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Ein Priester erzählt „Ich habe sie gern gehabt“

21.03.2010 ·  Ein heute 66 Jahre alter Pater hat in den achtziger Jahren in einem katholischen Internat mehrere Jungen missbraucht. Das Protokoll eines Täters - aufgezeichnet von Katrin Hummel.

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Es war ein Dienstagnachmittag vor vier Wochen, um 15 Uhr. Da kam mein Chef zu mir und fragte, ob er mit mir reden könne. Er sagte: „Die Kampagne läuft, dein Name ist genannt worden.“ Ein paar Stunden später hat das Generalvikariat mich beurlaubt. Ohne dass ich weiß, wer etwas gesagt hat oder was derjenige gesagt hat. Ich weiß nur, dass sich jemand bei der Hotline gemeldet hat, die das Bistum eingerichtet hat. Nun läuft ein Ermittlungsverfahren gegen mich, aber noch hat mich niemand angehört. Ich gehe davon aus, dass alles verjährt ist.

Am Tag nach dem Gespräch habe ich meine Gemeinde verlassen, in der ich in den vergangenen 23 Jahren als Seelsorger tätig war. Ich bin Pater, also ein geweihter Priester, und gehöre einer katholischen Ordensgemeinschaft an. Wir haben Klöster, aber ich habe nie für längere Zeit im Kloster gelebt, sondern war nach meiner Priesterweihe im Alter von 29 Jahren zunächst in einem Internat als Erzieher und Lehrer tätig und danach, seit meinem 43. Lebensjahr, in der Pfarrseelsorge. Seit meinem Weggang aus meiner Gemeinde halte ich mich nun in einem Kloster auf. Ich traue mich dort, wo ich zuletzt gelebt habe, nicht mehr auf die Straße. Nicht meine Mitbrüder fürchte ich – die sind sehr besorgt um mich, obwohl ich eigentlich erwartet hätte, dass sie mich schneiden. Sondern die Öffentlichkeit.

Der Anrufer hat mich des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das ist ja inzwischen das gängige Wort, da kann man alles reinpacken: zufällige Berührungen, bewusste Berührungen, irgendwelche sexuellen Praktiken. Ich weiß nicht, auf welchen Zeitraum die Vorwürfe sich beziehen. Aber ich weiß, dass ich Anfang oder Mitte der achtziger Jahre einige Kontakte zu Schülern hatte, wo ich zu weit gegangen bin und die ich heute nicht mehr gutheiße.

Ich lebte mit etwa dreißig Jungen im Alter zwischen dreizehn und sechzehn Jahren in einem Haus. Insgesamt gab es in dem Internat vier solcher Wohngruppen, und jede wurde von einem Pater geleitet. Auch der Leiter des Internats leitete eine solche Gruppe. Einen Stellvertreter hatte keiner von uns, wir waren mit den Jungen allein und allein für sie verantwortlich.

Heute würde ich sagen, dass es ein Fehler war, uns keine zweite Person zur Kontrolle zur Seite zu stellen. Zu meinen Aufgaben gehörte das morgendliche Wecken, die Überwachung der Körperhygiene, ich unterrichtete die Schüler zum Teil sogar, aß morgens, mittags und abends mit ihnen, überwachte die Hausaufgaben, fragte Vokabeln ab, spielte mit ihnen Fußball und sorgte dafür, dass sie abends um 21 Uhr 30 mit geputzten Zähnen im Bett lagen. Um 22 Uhr 30 machte ich stets noch einen Rundgang durch die Zimmer, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Das ist mir zum Verhängnis geworden – diese unheimliche Nähe zu den Schülern.

Die Schüler waren Tag und Nacht um mich

Sie waren Tag und Nacht um mich. Ja, auch nachts: Sie kamen zu mir, wenn sie nicht schlafen konnten. Einige Male haben sich sogar welche zu mir ins Bett gelegt, und es ist nichts passiert. Ich weiß noch, wie ein Dreizehnjähriger kam und sagte: „Ich kann nicht schlafen, weil ich nicht weiß, ob ich später mal heiraten soll oder nicht!“ Sie hatten zu mir ein Verhältnis wie zu einem Bruder oder zu einem Vater. Sie machten mir auch laufend Geschenke. Ich habe sie gern gehabt und sie mich in der Regel auch.

So kam es vor, dass ich mich auf diesen Rundgängen am späten Abend noch für einen Augenblick zu einem von ihnen aufs Bett setzte, der noch wach war. Ich redete mit dem jeweiligen Jungen, streichelte seinen Oberkörper. Und rutschte dabei dann eher aus Versehen auch mal tiefer. Es war nicht bewusst, sondern quasi „im Vorbeigehen“. Manchmal habe ich mich sogar dafür entschuldigt, aber ich habe es nicht so hoch aufgehängt und hatte ohnehin nicht das Gefühl, dass die Jungs das so tragisch nahmen. Vielmehr kam es mir so vor, als täte es ihnen gut, dass ich so für sie da war. Einer hat mal gesagt: „Ist nicht so schlimm.“

Erst Jahre später ist mir der Gedanke gekommen, dass ich zu weit gegangen bin. Eigentlich erst, seit ich weiß, was alles unter „Missbrauch“ fällt und dass auch das, was ich getan habe, strafbar ist. Das war mir damals nicht bewusst. Ich spürte wohl, dass es moralisch nicht in Ordnung war, was ich tat, aber ich ahnte nicht, was für tiefgehende Folgen dies für die Jungen haben könnte. Es kam mir eher wie eine Spielerei unter Gleichaltrigen vor, weil wir uns so nah waren.

Von der Unterdrückung der Triebe zur sexuellen Revolution

Man darf auch nicht vergessen, dass ich in den fünfziger Jahren sehr prüde erzogen worden bin. Das Wort Sex durfte man am besten gar nicht in den Mund nehmen. In der Öffentlichkeit duschte man nur mit Badehose. Dann kam die sexuelle Revolution – das Thema Sex hat man plötzlich nicht mehr so eng gesehen. Und ich hatte ja wirklich ein sehr gutes Verhältnis zu den Schülern. Wenn ich mal einen Vergleich anstellen darf: So, wie ich diese Schüler berührt habe, bin ich als Knabe auch schon berührt worden, allerdings aus Versehen, beim Sport, und von einem Mitschüler. Das war kein Missbrauch. Aber dadurch, dass ich als Erwachsener die Jungen so berührt habe, wurden diese Berührungen unsittlich. Dieser Unterschied war mir damals nicht so bewusst.

1986 wurde ich dann versetzt, nachdem ein vierzehnjähriger Schüler sich an die Leitung des Internats gewandt hatte: Ich war abends in das Schlafzimmer des Jungen gekommen, ich weiß nicht mehr, ob er allein war. Jedenfalls sagte er zu mir: „Meine Mitschüler und ich haben Angst vor Ihnen, Angst, dass Sie abends zu uns kommen.“ Ich weiß nicht, ob einer der Jungen, denen ich mich zuvor genähert hatte, ihm etwas davon erzählt hatte. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich wohl versucht habe, ihm aus Trotz die Hose herunterzuziehen. Es kann auch sein, dass ich ihn befühlen wollte – da fängt man ja nicht gleich in der Mitte an, sondern tastet sich vor, so stelle ich mir das vor. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, was an diesem Abend geschehen ist, denn ich trank zu der Zeit sehr viel. Ich war Alkoholiker, bin aber seit siebzehn Jahren trocken. Aufgrund meines Alkoholpegels war mir jedenfalls in diesem Moment alles egal, ich weiß noch, dass ich dachte: „Und wenn ich hier rausfliege, das mache ich jetzt trotzdem!“ Ein paar Tage später wurde ich vom Dienst suspendiert und trat ein halbes Jahr später meine neue Stelle als Pfarrseelsorger an.

Ich würde mich gern entschuldigen

Nach wie vor hatte ich dort unter anderem auch Kontakte zu Jugendlichen. Ich hielt Religionsstunden in der Grundschule, hatte Kontakt zu Messdienern und fuhr auch jedes Jahr für vierzehn Tage mit einer christlichen Jugendgruppe ins Ferienlager. Natürlich hielt ich auch Gottesdienste, Trauungen und Taufen ab.

Heute sehe ich mein Verhalten von damals als verwerfliches Tun an. Ich habe Schuldgefühle und würde mich gern entschuldigen. Aber ich weiß nicht, wie. Ist ein Brief der richtige Weg, ein Treffen? Wie soll ich das formulieren? Ich fühle mich sehr hilflos. Strafrechtlich habe ich wohl nichts mehr zu befürchten, aber kirchenrechtlich. Ich habe Angst vor harten Sanktionen. Was wird aus mir werden? Kann ich Mitglied meines Ordens bleiben? Kann ich jemals wieder seelsorgerisch tätig sein? Die meisten von uns arbeiten ja, bis sie 75 sind. Wo soll ich künftig wohnen? Zurück kann ich nicht. Mein gesamtes soziales Umfeld habe ich zurückgelassen. Zurzeit sitze ich tagein, tagaus im Kloster, wo man mich immerhin herzlich aufgenommen hat. Ich lese, bete und sorge mich um die Zukunft. Und zwischendurch heule ich.

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