28.01.2010 · Ein Blick aufs Detail zeigt, dass die Theorie des „Partnering“ in Afghanistan bei der Übersetzung ins Deutsche überarbeitet werden muss. Auch Verteidigungsminister Guttenberg möchte das amerikanische Modell nicht „eins zu eins“ übernehmen.
Von Stephan LöwensteinAuf dem Foto ist ein amerikanischer Marineinfanterist in T-Shirt und Tarnhose zu sehen, der etwas schicksalsergeben auf einer Bank hockt und sich von einem bärtigen und strumpflosen afghanischen Soldaten das Haar schneiden lässt. Der Text neben dem Bild lautet: „Lebe mit den ANSF (afghanischen Sicherheitskräften), denen du als Partner zugeordnet bist.“ Ein anderes Bild zeigt afghanische Polizisten und amerikanische Uniformierte nebeneinander um einen Teppich bei der Mahlzeit und die Aufforderung: „Speise sooft du kannst gemeinsam mit den Afghanen, mit denen du zusammenarbeitest. Täglich ist akzeptabel.“
Die Bilder entstammen einem Folienvortrag amerikanischer Marineinfanteristen mit Lehren und Folgerungen zur Aufstandsbekämpfung in Afghanistan nach ihrem Einsatz in der Provinz Helmand. Sie zeigen, wie sich die Amerikaner das Miteinander mit den afghanischen Sicherheitskräften vorstellen, das sogenannte Partnering, und die „nichtkinetische“ (also ohne offensiven Waffeneinsatz) Präsenz in der Fläche: also jenes Konzept, das im Grundsatz nun auch der Bundeswehr für den Norden Afghanistans verordnet wird. In den Worten des Verteidigungsministers zu Guttenberg: „Partnering bedeutet insbesondere, Präsenz in der Fläche zu zeigen und durch die Präsenz in der Fläche - die keine offensive Präsenz ist, sondern mit Ausbildung und Schutz der Bevölkerung verbunden ist - Rückzugsräume für die Taliban zu minimieren und sie auch ein Stück weit zu isolieren von der Bevölkerung.“
Infiltration durch auswärtige Kämpfer verhindern
Allerdings zeigt ein Blick aufs Detail, dass die Theorie bei der Übersetzung ins Deutsche doch einige Änderungen erfahren soll. Wie Guttenberg im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt hatte, soll das amerikanische Modell nicht „eins zu eins“ übernommen werden. Was das heißt, wird nun deutlicher. Das betrifft Äußerlichkeiten, die Guttenberg mit dem Bild beschrieben hat, es gehe darum, gemeinsam den „Dienst“ zu verrichten, aber nicht, „Iso-Matte und Regenponcho“ mit den Afghanen zu teilen. Den Äußerlichkeiten entsprechen einige operative Unterschiede: So sollen die Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf in einer genau definierten „Fläche“ dauerhaft präsent sein. Sie sollen beispielsweise die Zugänge kontrollieren und so Infiltration durch auswärtige Taliban oder Al-Qaida-Kämpfer oder das Hereinbringen von Waffen möglichst verhindern.
Dazu werden kleine, vorgeschobene Stützpunkte mit Wänden aus Schuttkörben befestigt. Das Innere dieser „Fläche“ - deren Ausdehnung in den Darstellungen der Bundeswehr noch ziemlich unbestimmt klingt - soll regelmäßig „bestreift“, also kontrolliert werden. Das wiederum soll Aufgabe der afghanischen Kräfte sein. Nach dem amerikanischen Konzept des „Partnering“ würden die Isaf-Soldaten in etwa gleicher Stärke wie die Afghanen patrouillieren und den afghanischen Uniformierten zwar den Vortritt lassen, wenn ein Haus betreten wird, aber durchaus selber mitkommen.
Drei Schutzbataillone sollen in der Isaf-Region Nord nun gebildet werden, die für solche Aufgaben eingesetzt werden können: zwei von den Deutschen, eines von „Skandinaviern“; hauptsächlich den Norwegern. Das Bundeswehrkontingent soll um 500 Soldaten verstärkt werden. Damit dennoch 1400 Mann für diese Schutzbataillone zur Verfügung stehen, soll das Kontingent umstrukturiert werden. Wie das im Einzelnen aussehen wird, darüber sind die Angaben bislang noch eher verschwommen. Es seien alle bestehenden Posten - gleichsam vom Soldaten, der die Fitnessgeräte wartet, bis zur Poststelle - durchforstet worden, ob sie wirklich notwendig seien. Auch die Aufklärungs-Tornados in Mazar-i-Sharif wurden ins Auge gefasst. Letztlich wurden diese Aufgaben freilich für unentbehrlich befunden.
Die einzige von der Bundeswehr gestellte Fähigkeit, von der bislang ausdrücklich mitgeteilt wurde, dass sie aufgegeben werden soll, ist die Schnelle Eingreiftruppe (QRF). Mit diesem Schritt wird erläutert, weshalb der Charakter des Einsatzes nun defensiver sein solle. Tatsächlich war die QRF im vergangenen Jahr für Operationen eingesetzt worden, in denen aktiv gegen Taliban vorgegangen wurde. Sie war allerdings auch als Reserve für den Regionalkommandeur aufgestellt worden. Diese gilt aber Militärs als unentbehrlich. Schon am „Sandkasten“ lernt jeder Offizier, dass er, was immer er tut, stets eine Reserve einplanen müsse.
Das rückt die erhebliche Verstärkung in den Blick, die nun die Amerikaner im Norden vornehmen wollen: Von 5000 Soldaten ist die Rede, also ebenso vielen, wie die Bundeswehr künftig insgesamt entsenden will. Ebenso wichtig wie diese Zahl sind die 48 Hubschrauber, die die Amerikaner mitbringen: zum Transport, zur Rettung Verwundeter, aber auch Kampfhubschrauber. Erst diese Luftbeweglichkeit - auch bei Nacht, was die acht deutschen Transporthubschrauber nicht können - macht die beabsichtigte Dauerpräsenz in der Fläche möglich. Auch die Sicherung der Nachschubroute von Norden, für die gerade eine Vereinbarung mit Kasachstan unterzeichnet wurde, wird wohl von den Amerikanern übernommen werden.
Offengeblieben ist aber noch etwas: Die von den Marineinfanteristen beschriebenen „nichtkinetischen“ Operationen finden nach amerikanischer Definition in einer zweiten Phase statt, nach dem Freikämpfen (“clear“) eines Raumes. Ob nach dem neuen deutschen Konzept diese Phase auch stattfinden soll, davon war in den Verlautbarungen bislang nicht die Rede.