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Erinnerungskultur : Wie Dresdener Schüler die Diktatur der DDR erleben

Stehen Sie unbequem:Schauspieler zeigen den Schülern, wie es in der DDR zuging. Bild: Matthias Lüdecke

Für junge Leute ist die DDR sehr weit weg. Das kann geändert werden: zum Beispiel, wenn Schauspieler einer Schulklasse in Dresden vorführen, wie der Alltag in der Diktatur war.

          Für Emma ist die Stunde gleich nach Unterrichtsbeginn zu Ende, denn der „Genosse Hoffmann vom Ministerium für Volksbildung“ führt sie aus dem Raum. Emma, 17 Jahre alt, soll einen Sprach an die Schulhofmauer gepinselt haben: „Freie Wahlen auch in der DDR“, und das sei ja wohl „ungeheuerlich“, hatte Hoffmann vor der versammelten Klasse geschnarrt. „Wer behauptet, in der DDR gebe es keine freien Wahlen, der sagt auch, dass dieser Staat lügt, und wer das sagt, ist nicht würdig, auf Kosten unserer Arbeiter und Bauern ausgebildet zu werden.“ Dann fällt die Tür ins Schloss. „Bei uns ist kein Platz für Verräter!“, ruft die Lehrerin noch hinterher.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Emmas Mitschüler gucken zunächst ungläubig, einige auch irritiert, andere lachen verlegen. Dann geht die Tür wieder auf, Genosse Hoffmann kommt mit Emma herein, und beide setzen sich zum Gespräch an einen Tisch. Dass sie von der Schule flog, sei misslich, aber unvermeidlich gewesen, beginnt Hoffmann in jovialem Ton. Er malt ihr die Konsequenzen aus: kein Abitur, kein Studium, verpfuschte Zukunft. Aber Hoffmann hat auch einen Ausweg. „Soll ich dir helfen?“, fragt er und rückt näher. Emma blickt ihn unsicher an, nickt dann. Es gebe die Möglichkeit, eine andere Schule zu besuchen. Hoffnung! Voraussetzung sei natürlich, sie zeige sich politisch einsichtig, erzähle ihm ein bisschen etwas über ihre Freunde und bewahre darüber selbstverständlich Stillschweigen.

          Das Ganze ist ein Spiel; die Klasse 10 d des Marie-Curie-Gymnasiums Dresden lernt etwas über die DDR. 22 Schüler sind in der Klasse, alle um die Jahrtausendwende geboren, als die DDR längst Geschichte war. Eine Schülerin hat blaue Haare, eine andere schlappt in Flipflops herum, ein Schüler trägt Pluderhosen, ein anderer hat „Fuck Google, ask me“ auf seinem T-Shirt stehen. Sie sitzen in einem nagelneuen Schulhaus mit teurer Technik und modernen Möbeln. Sie genießen ein Höchstmaß an Freiheit, Bildung und Komfort.

          Fehlende Erinnerung

          Die Schüler haben keine Erinnerung daran, wie anders das Leben in Dresden zu DDR-Zeiten war. Und immer wieder ist Bedenkliches zu hören darüber, wie viel – oder wenig – Schüler in Deutschland über die jüngere deutsche Geschichte wissen und über die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur. Honecker? Keine Ahnung. Die DDR? Ein Sozialparadies! Und Helmut Schmidt einer ihrer bekanntesten Politiker. So lauteten schon Antworten in Umfragen.

          Dem Wissen lässt sich mit Unterricht, Ausstellungen und Zeitzeugen auf die Sprünge helfen; die Schauspieler Regina Felber und Thomas Förster haben einen anderen Ansatz gewählt: In einer Stunde lassen sie den DDR-Alltag in rund einem Dutzend Szenen wieder aufleben. Es geht um FDJ, Wehrkunde und Mauer, um Jugend-Opposition, Westpakete und Volkskammerwahl. So soll ein „emotionaler Zugang“ zum Thema möglich werden, sagt Lutz Rathenow, Sachsens Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er hat das Stück konzipiert. „Wir bauen damit eine Brücke, und für manchen Schüler ist es der erste Schritt für ein tiefergehendes Interesse.“

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