Home
http://www.faz.net/-gpf-7qq2z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Dschihadistische Terrorgefahr „Die Rückkehr der Islamisten hat schon begonnen“

Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove, warnt im F.A.Z.-Interview vor der Gefahr durch Dschihadisten, die aus Syrien oder dem Irak mit konkreten Anschlagsplänen nach Europa zurückkehren.

© dpa Vergrößern Diese Bild zeigt mutmaßlich Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in (Groß-) Syrien“ Mitte Juni nahe der syrisch-irakischen Grenze - der Isis sollen sich auch hunderte Europäer angeschlossen haben

Herr Kerchove, dass europäische Islamisten in Syrien kämpfen, ist bekannt. Wie sieht es im Irak aus?

Dazu habe ich keine Zahlen. Aber Isis hat viele ausländische Kämpfer, und die gehen jetzt natürlich von Syrien in den Irak. Ich weiß nicht, ob der Großteil der Europäer weitergezogen ist, aber wir wissen, dass Tschetschenen und andere im Irak sind. Die jüngsten Erfolge der Gruppe könnten ein weiterer Anreiz für Europäer sein, in den Kampf zu ziehen.

Welche Auswirkungen haben die Vorgänge im Irak auf den Dschihadismus?

Am schlimmsten ist, dass sie jetzt Zugang zu vielen schweren Waffen haben, sogar zu Hubschraubern und Panzern. Allerdings wird es eine Herausforderung für sie werden, ihre Geländegewinne zu halten. Vom Nordosten Syriens bis zum Norden und Westen des Iraks ist es ein großes Gebiet.

Europäer haben schon in Afghanistan und anderswo gekämpft. Was ist diesmal anders?

Man kommt einfacher und billiger hin. Ein Flugticket in die Türkei kostet nicht viel, und über die Grenze kommt man dann leicht. In den Bergen Afghanistans oder in der Wüste Malis ist der Zugang schwieriger. Hinzu kommt das Internet. Früher brauchte man jemanden im eigenen Land, der einem erklärte, wie man nach Afghanistan kommt. Heute findet man das alles auf dem Computer; es gibt vielleicht Facebook-Einladungen von Freunden, die schon da sind. Isis macht eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit. Die haben sogar Kameras auf ihre Kalaschnikows geschraubt und übertragen ihre Operationen in Echtzeit übers Internet. Sie haben sehr attraktive Videos in deutscher, französischer oder englischer Sprache.

Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove © REUTERS Vergrößern Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove: „Rückkehrer müssen 24 Stunden am Tag überwacht werden“

Wie viele Europäer kämpfen in Syrien und im Irak?

Mir liegt noch die alte Zahl von mehr als 2000 vor. Aber ich denke, es sind nun ein wenig mehr.

Woher kommen die?

Im Wesentlichen aus neun oder zehn Ländern: Deutschland, Dänemark, Schweden, Großbritannien, Spanien, Irland, Belgien, Frankreich und den Niederlanden.

Was sind das für Leute?

Das ist ganz unterschiedlich. In Dänemark sind es mehr Kriminelle, in anderen Ländern Teenager ohne Vorstrafen. Die meisten sind Männer zwischen 20 und 25 Jahren, es gehen aber auch immer mehr Frauen in den Dschihad. Viele sind Kinder muslimischer Einwanderer in der dritten oder vierten Generation, aber es gibt natürlich auch Konvertiten. Viele sind „Wiedergeborene“, die von einer simplistischen und völlig einseitigen Auslegung des Islam angetrieben werden.

Warum gehen sie in den Kampf?

Zunächst einmal gibt es unter Muslimen das Gefühl, dass die Staatengemeinschaft nicht genug tut, um der syrischen Opposition zu helfen. Viele sind empört, wenn sie im Internet sehen, wie Kinder und Frauen getötet werden. Dann gibt es die Al-Qaida-Ideologie, die zum Aufbau eines weltweiten Kalifats aufruft. Eine Rolle spielt auch die wachsende Spannung zwischen Sunniten und Schiiten. Ich weiß nicht, ob das ein Religionskrieg ist wie früher bei uns zwischen Katholiken und Protestanten. Möglicherweise ist es auch nur eine Folge der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran um die regionale Vorherrschaft. Und schließlich haben viele ein Identitätsproblem, wie ein Buch gezeigt hat, für das Dschihadisten befragt wurden. Sie fühlen sich isoliert, an den Rand gedrängt, suchen Anschluss an eine Gruppe und nach einer Bestimmung im Leben.

Wie viele kommen nach Europa zurück?

Die Rückkehr hat schon begonnen, wie wir an den jüngsten Verhaftungen sehen. Manche kommen zurück, weil sie ausruhen müssen, andere, weil sie medizinische Betreuung brauchen. In Belgien etwa sind 60 von 250 zurückgekehrt.

Was machen sie hier?

Das ist unterschiedlich. Manche verhalten sich ruhig und wollen in ein normales Leben zurück, weil sie das Gefühl haben, ihre Pflicht getan zu haben. Denen müssten wir vielleicht Hilfe bei der Arbeitssuche anbieten. Andere sind traumatisiert, die brauchen psychologische Betreuung. Gegen wieder andere liegen Beweise vor, dass sie sich einer Terrororganisation angeschlossen haben, so dass die Justiz gegen sie vorgehen kann. Die Herausforderung für uns ist eine vierte Gruppe, gegen die offiziell nichts vorliegt. In Afghanistan und früher im Irak hatten wir eigenes Personal, so dass wir Belege sammeln konnten. Ob sich jemand in Syrien der Terrorgruppe Al Nusra angeschlossen hat, können wir nur feststellen, wenn er ein entsprechendes Foto auf Facebook stellt oder eine E-Mail schickt, in der steht, ich bin hier im Kampf. Es ist bezeichnend, wie wenig Strafverfahren es im Vergleich zur Zahl derjenigen gibt, die ausgereist sind.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islamischer Staat Zwei mutmaßliche IS-Unterstützer in Aachen festgenommen

Bei einer Razzia in Aachen sind zwei mutmaßliche Helfer der IS-Miliz festgenommen worden. Sie stehen unter Verdacht, den Islamischen Staat und die Miliz Ahrar al Sham unterstützt zu haben. Mehr

18.10.2014, 20:48 Uhr | Politik
Prozessauftakt gegen mutmaßliches deutsches IS-Mitglied

Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main hat der Prozess gegen ein mutmaßliches deutsches Mitglied des Islamischen Staates begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann vor, sich im Sommer 2013 den radikalen Islamisten angeschlossen zu haben, die damals noch unter dem Namen Islamischer Staat im Irak und Groß-Syrien Isis bekannt waren. Mehr

15.09.2014, 15:45 Uhr | Politik
Im Gespräch: Asya Abdullah Verliert der IS Kobane, zerbricht sein Mythos

Die Situation in Kobane verschärft sich, der Islamische Staat startet eine neue Großoffensive. Die kurdische Politikerin Asya Abdullah ist vor Ort. Ein Gespräch über mutmaßlichen Giftgaseinsatz und eine Schlacht, deren Ausgang entscheidend für das Schicksal der Region sein könnte. Mehr

22.10.2014, 18:53 Uhr | Politik
Faszination und Verführung der Gotteskrieger

Immer mehr Jugendliche aus Europa schließen sich dem bewaffneten Dschihad in Syrien und dem Irak an. Angeworben werden sie durch islamistische Netzwerke. Allein in Frankreich ließen sich schon mehr als 700 Jungen und Mädchen nach Syrien locken. Mehr

06.09.2014, 10:39 Uhr | Politik
Die Türkei und der IS-Terror Rückzugsort für Dschihadisten

Im Grenzgebiet der Türkei zu Syrien gärt es. Die Menschen dort haben Angst, dass der Bürgerkrieg auch zu ihnen kommt. Viele werfen Erdogans Regierung vor, heimlich die islamistischen Terrormilizen zu unterstützen. Was ist dran an den Anschuldigungen? Eine gemeinsame Spurensuche von F.A.Z. und ARD. Mehr Von Christoph Ehrhardt, Reyhanli

27.10.2014, 15:57 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.06.2014, 15:29 Uhr

Für einen guten Zweck

Von Reinhard Müller

Beim Streit um Pkw-Maut und Datenschutz gilt der alte Grundsatz: Es kommt darauf an - auf den festgelegten Zweck der Datenerhebung, aber auch auf die Schwere einer Straftat oder einer Gefahr. Mehr 1 2