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Drogenbericht 2014 : Synthetisches Rauschgift auf dem Vormarsch

Cannabis ist in Europa das meistgebrauchte Rauschgift Bild: dpa

Der neue Drogenbericht für 2014 liefert ein durchwachsenes Bild der Rauschgiftszene. Es gibt in der EU zwar so wenige Todesfälle durch Überdosis wie seit Jahrzehnten nicht. Aber zu Entwarnung gibt es trotzdem keinen Grund.

          Im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens hat die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD ) eine durchwachsene Bilanz der aktuellen Lage auf dem Rauschgiftmarkt vorgelegt. Wie aus dem am Dienstag vorgestellten Drogenbericht 2014 (Originaldokument als pdf) hervorgeht, haben sich die Präferenzen der Rauschgiftgebraucher in Europa seit Mitte der neunziger Jahre erheblich verändert.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Heroin nimmt schon seit vielen Jahren nicht mehr die fatale Rolle ein, die es in den achtziger und neunziger Jahren innehatte. Die sogenannten rauschgiftbedingten Todesfälle infolge von Überdosis sind EU-weit mit 6100 im Jahr 2013 so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht, ebenso die Zahl der Abhängigen, die sich in eine Therapie begeben. Zu Entwarnung besteht jedoch kein Grund. Zum einen verursachen Heroingebraucher nach wie die höchsten Kosten im Gesundheitswesen, zum anderen zeigen die Daten der EBDD den Trend, das aus Schlagmohn gewonnene Heroin durch synthetisch hergestellte Opiate zu ersetzen, wie sie in Schmerzmedikamenten verwendet werden. Diese sind ungleich schwerer zu dosieren. Der Direktor der EBDD, Wolfgang Götz, verhehlt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung denn auch nicht seine Besorgnis über diese Entwicklung: „In vielen Ländern sind synthetische Opiate auf dem Vormarsch.“

          Cannabis, sei es als Marihuana (Blätter und Blütenstände) oder als Haschisch (Harz), ist in Europa längst das meistgebrauchte Rauschgift. Diese Entwicklung hat auch die Hilfesysteme erfasst. Wegen Cannabis-bezogener Störungen suchen mittlerweile Jahr für Jahr mehr Personen eine Beratungseinrichtung auf als wegen Ärger mit anderen Rauschgiften. Auch wenn deren Zahl zuletzt wieder etwas rückläufig war, dürften Cannabis-bezogene Störungen zu einem endemischen Problem werden. Der EBDD liegen Daten vor, die darauf hinweisen, dass immer mehr hochpotentes Cannabis auf den Markt kommt. Außerdem hat sich der Anteil der Erwachsenen in Europa, die täglich oder fast täglich Cannabis gebrauchen, bei etwa einem Prozent der EU-Bevölkerung eingependelt. Bei dieser Frequenz sprechen auch diejenigen von einem problematischen Drogengebrauch, die in den neunziger Jahren der Meinung waren, mit Cannabis sei es so wie mit Lakritz: Davon könne man auch mal zu viel essen.

          Methamphetamin breitet sich aus

          Einen neuen Trend in der europäischen Rauschgiftszene erkennt die EBDD in der allmählichen Ausbreitung von Methamphetamin. Diese synthetisch hergestellte Substanz war lange Zeit nur in der Tschechischen Republik und in der Slowakei verbreitet. Mittlerweile taucht sie in deutschen Grenzregionen in Sachsen, Thüringen und Bayern, aber auch in Griechenland, Zypern und der Türkei auf – freilich in anderer „kristalliner“ Gebrauchsform. Ob dieser Trend anhält, ist schwer zu ermessen. Der Markt für synthetische Rauschgifte, zu denen auch die vor allem in Skandinavien beliebten Amphetamine sowie Ecstasy gehören, schwankt in Abhängigkeit von sogenannten Vorläufersubstanzen. Methamphetamin ist in „Küchenlaboratorien“ vergleichsweise einfach herzustellen. Ohnehin gehe der Trend, so Götz, hin zu einer lokalen Produktion und weg von langen Lieferketten und allen damit verbundenen Risiken wie der Entdeckung durch die Polizei.

          Seit einigen Jahren auf hohem Niveau stabil oder sogar rückläufig ist die Nachfrage nach Kokain. Inwiefern der Rückgang in Hauptabnehmerländern mit der Wirtschaftskrise (Spanien) oder dem Kater in der Finanzwelt (Großbritannien) einhergeht, vermag die EBDD nicht zu ergründen. Im Ergebnis könnten Effekte wie „weniger Geld“ und „Kiffen/Koksen gegen die Krise“ einander neutralisieren. Ungebrochen stark ist nach Angaben der EBDD der Trend hin zu neuen psychoaktiven Substanzen, die keiner internationalen Kontrolle unterliegen und daher als „legal highs“ angeboten werden, zumeist über das Internet. Wie groß der Markt für solche Substanzen ist, lässt sich alleine daran ablesen, dass die in Lissabon ansässige EBDD im vergangenen Jahr annähernd 650 Websites identifizierte, über die solche Substanzen angeboten werden – meist sind sie in Asien beheimatet. Auf denselben Seiten wird meist auch mit psychoaktiven (verschreibungspflichtigen) Medikamenten und mit Dopingmitteln gleichzeitig gehandelt.

          Im Unterschied zum Europa der neunziger Jahren vollkommen verschwunden sind sogenannte offene Drogenszenen – und mit ihnen die Bürger, die sich von Junkies belästigt fühlten oder Spritzen auf Kinderspielplätzen fanden. Auch die Übertragung von HIV unter Rauschgiftabhängigen ist heute kaum noch ein Thema. Das nimmt offenbar den Druck von der Politik, sich um das Thema Rauschgift zu kümmern. Deutschland ist dabei keine Ausnahme.

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