragten für das Ganze „repräsentativ“ und für die Auftraggeber bezahlbar ist. 1948 gründete sie das Institut für Demoskopie Allensbach; sie leitet es bis heute, seit 1988 gemeinsam mit Renate Köcher.

1972 führte sie dem ganzen Land vor, wozu das Institut und das Fach in der Lage sind: Sie lieferte zum ersten Mal in Deutschland eine Wahlprognose, die ganz nah am tatsächlichen Ergebnis lag. Damit machte sie Schule und fand viele, die es in den weiteren Jahrzehnten ihr nachmachen wollten. Zugleich fand sie unter Politikern immer mehr offene Ohren. Dem CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler Kohl wurde sie zur Ratgeberin; während sie von Marxisten angefeindet wurde, lieferte sie Daten, die zeigten, daß die Bevölkerung entgegen der vielfach veröffentlichten Meinung am Ziel der deutschen Einheit festhalte.

Die Professorin, die an in- und ausländischen Universitäten gelehrt und wissenschaftliche Gesellschaften geleitet hat, schrieb Hunderte von Aufsätzen und eine Reihe aufsehenerregender Bücher. Ihr bekanntestes Werk, „Die Schweigespirale“, ist in zwölf Sprachen erschienen. Unverminderte Aufmerksamkeit ist weiterhin ihren Beiträgen zu den Allensbacher Monatsberichten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sicher. An diesem Dienstag begeht Elisabeth Noelle in Allensbach ihren neunzigsten Geburtstag.

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Jahrgang 1947, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Zeitgeschehen“.

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