Home
http://www.faz.net/-gpf-zgnw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ehec-Krise Suche nach dem Erreger

05.06.2011 ·  Laut Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sind durch den aggressiven Darmkeim Ehec in manchen Krankenhäusern Engpässe entstanden. Die Suche nach der Quelle des gefährlichen Ehec-Erregers läuft derweil fieberhaft weiter.

Artikel Bilder (3) Video (1) Interaktiv (1) Lesermeinungen (33)

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat eingeräumt, dass durch den aggressiven Darmkeim Ehec in manchen Krankenhäusern Engpässe entstanden sind. „Bild am Sonntag“ sagte Bahr, dass es in der Krankenversorgung eine angespannte Lage gebe. Bewältigen könne man dies damit, dass fehlende Kapazitäten - etwa in den Städten Hamburg und Bremen - durch freie Plätze in den umliegenden Krankenhäusern ausgeglichen würden, betonte der Minister.

Am Sonntag wolle er sich im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE), einen Überblick zur Versorgungslage von Ehec- und Hus-Patienten verschaffen. Im UKE werden zahlreiche an dem Darmkeim Erkrankte intensivmedizinisch versorgt. Zur Ehec-Welle gibt es in der kommenden Woche ein Spitzentreffen. Bahr und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollen sich mit den Ministern der Länder beraten, wo inzwischen bei rund 2500 Patienten eine Ehec-Infektion nachgewiesen ist oder vermutet wird. Zeit und Ort stehen noch nicht fest, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag sagte. Derweil warten Behörden bis zur europäischen Ebene auf Befunde aus einem Lübecker Restaurant.

Bei der Suche nach der Quelle der Ehec-Infektionen gehen die Experten derzeit Hinweisen in mehreren Bundesländern nach. Trotz erster Erfolge bleibt weiterhin unklar, wo der Infektionsherd ist. Eine Spur führte laut Medienberichten in ein Lübecker Restaurant, wenngleich die Landesregierung in Schleswig-Holstein am Samstag vor einem vorschnellen Verdacht warnte. Untersuchungsergebnisse des zuständigen Robert Koch-Instituts (RKI) lägen bislang nicht vor.

Interaktiv: Alles, was Sie über Ehec wissen müssen

Die EU-Kommission hat ihre Unterstützung bei der Suche nach der Infektionsquelle angeboten. Zwei Wochen nach den ersten Berichten über die durch den Ehec-Erreger verursachte ungewöhnlich hohe Zahl an Darminfektionen in Deutschland ist noch immer unklar, woher der Keim stammt und wie er sich verbreitet. Für manche Ehec-Patienten ist es ein Wettlauf mit der Zeit. Seit das Erbgut des gefährlichen Darmkeims entziffert ist, konzentrieren sich Mediziner auf neue Therapien.

Die Zahl der Ehec-Infektionen ist am Wochenende weiter angestiegen. In Deutschland haben sich bisher mehr als 1700 Menschen infiziert. Mindestens 18 Infektionsfälle führten zum Tod. Allein in Niedersachsen wurden am Samstag 458 Fälle und Verdachtsfälle gezählt - 40 mehr als am Vortag. Mindestens 520 Patienten leiden im ganzen Land an dem lebensgefährlichen Hämolytisch-Urämischen Syndrom (Hus).

„Kein Grund zur Hysterie“

Wegen der unklaren Verbreitungswege des Darmkeims raten die Behörden weiterhin, vorsichtshalber vor allem in Norddeutschland Tomaten, Gurken und Blattsalate nicht roh zu essen. Es könne nach wie vor „nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist“, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP).

Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, warnte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) vor Hysterie: „Für diesen speziellen Ausbruch gibt es im Moment keine Hinweise auf eine Infektionsquelle, die nicht Tomaten, Gurken, Blattsalat ist.“ Wer darauf verzichte und Hygieneregeln einhalte, könne sich „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“ vor einer Infektion schützen. (Siehe auch: Ehec-Krise: Sag mir, was ich noch essen kann)

Infektionen nach Besuch eines Restaurants in Lübeck

Das Lübecker Lokal „Kartoffelkeller“, das ins Visier der Ehec-Fahnder geraten war, sieht sich selbst als Opfer. „Wir sind als Restaurant selbst Endverbraucher und von unseren Lieferanten abhängig“, sagte Küchenchef Frank Michel am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Anfang der Woche habe das Gesundheitsamt Lübeck unter anderem das Lokal sowie andere Gaststätten Lübecks kontrolliert. Kontrolliert wurden Hygiene- und Reinigungspläne sowie Lieferwege. Bei den Untersuchungen sei nichts gefunden worden, sagte Betreiber Joachim Berger. Allerdings stünden noch die Ergebnisse von Stuhlproben aus, die alle Mitarbeiter hätten abgeben müssen, sagte Berger. Sie sollen Montag vorliegen.

Küchenchef Michel betonte, die Belegschaft werde mit demselben Essen wie die Gäste versorgt, und niemand sei erkrankt. Berger schließt aber nicht aus, dass er eine verseuchte Lieferung erhalten haben könnte. Seine Ware komme über Zwischenhändler vom Großhandel in Hamburg, berichtete der Gastronom. Mitte Mai seien drei Gruppen in seinem Restaurant zu Gast gewesen, in denen es später Ehec-Fälle gegeben habe: eine dänische Reisegruppe, eine Gewerkschaftsgruppe und eine Familie. Serviert worden seien damals Steak und Salat. Aus der Gewerkschaftsgruppe ist eine Frau gestorben, zwei sind schwer erkrankt.

Die „Lübecker Nachrichten“ hatten am Samstag von einer „heißen Spur“ berichtet. Insgesamt 17 Menschen, die zwischen dem 12. und 14. Mai dem Lübecker Restaurant gegessen hätten, seien erkrankt.

Experten des Robert-Koch-Instituts und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) waren für Untersuchungen vor Ort. Das Kieler Verbraucherschutzministeriums relativierte aber Berichte, wonach das Restaurant Hinweise auf die Ehec-Quelle liefern könnte. Dies sei „derzeit durch die Faktenlage nicht gedeckt“, sagte ein Ministeriumssprecher am Samstag.

Die Hamburger Gesundheitsbehörde berichtete auf Nachfrage, RKI-Experten hätten bereits vor zehn Tagen das Hafenfest als Auslöser der Ehec-Welle ausgeschlossen. Auch das RKI betonte, „Pressemeldungen, wonach Ehec-Infektionen mit Großveranstaltungen in Verbindung gebracht werden, decken sich nicht mit den Erkenntnissen des RKI und stehen im Widerspruch zu dem epidemiologischen Profil des Ausbruchs“.

EU-Kommission: „Identifizierung des Ursprungs beschleunigen“

EU-Gesundheitskommissar John Dalli erklärte sich am Samstag bereit, ein Expertenteam nach Deutschland zu entsenden, das bei der Suche nach dem Ursprung für den Ehec-Erreger helfen könne. Es könnte die deutschen Behörden bei den aktuellen epidemiologischen Ermittlungen unterstützten und sich an den Analysen beteiligen, „um die Identifizierung des Ursprungs zu beschleunigen“, erklärte die Kommission.

Außerdem soll eine eigene Ehec-Internetplattform bis Montag auf die Beine gestellt werden, über die Behörden gezielt Informationen austauschen können. Unter anderem sollen zudem Hinweise auf Behandlungsformen vom RKI ins Englische übersetzt und den EU-Staaten bereitgestellt werden. Der Ausbruch soll am Montag auch eines der Themen beim Treffen der EU-Gesundheitsminister in Luxemburg werden.

Charité-Chef: „Wir brauchen eine bessere Informationspolitik“

Unter führenden Wissenschaftlern ist inzwischen Streit über das Krisenmanagement ausgebrochen. Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, die Arbeit des Robert-Koch-Instituts. Das Universitätsklinikum habe erst in dieser Woche Fragebögen für die Patienten bekommen, sagte Ulrich Frei dem „Tagesspiegel“. „Das reicht nicht. Man hätte die Patienten interviewen sollen.“ Es sei zudem nicht erkennbar, was das RKI erarbeite. Nötig sei auch eine bessere Informationspolitik. Dass sich der Ehec-Erreger seit Anfang Mai ausbreite, außer Gurken aus Spanien aber keine mögliche Quelle ermittelt worden sei, mache ihn unruhig.

Das RKI wies die Vorwürfe zurück. Man habe nach dem Ausbruch von Ehec zügig gehandelt, sagte eine Sprecherin der Zeitung.

Lauterbach: „Die Aufklärung der Bevölkerung ist nicht ausreichend“

Der SPD-Gesundpolitiker Karl Lauterbach fordert die Einrichtung eines zentralen Ehecrc-Krisenstabs im Bundesgesundheitsministerium. Bislang seien die Zuständigkeit etwa zwischen Gesundheitsämtern, Kliniken und dem Robert Koch-Institut nicht klar genug geregelt, sagte der Bundestagsabgeordnete der „BZ am Sonntag“ in Berlin. Auch Lauterbach kritisierte das bisherige Ehec-Krisenmanagement. „Die Aufklärung der Bevölkerung ist nicht ausreichend und muss dringend optimiert werden“, Es gebe beispielsweise „keine verbindliche Übersicht“,wo genau in Deutschland neue Verdachtsfälle mit welchem Schweregrad auftreten. Zudem fehle „eine zentrale Hotline“, bei der sich die Bevölkerung über Symptome und Krankheitsverlauf gezielt informieren kann, um sich schützen zu können.

Nach Erkenntnissen, die die Weltgesundheitsorganisation WHO (Genf) gesammelt hat, ist der Erreger bisher in zwölf Ländern aufgetreten. Infektionen gebe es außer in Deutschland auch in Österreich, der Tschechischen Republik, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Von den meisten Patienten ist bekannt, dass sie zuvor in Deutschland waren. Aus Angst vor dem Darmkeim haben die Vereinigten Staaten unterdessen verstärkte Kontrollen für Gemüse aus Deutschland und Spanien angeordnet. Russland hatte den Import von Gemüse aus der EU komplett gestoppt.

EU-Kommission will Bauern nicht entschädigen

Die von der Ehec-Krise geschädigten Produzenten dürfen sich keine Hoffnung auf direkte Hilfen der EU machen. Wie es aus der EU-Kommission hieß, sind solche Zahlungen nicht mit den Regeln der EU-Agrarpolitik vereinbar. Das habe die Behörde den betroffenen Staaten schon Anfang der Woche mitgeteilt. Allenfalls denkbar seien Entschädigungen, die aus nationalen Haushalten gezahlt werden.

Die Kommission und Vertreter der EU-Staaten wollen am Dienstag erstmals über die wirtschaftlichen Folgen der Ehec-Krise für die Produzenten und mögliche Hilfen beraten. Bundeskanzlerin Merkel und der spanische Ministerpräsidenten Zapatero hatten vereinbart, sich in Brüssel um Hilfen für die betroffenen Landwirte zu bemühen. Spanische Landwirtschaftsorganisationen beziffern die in der ersten Woche seit der falschen Nachricht, wonach spanische Gurken die Infektionsquelle der Ehec-Epidemie seien, entstandenen Schäden auf rund zweihundert Millionen Euro. Die spanische Landwirtschaftsministerin Rosa Aguilar sagte: „Wir werden kämpfen.“ Die Regierung denkt vor allem an Mittel aus europäischen Agrarfonds oder aus dem Katastrophenfonds. Besonders betroffene spanische Unternehmen, darunter „Frunet Bio“ aus Malaga und „SAT Costa“ aus Almería, haben deutsche Anwaltsbüros beauftragt, direkt Klagen gegen deutsche Behörden wegen übereilter Warnungen und inkorrekter Analysen vorzubereiten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Scheu vor der Staatsräson

Von Berthold Kohler

Der Bundespräsident will zum Einstehen Deutschlands für die Sicherheit Israels nichts anderes gesagt haben als die Bundeskanzlerin. Warum sagte er dann etwas anderes? Mehr 6 22