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Dschihadistische Terrorgefahr : „Die Rückkehr der Islamisten hat schon begonnen“

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Diese Bild zeigt mutmaßlich Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in (Groß-) Syrien“ Mitte Juni nahe der syrisch-irakischen Grenze - der Isis sollen sich auch hunderte Europäer angeschlossen haben Bild: dpa

Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove, warnt im F.A.Z.-Interview vor der Gefahr durch Dschihadisten, die aus Syrien oder dem Irak mit konkreten Anschlagsplänen nach Europa zurückkehren.

          Herr Kerchove, dass europäische Islamisten in Syrien kämpfen, ist bekannt. Wie sieht es im Irak aus?

          Dazu habe ich keine Zahlen. Aber Isis hat viele ausländische Kämpfer, und die gehen jetzt natürlich von Syrien in den Irak. Ich weiß nicht, ob der Großteil der Europäer weitergezogen ist, aber wir wissen, dass Tschetschenen und andere im Irak sind. Die jüngsten Erfolge der Gruppe könnten ein weiterer Anreiz für Europäer sein, in den Kampf zu ziehen.

          Welche Auswirkungen haben die Vorgänge im Irak auf den Dschihadismus?

          Am schlimmsten ist, dass sie jetzt Zugang zu vielen schweren Waffen haben, sogar zu Hubschraubern und Panzern. Allerdings wird es eine Herausforderung für sie werden, ihre Geländegewinne zu halten. Vom Nordosten Syriens bis zum Norden und Westen des Iraks ist es ein großes Gebiet.

          Europäer haben schon in Afghanistan und anderswo gekämpft. Was ist diesmal anders?

          Man kommt einfacher und billiger hin. Ein Flugticket in die Türkei kostet nicht viel, und über die Grenze kommt man dann leicht. In den Bergen Afghanistans oder in der Wüste Malis ist der Zugang schwieriger. Hinzu kommt das Internet. Früher brauchte man jemanden im eigenen Land, der einem erklärte, wie man nach Afghanistan kommt. Heute findet man das alles auf dem Computer; es gibt vielleicht Facebook-Einladungen von Freunden, die schon da sind. Isis macht eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit. Die haben sogar Kameras auf ihre Kalaschnikows geschraubt und übertragen ihre Operationen in Echtzeit übers Internet. Sie haben sehr attraktive Videos in deutscher, französischer oder englischer Sprache.

          Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove: „Rückkehrer müssen 24 Stunden am Tag überwacht werden“
          Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Gilles des Kerchove: „Rückkehrer müssen 24 Stunden am Tag überwacht werden“ : Bild: REUTERS

          Wie viele Europäer kämpfen in Syrien und im Irak?

          Mir liegt noch die alte Zahl von mehr als 2000 vor. Aber ich denke, es sind nun ein wenig mehr.

          Woher kommen die?

          Im Wesentlichen aus neun oder zehn Ländern: Deutschland, Dänemark, Schweden, Großbritannien, Spanien, Irland, Belgien, Frankreich und den Niederlanden.

          Was sind das für Leute?

          Das ist ganz unterschiedlich. In Dänemark sind es mehr Kriminelle, in anderen Ländern Teenager ohne Vorstrafen. Die meisten sind Männer zwischen 20 und 25 Jahren, es gehen aber auch immer mehr Frauen in den Dschihad. Viele sind Kinder muslimischer Einwanderer in der dritten oder vierten Generation, aber es gibt natürlich auch Konvertiten. Viele sind „Wiedergeborene“, die von einer simplistischen und völlig einseitigen Auslegung des Islam angetrieben werden.

          Warum gehen sie in den Kampf?

          Zunächst einmal gibt es unter Muslimen das Gefühl, dass die Staatengemeinschaft nicht genug tut, um der syrischen Opposition zu helfen. Viele sind empört, wenn sie im Internet sehen, wie Kinder und Frauen getötet werden. Dann gibt es die Al-Qaida-Ideologie, die zum Aufbau eines weltweiten Kalifats aufruft. Eine Rolle spielt auch die wachsende Spannung zwischen Sunniten und Schiiten. Ich weiß nicht, ob das ein Religionskrieg ist wie früher bei uns zwischen Katholiken und Protestanten. Möglicherweise ist es auch nur eine Folge der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran um die regionale Vorherrschaft. Und schließlich haben viele ein Identitätsproblem, wie ein Buch gezeigt hat, für das Dschihadisten befragt wurden. Sie fühlen sich isoliert, an den Rand gedrängt, suchen Anschluss an eine Gruppe und nach einer Bestimmung im Leben.

          Wie viele kommen nach Europa zurück?

          Die Rückkehr hat schon begonnen, wie wir an den jüngsten Verhaftungen sehen. Manche kommen zurück, weil sie ausruhen müssen, andere, weil sie medizinische Betreuung brauchen. In Belgien etwa sind 60 von 250 zurückgekehrt.

          Was machen sie hier?

          Das ist unterschiedlich. Manche verhalten sich ruhig und wollen in ein normales Leben zurück, weil sie das Gefühl haben, ihre Pflicht getan zu haben. Denen müssten wir vielleicht Hilfe bei der Arbeitssuche anbieten. Andere sind traumatisiert, die brauchen psychologische Betreuung. Gegen wieder andere liegen Beweise vor, dass sie sich einer Terrororganisation angeschlossen haben, so dass die Justiz gegen sie vorgehen kann. Die Herausforderung für uns ist eine vierte Gruppe, gegen die offiziell nichts vorliegt. In Afghanistan und früher im Irak hatten wir eigenes Personal, so dass wir Belege sammeln konnten. Ob sich jemand in Syrien der Terrorgruppe Al Nusra angeschlossen hat, können wir nur feststellen, wenn er ein entsprechendes Foto auf Facebook stellt oder eine E-Mail schickt, in der steht, ich bin hier im Kampf. Es ist bezeichnend, wie wenig Strafverfahren es im Vergleich zur Zahl derjenigen gibt, die ausgereist sind.

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