Home
http://www.faz.net/-gpf-75jk1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Dreikönigstreffen der FDP Vogelfrei im Staatstheater

Die FDP präsentierte sich zum Dreikönigstreffen nicht als freiheitliche Partei inmitten staatsfrommer Formationen. Auch wenn geheuchelt wird wie immer, politische Freunde sind eben nicht tatsächliche.

© dpa „Wir sind ein sympathischer Haufen von Freidenkern“, verlog Rainer Brüderle am Sonntag das Binnenklima im FDP-Präsidium

Etwas weniger öffentliche Aufmerksamkeit wäre der Parteiführung lieber gewesen. Denn die FDP präsentierte sich zum Dreikönigstreffen nicht als freiheitliche Partei inmitten staatsfrommer Formationen, sondern als zerstrittene Verlierertruppe. Die Stuttgarter Kundgebung, mit der seit der Frühzeit der Bundesrepublik das politische Jahr beginnt, lenkt in nachweihnachtlicher Stille die Blicke auf die kleine Partei und zieht am 6. Januar im Staatstheater am Schlossgarten Aufmerksamkeit auf sich.

Peter Carstens Folgen:

Geheuchelt wird dabei immer, politische Freunde sind eben nicht tatsächliche. „Wir sind ein sympathischer Haufen von Freidenkern“, verlog Rainer Brüderle am Sonntag das Binnenklima im FDP-Präsidium. Andere, nüchterne, kritisieren das derzeitige Gegeneinander als parteischädigenden politischen Egomanismus. Insbesondere in Wahljahren gerät die bürgerliche Veranstaltung im Staatstheater zum Auftakt der bevorstehenden Auseinandersetzungen um Mandate und Regierungsbeteiligung. Dabei will man sich natürlich in Bestform präsentieren nach dem Motto: Wer die Dummköpfe gegen sich hat, der verdient Vertrauen.

FDP Dreikönigstreffen © dpa Vergrößern FDP-Chef Philipp Rösler hat maßlose und erniedrigende Kritik an seiner Partei beklagt

Dieses Mal war zu fragen: Verdient Vertrauen, wer sich derart dumm-zerstritten präsentiert? Vor vier Jahren hatte Guido Westerwelle hier das schönste Jahr seines politischen Lebens eingeläutet, an dessen Ende die FDP mit über 14 Prozent Stimmenanteil wieder zurück an den Kabinettstisch kam und er selbst ins Außenministerium. Seither ging es bergab. Der 6. Januar 2013 war eine Abstiegsetappe. Es sind jedenfalls keine Dreikönigstreffen in Erinnerung, die derart von Führungsstreit ummantelt waren. Zum ersten Mal in der erinnerlichen Geschichte dieses Treffens hat dabei einer der Spitzenredner, Entwicklungsminister Dirk Niebel, die Gelegenheit genutzt, die Ablösung des Parteivorsitzenden und Hauptredners unverhüllt zu fordern. Und das zwei Wochen vor einer Landtagswahl, der in Niedersachsen, die auch mit Blick auf die Bundestagswahl als wichtige Wegmarke gilt.

Beim vorabendlichen Ball in der alten Reithalle begrüßten und umarmten sich die Kontrahenten im andauernden Führungsstreit – Brüderle, Niebel und der Parteivorsitzende, Philipp Rösler – unter den Blitzlichtern der Fotografen und im Lichte der Fernsehkameras. Abseits der rosaroten Glitzerkleider der Balldamen wurde in Hintergrundgesprächen fortgesetzt, was mancher, allen voran Niebel, in Interviews zuvor bereits intoniert hatte: Die Demontage des amtierenden Vorsitzenden. Nur von Brüderle bloß Gutes.

FDP Dreikönigstreffen © dpa Vergrößern Niebel hatte auf der Bühne den Rammbock zu geben

Niebel leistet uneigennützig Hilfe zu einer Entwicklung, die er selbst für unumgänglich hält, nämlich einen baldigen Führungswechsel. So will er der Partei eine Chance sichern, im Herbst im Bundestag vertreten und eventuell an der Regierung beteiligt zu bleiben. Dass Niebel dabei inzwischen der Wahlkampfführung der FDP in Niedersachsen massiv schade, wird wiederum von Rösler und dessen Anhängern laut beklagt. Niebel seinerseits hält sich zugute, das Wohl der Gesamtpartei im Auge zu haben und nicht alleine eine regionale Wahl.

Neben den aktiv Beteiligten gab es bei diesem Treffen noch die bewussten Spätkommer, Persönlichkeiten der FDP wie Außenminister Westerwelle oder der nordrhein-westfälische Parteivorsitzende Christian Lindner, die früher amtshalber gerne in der Bar der Ball-Hotels Zuhörer um sich sammelten, um mit einer Mischung aus Weihnachtsurlaubsplauderei und politischer Belehrung zu unterhalten. Dieses Jahr trafen sie erst kurz vor der eigentlichen Kundgebung in Stuttgart ein. In der Hotelhalle sah man am frühen Morgen auch noch einmal Hans-Dietrich Genscher, vertieft in die Lektüre eines epischen Zeitungsporträts über Hans-Dietrich Genscher.

FDP Dreikönigstreffen © dpa Vergrößern „Stolz auf seine liberale Familie“: Rainer Brüderle

Rösler, furchtbar erkältet vor seiner Rede, die überlebensnotwendig gelingen musste, trug seine Erwägungen am Vorabend in einem klimatisierten Nebensaal des Ballgeschehens vor. Am Sonntag Mittag stand er im Redner-Wettstreit mit Brüderle, dem meistgenannten Nachfolgerkandidaten. Es ging zwischen den beiden vornehm zu, denn Brüderle verteidigt erfolgreich den Anschein, er wolle nicht Parteivorsitzender werden und schätze, im Grunde jedenfalls, Rösler. Der hielt dann eine passable Ansprache, die zwar steif wie ein Besenstiel begann, mit Ausführungen darüber, warum es eine liberale Partei geben müsse. Mit Dauer der zweistündigen Veranstaltung wurde Rösler aber klar, dass zumindest ein Teil des Publikums ihm gerne applaudieren wollte, wenn er nur einige seiner feinen ironischen Bemerkungen vom Stapel lasse. Denen tat er dann den Gefallen.

Niebel hingegen hatte auch auf der Bühne des Theaters den Rammbock zu geben hatte, der die Tür aufstoßen will zu einem Ausweg aus der Vier-Prozent- und Führungskrise. Brüderle aber beschwor die Einheit der Partei, lobte die FDP-Minister, als wären sie Heilige oder Propheten und warb in seiner stark bejubelten Rede für einen kämpferischen Aufbruch. Es gebe keine Partei, schloss Brüderle, von seinen eigenen Bemerkungen gerührt, die sei „wie meine FDP“, er sei „stolz auf seine liberale Familie“. Er werde für diese Partei kämpfen, versprach der Bundestagsfraktionsvorsitzende, der zum ersten Mal in seinem politischen Leben eine der Stuttgarter Hauptreden halten durfte. „Auf in den Kampf!“, rief er zum Abschluss: „Wir heißen nicht nur freie Demokraten, sondern wir sind es auch.“

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wirtschaft fordert Schnelles Internet in jedem Schwarzwaldtal

Wer nicht ans schnelle Internet angeschlossen ist, hat keine Chance auf Wohlstand, klagt die Wirtschaft in Baden-Württemberg. Und verlangt, dass der Staat schneller neue Kabel verlegen lässt. Mehr

17.08.2015, 08:49 Uhr | Wirtschaft
Neuland? Merkel vergleicht Facebook mit Waschmaschine

Die Bundeskanzlerin hat auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart mit einem ungewöhnlichen Vergleich für Aufmerksamkeit gesorgt. Mehr

06.06.2015, 11:33 Uhr | Gesellschaft
Bundesliga-Start Handball-Aufschwung Ost

Drei Teams aus den neuen Bundesländern spielen künftig in der Handball-Bundesliga. Einem Klub wird gar der große Coup zugetraut. Und der Oberbürgermeister von Aschersleben wird wohl das wichtigste Amt im DHB übernehmen. Mehr Von Rainer Seele

20.08.2015, 09:35 Uhr | Sport
Loveparade-Katastrophe Rückblick: Anklage gegen zehn Personen

Sechs Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung und vier Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters sollen angeklagt werden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Rainer Schaller, Leiter der Veranstaltungsfirma, sind nicht darunter. Mehr

09.03.2015, 15:44 Uhr | Politik
Kommentar Wieder Zeit verloren

Was Alexis Tsipras tut, tut er allein, um an der Macht zu bleiben. Mir seinem Rücktritt mutet er Griechenland – und seinen Partnern – eine neue politische Krise zu. Ein Kommentar. Mehr Von Rainer Hermann

21.08.2015, 15:59 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 06.01.2013, 13:53 Uhr

Dieser Strom wird nicht verebben

Von Rainer Hermann

Wer je geglaubt haben sollte, der Nahe Osten sei weit weg und gehe uns nichts an, ist eines Besseren belehrt. Und es werden weiter Flüchtlinge aus der Region zu uns kommen. Die Konflikte sind nicht rasch zu lösen. Mehr 0

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden