22.11.2004 · Nach der Flucht der Franzosen aus der Elfenbeinküste liegt die Wirtschaft am Boden, und Präsident Gbagbo verbreitet Lügen und falsche Schuldzuweisungen. Manche Ivorer sprechen von einem „ethnisch motivierten Bürgerkrieg“.
Von Thomas Scheen, Abidjan"Was haben wir eigentlich verbrochen, um so einen Präsidenten zu haben?" fragt Joseph. Der Polizeioffizier heißt zwar eigentlich anders, doch wer wie er die antifranzösische Raserei vor zwei Wochen verurteilt und den Präsidenten des Landes, Laurent Gbagbo, für einen "gefährlichen Verrückten" hält, tut gut daran, seine Kritik hinter falschem Namen zu verbergen.
Der Präsident, von dem Joseph spricht, hat an den Sicherheitskräften vorbei eine ethnische Miliz aufgebaut, die "Jeunes Patriotes", die plündernd und brandschatzend durch Abidjan zogen und Jagd auf Weiße machten. Denn sie gestanden es der französischen Armee nicht zu, in Notwehr gehandelt zu haben, nachdem neun ihrer Soldaten bei einem ivorischen Luftangriff ums Leben gekommen waren. Die Miliz, die mit Trillerpfeifen durch die Armenviertel zog und Geld verteilte, um neue Schläger zu rekrutieren, schlug alles kurz und klein, was auch nur entfernt mit Frankreich zu tun hat. 9.000 Europäer flohen, darunter 8.300 Franzosen. Damit brachen die Jeunes Patriotes ganz nebenher das wirtschaftliche Rückgrat der einst wohlhabenden Elfenbeinküste. "In spätestens fünf Monaten", sagt Joseph, "bekomme ich kein Gehalt mehr, und das habe ich dann Herrn Gbagbo zu verdanken."
Kompletter Realitätsverlust
Abidjan erwacht in diesen Tagen aus einem Albtraum. Doch die bösen Geister wollen nicht weichen. Mit der Flucht der Franzosen sind über Nacht Tausende Arbeitsplätze verschwunden. Die Industrie im Hafen produziert nichts mehr, weil die Manager geflüchtet sind. Die mittelständischen Betriebe sind, wenn sie nicht geplündert wurden, geschlossen. "Der Chef ist auf Reisen", sagen die ivorischen Angestellten verschämt. Sie haben nichts mehr zu tun und halten nur deshalb die Stellung, weil sie auf den Scheck zum Monatsende hoffen. Die großen Supermärkte der Stadt sind gespenstisch leer, die Restaurants demoliert. Die Hotels der Stadt bieten starke Preisnachlässe. Doch es kommt kein Reisender mehr.
In der vergangenen Woche appellierte Gbagbo an die französischen Unternehmer, nach Abidjan zurückzukehren, "im gegenseitigen Interesse", wie er sagte. Der Anführer seiner Miliz, Charles Blé Goudé, bot gar an, die Sicherheit der Ausländer durch Jeunes Patriotes zu gewährleisten. Die Reaktion der wenigen in Abidjan verbliebenen und mittlerweile schwer bewachten und bewaffneten französischen Unternehmer war einhellig: Sie warfen dem ivorischen Präsidenten "blanken Zynismus" und "kompletten Realitätsverlust" vor.
Nie mehr zurück
Schon jetzt beträgt die Arbeitslosigkeit gut fünfzig Prozent. Bislang waren es französische Unternehmen oder Unternehmen mit französischem Kapital, die 54 Prozent des ivorischen Steueraufkommens bestritten. Alleine in Abidjan beschäftigen französische Firmen knapp 40.000 Menschen. Dabei ernährt jeder Afrikaner, der Arbeit hat, im Durchschnitt zehn weitere Personen. Die Rechnung ist ebenso einfach wie erschreckend: Ende dieses Monats werden mehrere hunderttausend Menschen in Abidjan kein Geld mehr haben.
Dabei sind es gar nicht einmal die großen französischen Gruppen wie Bolloré, Bouygès oder France Telecom, die den Hauptanteil der Arbeitsplätze stellen. Es sind vielmehr die auf mehr als tausend geschätzten kleinen und mittleren Betriebe in französischer Hand, die das Rückgrat der ivorischen Wirtschaft bildeten. Die dort tätigen Handwerker, Händler, Makler, Ärzte und Kleinunternehmer mußten häufig mit dem fliehen, was sie gerade am Leib trugen. Sie werden nicht mehr zurückkommen. Aus Angst und aus ganz pragmatischen Gründen: Die vier französischen Schulen in Abidjan wurden niedergebrannt, wohin also sollen sie ihre Kinder schicken?
Ein Land in Geiselhaft
"Ça va aller", trösten sich derweil viele Ivorer. Viele von ihnen bemühen Scheinwahrheiten, um das eigene Versagen angesichts einer Regierung zu verbergen, die mit Methoden, die an die deutschen Nationalsozialisten erinnern, ein ganzes Land in Geiselhaft hält. Eine dieser vermeintlichen Wahrheiten ist, daß es Rebellen aus dem Norden gewesen seien, die in der Nacht vom 6. auf den 7. November plünderten und brandschatzten. Die neueste Variante zur Abwandlung der Wahrheit lautet, die aus dem Zentralgefängnis entwichenen 4.000 Häftlinge seien für die Tumulte und die Vergewaltigungen verantwortlich. Das behauptet nicht nur Gbagbo, sondern das erzählen auch die Polizisten und Gendarmen, die bei den Plünderungen ganz vorne mit dabei waren und erst abließen, als sie von französischen Soldaten unter Feuer genommen wurden.
Angesichts der scharfen UN-Sanktionen gegen die Elfenbeinküste und der Verurteilung durch die Afrikanische Union (AU) versucht sich Gbagbo derweil als Versöhner. Ende vergangener Woche tagte seit langer Zeit wieder einmal das Allparteienkabinett unter dem Ministerpräsidenten Seydou Diarra. Die neun aus der Rebellion stammenden Minister blieben der Sitzung fern, die Oppositionspartei "Rassemblement des Républicains" (RDR) schickte zwei ihrer sieben Minister. Die beiden sollten ausprobieren, ob man als Mitglied der Opposition körperlich unversehrt bis in den Sitzungssaal gelangen kann. Die Parteizentrale der RDR und die Redaktionen der ihr nahestehenden Zeitungen wurden niedergebrannt.
Krieg der ethnischen Gruppen
Die wichtigste Politikerin der Partei und Justizministerin der Übergangsregierung, Henriette Diabaté, lebt mittlerweile in der amerikanischen Botschaft. Ministerpräsident Diarra muß sich hinter einer umfangreichen Leibwache der Vereinten Nationen vor den Schlägern seines eigenen Präsidenten verstecken. Gleichwohl glauben innerhalb der UN-Mission in der Elfenbeinküste immer noch einige, daß es 2005 freie und faire Wahlen geben könnte.
Immerhin hat der Kakaosektor seine Arbeit wiederaufgenommen. Auf 1,4 Millionen Tonnen wird die Ernte in diesem Jahr geschätzt. Mit dem Erlös wird Gbagbo noch eine Zeitlang die Gehälter der Beamten bezahlen können, zwei Monate, vielleicht drei. Dann ist Schluß. "Die Kassen sind leer, wirklich leer", sagt ein Beamter des Finanzministeriums. Wie wird es weitergehen? "Es wird eng für Gbagbo und seine Bétés", sagt der Polizist Joseph. Er gehört zur Ethnie der Baoulés, der neben den Dioulas aus dem Norden stärksten ethnischen Gruppe des Landes.
Die Baoulés haben sich bisher herausgehalten aus dem Streit zwischen den Bétés, die in Abidjan an allen Schaltstellen sitzen und die meisten der Jeunes Patriotes stellen, und den Dioulas, die offen die Rebellen im Norden unterstützen. Doch das sei angesichts der sich abzeichnenden Katastrophe in der Elfenbeinküste vorbei, sagt Joseph. Was heißt das? "Das heißt, daß wir die Bétés daran hindern werden, unser Land zu ruinieren." Ein ethnisch motivierter Bürgerkrieg? Joseph winkt ab. "Den haben wir doch längst."
Nach den Plünderungen verbreiten Präsident Gbagbo und seine Anhänger Lügen und falsche Anschuldigungen. Seine Kritiker sprechen indes von einem "ethnisch motivierten Bürgerkrieg".
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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