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Ein Abend mit Peer Steinbrück Die Sprache für unsere Lage

12.06.2011 ·  Wenn Peer Steinbrück in Berlin über das Verhältnis von Frankreich und Deutschland spricht, ist das Politik für Erwachsene: wenig Lob, viel Analyse, keine Polemik, keine Versprechen. Geschickt bringt sich der ehemalige Minister in eine gute Position für die Zukunft.

Von Nils Minkmar
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Kurz vor dem Beginn seiner Rede steht Peer Steinbrück noch vor dem Eingang des Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt. Der Eingang liegt etwas höher, Steinbrück blickt wie von einem Balkon über das Treiben eines sommerlichen Abends in Mitte. So bekommt es gleich etwas Theatralisches, als sich ein zorniger, ganz in Schwarz gewandeter junger Mann nähert und von unten Verwünschungen ruft. Erst fällt ihm der Name des Politikers nicht ein, nur die erste Silbe. „Sie sind doch der Stein. . .“ - „Meier!“, ergänzt Peer Steinbrück. Dann wird er von dem Mann als Volksverräter, neoliberaler Schuft und dergleichen mehr tituliert. Und erfährt, dass er sich „für seine Verbrechen noch werde verantworten müssen“.

Steinbrück antwortet ihm in gleicher Lautstärke: „Morgen früh um sechs im Grunewald!“ Der Mann zieht fuchtelnd ab. So einer kann von rechts kommen oder von links, dem schwarz gekleideten Rucksackträger sieht man das nicht an. Er mag schlicht geisteskrank gewesen sein, aber das waren die Attentäter bei Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble auch.

Peer Steinbrück wird jedenfalls auch an den dunkel ausfransenden Rändern der Gesellschaft nicht als Oppositionspolitiker wahrgenommen, sondern als Staatsmann, was in diesen Zeiten nicht unbedingt angenehm ist. Die Bürger spüren die Krise, und sie ahnen eine noch größere nahen, aber der Bundesregierung trauen sie nicht mehr viel zu. Vielleicht müht sich die Kanzlerin deshalb, das Publikum durch Reisen, Volten und Effekte zu faszinieren.

Wie ein Club politischer Messies

Der Abend von Steinbrücks Rede, der ersten von der „Zeit-Stiftung“ geförderten „Lecture de l'Académie de Berlin“, fiel in die Zeit der Merkel-Festspiele. Sie war durch Asien getourt, wo sie den Duft der Orchideen pries, hatte auf dem evangelischen Kirchentag die neue Weltordnung erklärt, beendete ohne viel Federlesens die zivile Atomkraft in diesem Land und empfing von Barack Obama den höchsten amerikanischen Orden. Man blickte ihr etwas verwirrt hinterher, als würde der Zerfall von Union und FDP, wie wir sie kannten, eine neuartige Energie freisetzen, die Angela Merkel in höchste Höhen und um den halben Globus trug.

Peer Steinbrücks Thema lag vor der Haustür: Es war das deutsch-französische Verhältnis und dessen Rolle in Europa. Es ist ein klassisches Feld der deutschen Politik, auf dem aber selbst der interessierte Beobachter nicht mehr durchblickt - und es sind immer weniger, die sich für solche Dinge interessieren, und immer mehr, die in blinde Wut geraten wie der Mann mit dem Rucksack. Mal spazieren Nicolas Sarkozy und Angela Merkel in Deauville am Strand entlang, dann werden die automatischen Sanktionen beim Verstoß gegen den Stabilitätspakt gekippt; mal tönt die Kanzlerin gegen die faulen Südländer. Bald sind wir die allerbesten Europäer, dann wieder nicht deren Zahlmeister. In allen Sonntagsreden wird die deutsch-französische Freundschaft beschworen, doch wenn es am Mittelmeer brodelt, wie vor Bengasi oder eines Tages vielleicht, und dann mit weit dramatischeren Implikationen, in Algerien, dann steht Paris ziemlich allein da.

Die Koalition agiert wie ein Club politischer Messies: Themenfelder werden nicht besetzt, sondern irgendwie zugeschüttet, bis keiner mehr hinsehen mag.

Der innere Frieden der Sozialstaatlichkeit

Darum folgte das hauptstädtisch-bürgerliche Publikum der Steinbrück-Rede über die ganze Strecke, selbst als er nach mehr als einer Stunde zum wiederholten Mal „kurz auf sieben Aspekte“ eines Unterpunkts einging. Es war Politik für Erwachsene: wenig Lob, viel Analyse, keine Polemik, keine Versprechen.

Bemerkenswert war die Anlage seines Versuchs, der die deutsch-französische Entwicklung schon in der frühen Neuzeit zur Zeit Richelieus in den Fokus nahm. Und überraschend war, dass der ehemalige Finanzminister sich, wenn er von Europa sprach, keineswegs auf Quartalszahlen und Sozialprodukte konzentrierte, sondern auf die Rolle der Kultur, der politischen zumal. Denn es gibt ein Problem: Die Vereinigten Staaten, unsere bewährte Allianzmacht, schwächeln so sehr, dass nur noch chinesisches Geld ihr über die Runden hilft. Aber was hat das für politische und kulturelle Folgen?

„Würden Sie“, fragt Steinbrück, „vor einer Bankfiliale demonstrieren, bei der Sie hochverschuldet sind?“ Und dann benennt er all die anderen Staaten, die „in unsere Sitzmöbel wollen“: Indien, Südafrika, Brasilien, Indonesien und, in unserer Nachbarschaft, auch die Türkei. In dieser Lage muss Europa, wenn es nicht zur touristischen Destination verkommen möchte, zum Modell werden. Diese Modellfunktion leitet sich, nach Steinbrück, nicht von Wachstumszahlen und Renditeversprechen ab, sondern von einem kulturellen Gesamtkonzept: In der ganzen Welt könne man lernen, den inneren Frieden der Sozialstaatlichkeit zu schätzen, die Pressefreiheit, die Freizügigkeit und die Exzellenz von freier Bildung und Wissenschaft. Europa als Versuch, gerade auch die divergierenden politischen Kulturen zu harmonisieren, das ist ein weltweit attraktives Konzept. Aber man muss es zu benennen wissen. Und wer kann das, in Europa?

Eine Art Dixi-Klo

Peer Steinbrück geht es in quälender Ausführlichkeit durch: Wer könnte, in der brennenden und unübersichtlichen Aktualität dieses Jahres, für Europa sprechen? Der Präsident des Europäischen Parlamentes? Der Regierungschef des Landes, das gerade den halbjährig wechselnden Ratsvorsitz innehat? Wer hat je Herman van Rompuy oder Catherine Ashton gesehen, wer wüsste, wo sie sind? Einstweilen ist Europa, so Steinbrück, „eine intergouvernementale Veranstaltung von Männern unterschiedlichen Alters mit einer Frau“. Und so etwas wecke nun mal keine Begeisterung, im Gegenteil - selbst in wegen ihrer Stabilität bewunderten nordeuropäischen Ländern blühen die chauvinistischen Parteien. In zahlreichen Versammlungen beschleiche ihn das Gefühl, so bringt Steinbrück die Versuchung für den politischen Redner auf den Begriff, mit einer Forderung für den Ausstieg aus der Währungsunion eine siebzigprozentige Zustimmung im Saal erreichen zu können: „Das ist eine Tonne, auf der man lärmen kann!“

Und wer könnte ebenso wuchtig dagegen argumentieren? Steinbrück gibt sich offen entsetzt über die Leichtfertigkeit, mit der Politiker, Medienvertreter und selbst Wissenschaftler hierzulande mit dem Gedanken an ein Auseinanderbrechen der Währungsunion spielen. Da ist es fast erstaunlich, wie standhaft die Bundesbürger bisher bei der europäischen Stange geblieben sind. Auch hier benennt Steinbrück Gründe, die weit tiefer reichen. Er besuche regelmäßig die Kirchen in kleinen Dörfern, sowohl in Deutschland wie in Frankreich, oder halte vor Kriegerdenkmälern: „Da finden Sie manchmal fünfmal denselben Familiennamen. Fünf Gefallene in der Familie, das waren die europäischen Kriege.“

Demgegenüber steht die Freizügigkeit der heutigen europäischen Jugend. Steinbrücks Tochter ist Absolventin der französischen Elitehochschule ENA. Daher hat der Vater Anschauungsunterricht in der etatistischen Tradition der französischen Republik. Als die Tochter Referendarin beim Präfekten des Départements Pas de Calais war, beschrieb sie dessen Residenz als „einem Herzog angemessen“. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen verfüge dagegen nur über eine Art Dixi-Klo, bemerkte Steinbrück: „Mehr hätte ich dem deutschen Steuerzahler auch nicht vermitteln können.“

Wachsende Freude an erhöhter Komplexität

Doch Steinbrück weiß auch, dass der Stolz auf und das Vertrauen in den Staat in Frankreich stets auch begleitet sind von einer ausgeprägten skeptischen, ja anarchischen Tendenz der Citoyens. Er weiß um das emotionale meinungsfreudige öffentliche Leben, auch in seiner Unvorhersehbarkeit. Demgegenüber sei der deutsche Staatsbegriff auf die Rolle als Ordnungsstifter fixiert, der wenig Glanz verströme, von dessen politischen Geschäften sich der anständige Bürger sogar besser fernhalte. Immer noch sei sie sehr stark, die idealistische und innerlichkeitsfixierte Tradition, nach der es selbst bei den banalsten Problemen - da verfällt Steinbrück in ein endzeitliches Flüstern - „nicht um Leben und Tod, sondern um viel mehr!“ gehe.

Das so ungleiche Paar Frankreich-Deutschland braucht mehr denn je eine gemeinsame Aufgabe. Die Umschuldung Griechenlands nennt Steinbrück als ein Beispiel - und zwar unter Einbeziehung jener Banken, die mit den hohen Risiken dort gutes Geld verdient haben. Langfristig muss man eine Reform der europäischen Institutionen und eine gemeinsame Außen-und Sicherheitspolitik verabreden, auch eine Strategie für den Mittelmeerraum.

Steinbrück zeigt diese großen Linien scheinbar mühelos und mit wachsender Freude an der Erhöhung der Komplexität auf. Man ist gar nicht mehr daran gewöhnt, wenn politische Reden etwas anderes sind als entweder Johanniskraut oder Brandbeschleuniger. Doch wenn man die Bürger dauernd nur wie Kinder anspricht, dann benehmen sie sich irgendwann auch so. Man rechnet gar nicht mehr damit, dass ein Politprofi an passender Stelle einen Historiker wie Heinrich August Winkler nennt, ihn selbst kennt und dass der dann auch noch im Saal sitzt. Dabei war das doch das Versprechen der Berliner Republik gewesen, dass Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler und Politiker gemeinsam eine Sprache finden.

Der lesende Politikern

Unter Angela Merkel gibt es das nicht, keine solchen Runden und schon gar keine Sprache, keinen Begriff für unsere Lage. Es gibt, bei aller rituellen, in der Aussprache fast schon verschliffenen Beschwörung unseres Bildungskapitals, stattdessen eine drastische Entintellektualisierung des öffentlichen Lebens, an der allerdings auch die Sozialdemokraten ihren Anteil haben.

Peer Steinbrück belebt, gerade wenn er zu einem kulturellen Thema sprechen kann, eine vergessene europäische Tradition: die des lesenden und schreibenden Politikers. Er hat über das Frankreich des 16. Jahrhunderts nicht nur Heinrich Mann gelesen, sondern eben auch die Hugenotten-Saga von Robert Merle. Und er empfahl es dem frankophilen Publikum, kleine Hausaufgabe: „Alle zehn Bände als Paperback erhältlich!“

Man verließ den Dom mit Erleichterung. Gar nichts Besonderes hatte man gehört, keine Heideggerschen Rätsel und keine Blochschen Verheißungen. Es war ganz einfach: Hier sind wir, da geht's hin, mit diesen Transportmitteln, und die alle nehmen wir mit. Es war ein Plan.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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