03.11.2003 · Von "Kainszeichen" und "Judaskuß" sprechen viele, aber den biblischen Ursprung dieser Worte kennt kaum jemand - dagegen will die EKD jetzt vorgehen.
Von Heike Schmoll, TrierZuletzt hat es die Mitgliedsbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gezeigt: Nur für 20 Prozent der evangelischen Christen gehört die Bibellektüre zum Evangelischsein. Von der reformatorischen Entdeckung des Schriftprinzips (sola scriptura) haben sie sich weit entfernt. Das gilt aber nicht nur für evangelische Kirchenmitglieder und die Distanzierten. Es gab kaum eine Zeit, die so bibelfern war wie die gegenwärtige. Längst nicht mehr alle jüngeren Menschen verstehen die in der Sprache allgegenwärtigen Anspielungen auf biblische Texte wie "Kainszeichen" und "Judaskuß" oder die sprichwörtlichen "Perlen vor die Säue".
Außerhalb der Wahlen zum höchsten Leitungsgremium der EKD, dem Rat, hat sich die Synode in Trier deshalb dem Schwerpunktthema "Bibel im kulturellen Gedächtnis" zugewandt. Es ist überzeugend, daß sie dazu einen gesamtkulturellen und keinen innerkirchlichen Zugang gewählt hat. Denn mit der wachsenden Bibelignoranz geraten nicht nur Kirchen und Christentum in Schwierigkeiten, sondern die gesamte Kultur. Ein kollektiver Gedächtnisverlust scheint zunehmend zu einem Analphabetismus zu führen, der unfähig ist, den Symbolgehalt in Literatur, Kunst und Musik überhaupt zu entziffern. Aber so wenig sprach- und traditionsbewußt Zeitgenossen auch sein mögen, sie wachsen, was immer sie von der Bibel als Glaubensgrundlage halten, in einer Kultur auf, die von der Bibel geprägt ist, von ihren sprachlichen Prägungen, Sinnsprüchen und Metaphern.
Menschheitserfahrung in verdichteter Form
In seinem Einführungsreferat hat der Leiter der Hauptredaktion beim Norddeutschen Rundfunk, Hanjo Kesting, deshalb einen literatur-, kunst- und musikgeschichtlichen Zugang zum Buch der Bücher gesucht. Allein im Gesamtwerk Bertolt Brechts macht das Verzeichnis der verwendeten Bibelstellen über 25 Seiten aus. Kesting rief deshalb dazu auf, sich den Zugang zur Bibel nicht durch die Erwartung religiöser Botschaften oder didaktische Absichten zu verstellen, sondern die literarische Annäherung an die Bibel zuzulassen. Kain und Abel, Hiob und Jona, Saul und David sind Grundtypen und Symbolfiguren, gleichsam Menschheitserfahrung in verdichteter Form. Die Bibel, so Kesting, durchdringe die gesamte Kultur so intensiv wie nicht einmal das einzige Gegenstück, das in Betracht komme, die Mythologie der griechisch-lateinischen Antike in der Überlieferung von Homer bis Ovid.
Im kulturellen Synkretismus sieht er die Vorrangstellung der Bibel: philosophisch, theologisch und künstlerisch. Zum Wesen des kulturellen Gedächtnisses gehört nach Kestings Verständnis die Veränderung und Neuinterpretation des Erinnerten. Nichts verstelle deshalb den Zugang zu biblischen Wahrheiten, die in Geschichten verhüllt und deshalb deutungsbedürftig sind, mehr als scheinbar einzige und "richtige" Interpretationen. Es gelte zunächst darauf zu vertrauen, daß biblische Texte "ihre Kraft und Schönheit und damit vielleicht auch ihre verborgenen Bedeutungen sich ins Innere des Lesers einsenken werden". Wenn der Transfer in die kulturelle Tradition nicht mehr gelinge, dann bleibe es bei der Vergangenheitsbetrachtung, die Zukunftsfähigkeit biblischer Texte bliebe außer Betracht.
Gottes Wort aber Menschenwerk
"Biblische Geschichten zerreißen den bequemen kulturellen Schleier, sie festigen ihn nicht", wandte ein Synodaler ein. Ohne den Gebrauch des Verstandes könne auch das Gedächtnis nicht wirksam werden, wandte der Münsteraner Systematiker Michael Beintker ein. In der Aussprache zeigte sich deutliches Unbehagen darüber, daß die Bedeutung der Bibel auch unter Christen auf eine kulturelle Reminiszenz begrenzt werden könne. Der weite kulturelle Horizont, der sich als Zugang auch außerhalb der Kirche eignet, war den meisten fremd - auch eine Folge der protestantischen Bildungserosion? Es müsse doch deutlich die theologische Rolle der Bibel herausgearbeitet werden, wurde in Trier gefordert.
Um so verwunderlicher war, daß der Praktische Theologe Michael Schibilsky von der Heiligkeit der Heiligen Schrift und der Sehnsucht nach dem Heiligen mitten im Leben sprach. Diese Auffassung steht in tiefem Widerspruch zum reformatorischen Grundverständnis von Welt. Die Bibel enthält zwar das Wort Gottes, ist selbst aber Menschenwerk. Zum Schwerpunktthema plant die Synode eine sogenannte Kundgebung, also eine Erklärung, die hinterher den Gemeinden zur Verfügung gestellt wird. Um den Text wird in Trier in den kommenden Tagen gerungen.
"Biblische Geschichten zerreißen den bequemen kulturellen Schleier, sie festigen ihn nicht."
Ein Mitglied der Synode
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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