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Dröhnende Debatte  : Kann die Drohne Sünde sein?

Amerikanische Predator-Drohne Bild: Reuters

Sie verbreitet überall, wo sie auftaucht, Angst und Schrecken. In Berlin fürchtet man sich sogar schon vor ihrer Anschaffung. Dabei zwingt niemand Deutschland dazu, unbemannte Flugkörper so einzusetzen, wie es der Friedensnobelpreisträger Obama tut. Für den Schutz der eigenen Soldaten aber werden sie gebraucht.

          Mit den Superwaffen der Vergangenheit kann es dieses Gerät nicht aufnehmen. Seine Zerstörungskraft ist begrenzt. Die Technologie beherrscht jeder Modellbauverein. An der Wiege der Drohne stand auch kein „mad scientist“, wie man es im Fall der Neutronenbombe oder des Röntgenlasers aus Reagans „Star Wars“-Träumen glauben wollte. Und dennoch verbreitet das unbemannte Flugzeug Angst und Schrecken, wo immer es auftaucht, ob als schwerbewaffneter „Predator“ über den Bergen Pakistans oder auch nur als Wille und Vorstellung im Rund des Reichstags.

          Im letzteren Fall liegt das daran, dass die Drohne nicht allein in den sonst ziemlich leeren Luftraum über der sicherheitspolitischen Debatte in Berlin eingedrungen ist. Sondern dass auf ihr wie in Stanley Kubricks Atomkriegssatire „Dr. Seltsam“ ein imaginärer Reiter sitzt, der vom größten internationalen Hoffnungsträger der Deutschen zu ihrer größten Enttäuschung wurde: Barack Obama. Der Friedensnobelpreisträger hat gelernt, die Drohne zu lieben. Er ist vom Vorkämpfer für weltweite nukleare Abrüstung zum Feldherrn eines weltumspannenden Drohnenkriegs geworden. Dieser Feldzug ist Obamas Antwort auf die asymmetrische Kriegsführung des islamistischen Terrorismus. Die Drohne ist die Waffe, mit der er die Terroristen terrorisiert. Und ohne Gerichtsverfahren exekutiert. Unschuldige Dritte, die diesen „chirurgischen“ Schlägen zum Opfer fallen, werden als „Kollateralschäden“ bagatellisiert.

          Die Drohne ist kein Terminator

          Das alles sind Horrorvorstellungen für die Deutschen, weswegen sie in der Drohne ein Werkzeug des Teufels sehen – es sei denn, sie bringt Päckchen von Amazon oder meldet einen Stau auf der Autobahn. Doch werden der Teufel und seine Werkzeuge leicht miteinander verwechselt. In der Drohne, das ist kein Detail, steckt er jedenfalls nicht: Sie wird ferngesteuert. Sie ist kein Terminator aus der Zukunft, der selbständig jeden tötet, der ihm im Weg ist. Die Entscheidung, wozu eine Drohne eingesetzt wird und auf wen sie ihre Waffen abfeuert, treffen Menschen. Wie in jedem Bomber, jedem Panzer und jedem U-Boot.

          Es gibt nicht viele Länder, in denen solche Einsatzentscheidungen mit größeren Skrupeln getroffen werden als hierzulande, wo – mit Recht – jegliches militärisches Handeln einer umfassenden politischen und rechtlichen Kontrolle unterworfen ist (ganz zu schweigen von der journalistischen Durchleuchtung). Die Verteidigungsministerin will nun sogar die Entscheidung, ob Drohnen bewaffnet werden, dem Bundestag überlassen: Die Parlamentsarmee bekäme eine Parlamentsdrohne.

          Die Sorge, dass solche Geräte es den Völkern und Staaten leichter machten, Kriege zu führen, weil sie das Risiko für die eigenen Truppen verringerten und somit die Hemmschwelle verkleinerten, muss man im Falle Deutschlands kaum haben. Andernfalls müsste man konsequenterweise verlangen, dass die Bundeswehr ihre Sturmgewehre zu Schwertern umschmiedet und wieder wie in biblischen Zeiten in die Schlacht zieht, am besten ohne Helm und Schild. Doch schon David suchte nicht den ritterlichen Nahkampf mit Goliath, sondern griff zur Minimierung seines persönlichen Risikos zur Distanzwaffe. „Wie unfair, David!“, karikierte Kishon die Kritik daran.

          Für Davids Nachfahren stellt sich die Frage, ob die Drohne Sünde sein kann, nicht. Israel, von dem die Bundeswehr solche Fluggeräte mietet, nutzt ganz selbstverständlich jedes Mittel, von dem es sich eine Erhöhung seiner Sicherheit und der seiner Soldaten verspricht. In Deutschland aber führt jede Diskussion über ein neues Waffensystem immer wieder zu der Grundsatzfrage, wie wir es mit dem Krieg halten. An das Ende des Afghanistan-Einsatzes knüpft sich die Hoffnung, dass mit ihm auch das Kapitel bewaffneter Interventionen geschlossen werden kann. Wozu also noch Drohnen?

          Doch ist es ein Gebot politischer Weitsicht, Streitkräfte auch für den wenig wahrscheinlichen Ernstfall auszurüsten. Das ist auch der Grund, warum Deutschland noch nicht alle seine Leopard-Panzer verschenkt hat. Auf die Ausrüstung der Bundeswehr mit bewaffneten Drohnen kann nur verzichten, wer weitere Auslandseinsätze ausschließt. Wer sie aber für möglich hält, muss die Soldaten mit dem Besten ausstatten, was auf dem Rüstungsmarkt zu bekommen ist – und zwar nicht erst zum Ende eines Einsatzes hin. Drohnen sind wichtige taktische Systeme, deren Bedeutung für den Schutz der eigenen Soldaten noch zunehmen wird. Das zwingt niemanden dazu, sie so zu nutzen wie Washington: als strategische Zweitschlagswaffe neuen Typs gegen einen militärisch sonst kaum zu fassenden Gegner.

          Obama musste schon lernen, dass auch die Drohne den Terrorismus nicht aus der Welt bomben kann. Doch verschwände dieser selbst dann nicht, wenn alle Drohnensteuerstände der Welt zu Playstations umgelötet würden. Das würde auch bei deutscher Standhaftigkeit der Drohne gegenüber nicht geschehen. Die Automatisierung von Waffensystemen aller Art schreitet überall schnell voran, ob Deutschland sich daran beteiligt oder nicht. Doch auch die Drohnendebatte zeigt, dass es am liebsten eine Insel wäre, die sich keine Gedanken darüber machen muss, was die Sturmwolken am Horizont bedeuten könnten.

          Quelle: F.A.Z.

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