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Einfrieren von Eizellen : Kalte neue Welt

Behältnis zur Aufbewahrung von Eizellen Bild: Picture-Alliance

Amerikanische Internet-Giganten bieten ihren Mitarbeiterinnen an, das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen. Im Kampf um Talente erwecken sie die Illusion, Herr über das Leben zu sein. Dagegen wirkt die „Familienpolitik“ der DDR geradezu human. Ein Kommentar.

          Arbeit ist das ganze Leben. Steht es so ungefähr nicht schon in der Bibel? Wenn ja, dann nehmen die Heilsbringer von Apple, Facebook und Co. das sehr wörtlich. Man soll sich im Job wie zu Hause fühlen. Und gar keine Frage: Es ist angenehmer, in lichtdurchfluteten Lofts vor dem Bildschirm zu sitzen als unter Tage zu malochen. Niemand muss mehr nach Hause gehen, es ist alles da: Rundumverpflegung, Sportstätten, Ruheräume.

          Doch Vorsicht: Spaß ja, aber bitte keine Fortpflanzung! Denn dann stünden weibliche Arbeitskräfte für ein paar Wochen nicht zur Verfügung. Deshalb jetzt das großzügige Angebot von Konzernen aus der schönen neuen Welt, ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen – auf dass sie möglichst lange voll arbeitseinsatzfähig bleiben und möglichst spät gebären.

          Das klingt nach noch mehr Freiheit aus dem Land der ohnehin schon unbegrenzten Möglichkeiten. Denn zweifellos erweitert der Arbeitgeber mit seinem smarten Angebot die Möglichkeiten der jungen Frauen. Es ist ja nur eine Offerte. Doch machen die Unternehmen deutlich, was sie erwarten. Schließlich sind die meisten Beschäftigten mehr oder weniger abhängig, so sehr viele ihren Beruf auch schätzen mögen.

          Und selbst wenn jeder ihn als Hobby bezeichnen würde – die freundliche Aufforderung des Brötchengebers, den Kinderwunsch doch bitte hintanzustellen, lässt die „Familienpolitik“ der DDR als geradezu human erscheinen. Denn der SED-Staat versuchte zwar, möglichst früh und umfassend die Hoheit über die Kinder(-Erziehung) zu erlangen, ermöglichte es aber den Frauen, in jungen Jahren Nachwuchs zu bekommen – mit dem widernatürlichen Ziel, alle zu Arbeitern und Bauern zu machen, aber immerhin auf natürlichem Wege.

          Der Machbarkeitswahn der Konzerne geht aber weiter; und es ist kein Zufall, dass die Internet-Giganten an vorderster Front stehen. Im Kampf um die vermeintlich besten Talente erwecken sie die Illusion, Herr über das Leben zu sein – als ob es eine Garantie gäbe, ein Kind einfach zehn Jahre später zur Welt zu bringen. Leben als Anschaffung. Warum nicht gleich aus den Organen verdienter Mitarbeiter ein Ersatzteillager machen? Es ist kein Zufall, dass sich gerade Frauen, aber auch immer mehr Männer dem Rattenrennen in der „freien“ Wirtschaft verweigern. Das soll künftig in Deutschland die Quote verhindern. Auch hierzulande werden mehr Arbeitsbienen gebraucht. Es wird kalt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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